Ehemaliger Backnanger hilft in Polen

Seit Kriegsbeginn sind mehr als zwei Millionen Ukrainer nach Polen geflüchtet. Viele Menschen dort teilen ihr Zuhause mit den Flüchtlingen. So macht es auch Manfred Haerer, der sich in Backnang einst als Sportler einen Namen gemacht hat und seit 2016 bei Breslau wohnt.

Wolodymir, Zhana und Karolina (von links nach rechts) sind aus der Ukraine geflüchtet. Sie sind in Polen bei der Familie des Altbacknangers Manfred Haerer untergekommen. Links von ihm ist seine Frau Jadwiga mit dem Sohn Antoni Hans und der Tochter Julia. Foto: privat

Wolodymir, Zhana und Karolina (von links nach rechts) sind aus der Ukraine geflüchtet. Sie sind in Polen bei der Familie des Altbacknangers Manfred Haerer untergekommen. Links von ihm ist seine Frau Jadwiga mit dem Sohn Antoni Hans und der Tochter Julia. Foto: privat

Von Anja La Roche

Backnang/Breslau. Ob als Fußballspieler beim FC Viktoria Backnang oder später als Tänzer auf nationalem Spitzenniveau bei der TSG Backnang – der Name Manfred Haerer ist vielen Sportbegeisterten aus dem Raum Backnang bekannt. Dass man schon eine Weile nichts mehr von dem Sportler gehört hat, könnte daran liegen, dass er 2016 berufsbedingt nach Polen ausgewandert ist. Dort wohnt er inzwischen mit seiner neuen Frau Jadwiga, seiner Stieftochter Julia und seinem zweijährigen Sohn Antoni Hans in einer kleinen Gemeinde bei Breslau, etwa 550 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

Den Russland-Ukraine-Krieg erlebt Manfred Haerer dort viel unmittelbarer, als es in seiner deutschen Heimat der Fall wäre. Viele Ukrainer flüchten derzeit in den Nachbarstaat. So auch in die polnische Gemeinde, in der Haerer wohnt. Vor etwa drei Wochen haben er und seine polnische Ehefrau eine Ukrainerin mit zwei Kindern bei sich aufgenommen. Doch nicht nur die Flüchtlinge lassen den Backnanger den Krieg spüren, der im Nachbarland weiter tobt. Er verspürt auch eine große Unsicherheit in seiner polnischen Nachbarschaft. Die Angst vor dem Krieg sei sehr präsent.

Die Ukrainerin und ihre Kinder wohnen im zukünftigen Zimmer des Sohns

Um ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen, hat sich Manfred Haerer auf einen Aufruf der Gemeinde gemeldet. Diese habe gebeten, freien Wohnraum zu melden, um geflüchtete Menschen dort unterzubringen. So kam es, dass die Ukrainerin Zhana, die im fünften Monat schwanger ist, und ihre achtjährige Tochter sowie ihr elfjähriger Sohn an Manfred und Jadwiga Haerer vermittelt wurden. Sie kamen einige Tage später als angekündigt mit dem Zug an. Geflüchtet sind sie aus ihrer Heimatstadt Schytomyr, welche von russischen Truppen bombardiert wurde, die auf ihrem Marsch nach Kiew die Stadt durchquerten.

Die Ukrainerin und ihre Kinder wohnen nun im zukünftigen Zimmer des Sohnes von Manfred Haerer und seiner Frau. Die Registrierung auf dem Amt sei nach drei Tagen Wartezeit möglich gewesen, sodass die schwangere Frau zum Arzt und die Kinder in die Schule gehen können. „Die Gemeindeverwaltung hier ist völlig überlaufen“, sagt Haerer. Die finanzielle Unterstützung für die Flüchtlingshelfer ist dabei unsicher: „Uns wurden für die ersten zwei Monate Aufnahme von Flüchtlingen zwar 250 Euro zugesichert. Seitdem bekommen wir aber keine weiteren Informationen mehr“, sagt Manfred Haerer.

Um dennoch über die Runden zu kommen, hat seine Frau einen Spendenaufruf gestartet (siehe Anhang). Bekannte aus Backnang und der polnischen Nachbarschaft unterstützten die Familie bereits mit zahlreichen Spenden. Darunter spendete jemand sogar eine Friseurausstattung für die geflüchtete Ukrainerin. So kann sie, die gelernte Friseurin ist, in der polnischen Gemeinde Haare schneiden und so zumindest etwas Geld verdienen.

Manfred Haerer erzählt auch von den Hilfsaktionen, die in seinem Ort für die ankommenden Flüchtlinge geleistet werden. „Wir sind eine kleine Gemeinde, aber die Hilfsbereitschaft ist sehr groß“, sagt der 58-Jährige. In der Gemeindehalle seien
50 Betten für Flüchtlinge aufgestellt worden. Viele Bewohner würden spenden. Haerer sieht diese bereitwillige Hilfe allerdings unter Vorbehalt: „Das ändert sich bestimmt, wenn noch mehr Flüchtlinge kommen.“ Auch die Anlaufstellen für Sachspenden sieht er zwiegespalten, denn viele Leute würden dort ungewaschene oder mangelhafte Klamotten abladen.

Die Nachbarn sitzen auf gepackten Koffern

Dass besonders viele Flüchtlinge aufgrund der Nähe zum Kriegsgebiet in Polen Schutz suchen, ist die eine Herausforderung für die Gemeinde, in der Haerer und seine Frau wohnen. Die andere ist die Angst der Polen davor, dass der Krieg Putins auch in ihr Land schwappt. „Es herrscht eine gewisse Unsicherheit“, beschreibt Manfred Haerer die Stimmung in seiner Nachbarschaft.

Das geht sogar so weit, dass manche Leute auf gepackten Koffern sitzen würden, erzählt der ehemalige FCV-Kicker. Manche Polen halten es also für möglich, dass sie eventuell ebenfalls aus ihrer Heimat fliehen müssen. Manfred Haerer führt das auf ein grundsätzliches Missvertrauen der Polen in die Nato zurück – ganz anders als er es in Deutschland wahrgenommen hat.

Bei dem Altbacknanger und seiner Frau Jadwiga erklingt nun daheim ein Sprachmix aus polnisch, englisch, deutsch und ukrainisch. Als er dieses sprachliche Durcheinander erwähnt, muss Manfred Haerer lachen. Er scheint den Herausforderungen mit Optimismus entgegenzutreten. Und die Verständigung wird bestimmt mit der Zeit einfacher. Immerhin geht Manfred Haerer davon aus, dass die Ukrainerin mit ihren zwei Kindern – und in wenigen Monaten drei Kindern – noch ein halbes bis ganzes Jahr in seinem Haus bleiben wird. Denn es wird noch ganze eine Weile brauchen, bis ihre zerbombte Heimatstadt wieder bewohnbar ist, vermutet Haerer. „Die Infrastruktur in Schytomyr ist kaputt, mit einem Neugeborenen ist das schwierig.“

Spendenaufruf Um die gestiegenen Kosten für Strom, Wasser und weiteren Bedarf für die schwangere Frau und ihre Kinder decken zu können, bitten Manfred und Jadwige Haerer um Geldspenden. Den Aufruf findet man unter: www.betterplace.me/unterstuetzung-fuer-ukrainische-familie.
Manfred Haerer verabschiedete sich 1998 vom FC Viktoria Backang.Archivfoto: J. Fiedler

Manfred Haerer verabschiedete sich 1998 vom FC Viktoria Backang.Archivfoto: J. Fiedler

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Erstellt:
29. März 2022, 06:00 Uhr

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