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Egoistisch und hilfsbereit, eiskalt und nett

Gutachter bescheinigt 31-jährigem Angeklagten im Endersbacher Tötungsfall einen „ausgesprochen schillernden Charakter“

Archivfoto: A. Palmizi

© ALEXANDRA PALMIZI

Archivfoto: A. Palmizi

Von Andrea Wüstholz

WEINSTADT/STUTTGART. Hilfsbereit sei er, ein ganz ein Lieber, ein smarter, gut aussehender Typ noch dazu: Zum 31-jährigen Angeklagten im Endersbacher Tötungsfall fühlten sich viele Frauen heftig hingezogen. Mehrere Zeuginnen zeichneten am Donnerstag vor Gericht ein überaus positives Bild von jenem Mann, der zugegeben hat, seine Freundin Anfang Juli 2019 in Endersbach gewürgt und ihren leblosen Körper an der Rems abgelegt zu haben (wir berichteten).

Es existiert offenbar noch eine andere, vollkommen gegensätzliche Seite dieser Persönlichkeit: Als „berechnend“ und „eiskalt“, wenn es um Geld ging – so beschrieb eine frühere Partnerin des Angeklagten den Weinstadter. Er habe sie nicht nur mit ihrer eigenen Schwester betrogen, sondern auch ihr Konto abgeräumt, ständig gelogen, „Spielchen“ getrieben – und dennoch seelenruhig geschlafen.

Von einem „ausgesprochen schillernden Charakter“ sprach der psychiatrische Gutachter Peter Winckler vor Gericht. Ichbezogen, kalt, in Ansätzen narzisstisch und moralfrei agierend beim Akquirieren von Geld habe sich der 31-Jährige gezeigt. Gleichzeitig werde er von vielen Frauen als liebenswürdig und nett beschrieben. Eine massive Spielsucht attestierte der Gutachter dem Beschuldigten durchaus. Doch habe dessen Mutter in ihrer Vernehmung bei der Polizei von Unregelmäßigkeiten berichtet, die schon vor dem Beginn der Sucht auffielen. Offenbar hatte der 31-Jährige vor vielen Jahren bei seinem Arbeitgeber in die Kasse gegriffen. Er ist mehrfach wegen einer Vielzahl von Diebstählen und wegen Computerbetrugs vorbestraft.

Seit Längerem schon besteht kein Kontakt mehr zur Mutter und zur Schwester, obwohl die Familie offenbar früher ein sehr gutes Verhältnis pflegte. Im Gespräch mit dem Gutachter hatte der Mann von einer unproblematischen, schönen Kindheit berichtet, von Herzlichkeit und liebevollem Umgang. Der Kontakt brach ab, weil der Mann log und betrog, hieß es. Die Mutter und die Schwester erschienen beide als Zeuginnen vor Gericht, verweigerten aber die Aussage.

Trotz ständiger Lügengeschichten hielt eine heute 37-jährige Frau aus Waiblingen sechs Jahre lang an einer sehr intensiven Freundschaft mit dem Angeklagten fest. Man redete nächte- und tagelang, sie besorgte ihm Jobs, ließ ihn bei sich wohnen, stand Krisen mit ihm durch, lieh im Geld wie ungezählte Menschen im Umfeld des Mannes. Und sie profitierte ihrerseits von der Freundschaft: Nach dem Scheitern ihrer Ehe hatte sie einen echten Freund bitter nötig. Auch diese Frau brach schließlich den Kontakt zum Angeklagten ab: „Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich gesagt habe, ich muss mich selber schützen.“

Der Einschätzung dieser engen früheren Weggefährtin zufolge könne nur ein „Kurzschluss“ zur Tötung der Frau geführt haben. Er habe sich wohl „an die Wand gedrängt gefühlt“. Mit der Frau, die dann durch die Hand des 31-Jährigen starb, habe der Angeklagte nur eine Affäre gehabt. Mit seiner schwangeren Lebensgefährtin lebte er unterdessen zusammen und schmiedete Zukunftspläne mit ihr. Er habe befürchtet, die eifersüchtige Sexpartnerin werde alles auffliegen lassen – und dann werde er wie so oft wieder vor dem Nichts stehen – diese Eindrücke schilderte die Zeugin.

Analyse des Gutachters: Keine Tat im Affekt

Nein, es war kein „Kurzschluss“, also keine Affekttat, so die Analyse des Gutachters: Das Tatgeschehen habe dafür viel zu lange gedauert; die beiden hatten sich am frühen Morgen des 4. Juli heftig gestritten und die Frau war früheren Aussagen des Angeklagten zufolge heftig auf ihn losgegangen.

Was sie glaube, wie es zu dieser Tat habe kommen können, fragte der Vorsitzende Richter. „Ich weiß es nicht“, antwortete die Zeugin. Sie besucht den 31-Jährigen regelmäßig im Gefängnis, die Beziehung besteht fort. Frage des Richters: „Wollen Sie auf ihn warten? – „Darauf möchte ich nicht antworten“, sagte die junge Frau, und kurz darauf: „Ich weiß es noch nicht.“ Ihre Kontrahentin, die damalige Lebensgefährtin des Mannes, hat inzwischen ihr Kind zur Welt gebracht. Die 23-jährige gebürtige Ungarin wusste zwar, wie sie im Zeugenstand sagte, dass ihr Partner, der auch ihr Chef war, zuvor eine Affäre mit einer Kollegin gehabt hatte. Doch sie dachte, die Sache sei zu Ende. Als ihr Lebensgefährte am frühen Morgen des 4. Juli nach der Nachtschicht nach Hause kam, fielen ihr Schürfwunden an ihrem Partner auf. Nichts weiter, nur ein Sturz vom Rad, habe der Vater ihres Kindes gesagt. Ansonsten habe er sich nicht besonders auffällig verhalten.

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Erstellt:
24. Januar 2020, 06:00 Uhr

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