Irans Atomprogramm
Durch den Krieg schwer beschädigt, aber nicht vernichtet
Vor dem Krieg hatte der Iran große nukleare Ambitionen. Viele Anlagen, viel Knowhow und Materialien sind in den vergangenen Wochen durch die amerikanisch-israelischen Luftangriffe zerstört worden. Wie viel ist aber unklar.
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Die iranische Atomanlage in Natanz vor den ersten Bombardierungen im Jahr 2025.
Von Markus Brauer/AFP
Niemals dürfe der Iran Atomwaffen besitzen. Dies ist eine der Begründungen, mit denen US-Präsident Donald Trump den Krieg gegen den Iran begonnen hat.
Der Streit um das iranische Atomprogramm steht auch im Mittelpunkt der Verhandlungen, welche die USA und der Iran unter pakistanischer Vermittlung führen. Nach Angaben von Experten haben die US–israelischen Angriffe dem iranischen Nuklearprogramm zwar bereits schwere Schäden zugefügt, es jedoch nicht komplett vernichtet.
Infrastruktur und Knowhow wurden vernichtet
„Der Iran ist nicht mehr die Schwellenmacht, die er einst war“, konstatiert ein israelischer Diplomat. Ein nuklearer Schwellenstaat verfügt über das Fachwissen, die Ressourcen und die Einrichtungen, um kurzfristig eine Atomwaffe bauen zu können.
Im Krieg gegen den Iran sei nicht nur wichtige Infrastruktur, sondern auch Know-how zerstört worden, erläutert der Diplomat. Wissenschaftler seien getötet und Universitäten gezielt angegriffen worden, „in denen sich die Rechenzentren mit dem iranischen Fachwissen befanden“.
„Irans Atomprogramm erheblich zurückgeworfen“
Auch der Experte Spencer Faragasso vom Institute for Science and International Security, einer auf die Beobachtung des iranischen Atomprogramms spezialisierten US-Denkfabrik, stellt fest: „Insgesamt hat dieser Konflikt das iranische Atomprogramm erheblich zurückgeworfen.“ Es werde „viel Zeit, Investitionen und Ressourcen erfordern, all diese verlorenen Fähigkeiten wiederherzustellen“.
Teheran hat stets die Anschuldigungen zurückgewiesen, dass es die Entwicklung von Atomwaffen betreibe, und beteuert, dass sein Nuklearprogramm allein zivilen Zwecken diene. Allerdings hat der Iran nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in den vergangenen Jahren Uran auf 60 Prozent angereichert.
Das liegt weit über dem Anreicherungsgrad, der für den Betrieb von Atomkraftwerken nötig ist. Und schon ziemlich nahe an dem Grad von 90 Prozent, der für eine Atombombe gebraucht wird.
Kein Zugriff auf hochangereichertes iranisches Uran
Vor dem zwölftägigen israelischen Krieg gegen den Iran im vergangenen Juni, an dem sich zeitweise auch die USA beteiligten, hatte die IAEA berechnet, dass das Land über etwa 440 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran verfügte. Damals wie auch in dem Ende Februar begonnenen neuen Krieg ist es den USA und Israel nicht gelungen, Zugriff auf das hochangereicherte iranische Uran zu erlangen.
Ein Teil des Bestands an hoch angereichertem Uran wird weiterhin in den Tunneln am Standort Isfahan im Zentrum des Landes vermutet. Mindestens 220 Kilogramm des auf 60 Prozent angereicherten Urans solle in dem unterirdischen Tunnelkomplex in Isfahan gelagert sein, berichtet Faragasso. „Der Verbleib der anderen Hälfte ist unklar, aber wir glauben, dass sie unter den Trümmern in Fordo vergraben ist.“ Die Atomanlage Fordo liegt ebenfalls im Zentrum des Landes.
Die Entsendung von Bodentruppen, um diese Uranvorräte zu beschlagnahmen, wäre ein sehr komplizierter und gefährlicher Einsatz. Diskutiert wird darüber, wie das hochangereicherte Uran stattdessen auf friedlichem Weg aus dem Iran geholt werden könnte.
Russland bot an, bei einem Friedensabkommen zwischen Washington und Teheran solches iranisches Uran auf seinem Staatsgebiet zu lagern. Doch dieses Szenario ist für die Europäer undenkbar angesichts des seit mehr als vier Jahren andauernden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Moskau und Teheran kooperieren bereits im nuklearen Bereich – beim Bau und Betrieb des AKW Buschehr im Südiran.
Was die USA fordern und Iran abietet
Laut US-Medienberichten fordern die USA im Ringen um eine Friedenslösung eine 20-jährige Pause der iranischen Urananreicherung. Teheran soll demnach vorgeschlagen haben, seine nuklearen Aktivitäten für fünf Jahre auszusetzen.
Allerdings beharrt der Iran auf seinem „unanfechtbaren“ Recht auf die Urananreicherung. Der Sprecher des Außenministeriums in Teheran, Esmail Baghai, sagt jedoch auch, dass das „Ausmaß“ der Anreicherung „verhandelbar“ sei.
Durch die Kriegsschäden ist der Iran nach Einschätzung des Experten Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jerusalem jedoch ohnehin „nicht mehr in der Lage, Uran anzureichern“. Es bleibt demnach bei den vorhandenen Beständen, und eine Urananreicherung auf mehr als 60 Prozent ist nicht möglich. „Das bedeutet, dass sie derzeit keine Atombombe bauen können“, sagt Orbach.
Übersicht über die Atomanlagen des Iran
Natanz
Die schwer gesicherte Atomfabrik Natanz rund 250 Kilometer südlich von Teheran ist die bekannteste iranische Atomanlage. Ihre Existenz wurde 2002 enthüllt. Sie besteht aus einer oberirdischen und einer unterirdischen Anlage zur Urananreicherung mit insgesamt fast 70 Kaskaden, in denen Zentrifugen hintereinandergeschaltet sind. Insgesamt gibt es mehr als 10.000 Einzelzentrifugen.
Fordo
Der Bau der unterirdischen Atomfabrik nahe der heiligen Stadt Ghom erfolgte unter Missachtung von UN-Resolutionen und wurde der IAEA im September 2009 mitgeteilt. Die in bergigem Gebiet nahe einer Militärbasis gelegene Anlage wurde von Teheran zunächst als „Hilfsgelände“ für den Fall von Luftangriffen bezeichnet, bevor Teheran mitteilte, dass es sich um eine Anlage zur hohen Anreicherung von Uran handele, die Platz für 3000 Zentrifugen biete.
In Fordo wurden 2023 auf 83,7 Prozent angereicherte Uranpartikel entdeckt. Der Iran bezeichnete sie als Produkt „unbeabsichtigter Schwankungen“ während des Anreicherungsprozesses.
Isfahan
In Isfahan wird das aus Minen in der Wüste gewonnene gelbe Uranoxid (Yellowcake) in Urantetrafluorid (UF4) und Uranhexafluorid (UF6) umgewandelt. Diese Urankonversion ist eine Vorstufe der Anreicherung, bei der das Uran später weiterverarbeitet wird, damit es als Brennstoff für Kraftwerke oder auch für Atomwaffen verwendet werden kann. Die Anlage zur Urankonversion wurde 2004 industriell getestet.
Im April 2009 wurde ein Labor eingeweiht, in dem schwach angereicherter atomarer Brennstoff für mögliche Atomkraftwerke produziert wird. Anfang 2024 gab der Iran den Baubeginn für einen neuen Forschungsreaktor auf dem Gelände bekannt.
Arak
Der Bau des Schwerwasserreaktors, der offiziell Plutonium für medizinische Forschungszwecke herstellen sollte, begann in den 2000er Jahren. Mit dem Internationalen Atomabkommen von 2015 wurde das Projekt eingefroren. Der Kern des noch unfertigen Reaktors wurde mit Beton unbenutzbar gemacht.
Neben hochangereichertem Uran kann auch Plutonium zur Herstellung von Atomwaffen verwendet werden.
Teheran
Das Atomforschungszentrum in der iranischen Hauptstadt verfügt über einen 1967 von den USA gelieferten Forschungsreaktor zur Produktion medizinischer Isotope.
Buschehr
Das Atomkraftwerk in Buschehr mit seinem 1000-Megawatt-Reaktor wurde mit russischer Hilfe erbaut und im September 2011 in Betrieb genommen. Vor der iranischen Revolution im Jahr 1979 war der Bau von Deutschland unterstützt worden. Zwei weitere Reaktoren befinden sich derzeit – mit russischer Hilfe – im Bau.
Darchowin und Sirik
Ende 2022 begann der Iran mit dem Bau eines Kraftwerks in Darchowin im Südwesten des Landes mit einer Kapazität von 300 Megawatt. Anfang 2024 begann die Arbeit an einem neuen Komplex aus vier Kraftwerken mit insgesamt 5000 Megawatt in Sirik an der Straße von Hormus.
