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„Ehrlichkeit ist in einem Krisenfall wichtig“

Das Interview: Eva Schwämmlein und Julian Hof arbeiten in der Schulpsychologischen Beratungsstelle Backnang und waren nach der Tötung einer 41-jährigen Frau und deren neunjähriger Tochter im Juni in Allmersbach im Tal mit der psychologischen Betreuung der dortigen Grundschüler und Lehrer im Einsatz.

Kinder, die bereits andere Verlusterfahrungen gemacht haben oder mit Schwierigkeiten verschiedenster Art zu tun haben, sollte man besonders in den Blick nehmen, raten die Schulpsychologen. Die Reaktionen auf schreckliche Ereignisse wie in Allmersbach im Tal können aber grundsätzlich ganz unterschiedlich ausfallen.  Symbolfoto: Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Kinder, die bereits andere Verlusterfahrungen gemacht haben oder mit Schwierigkeiten verschiedenster Art zu tun haben, sollte man besonders in den Blick nehmen, raten die Schulpsychologen. Die Reaktionen auf schreckliche Ereignisse wie in Allmersbach im Tal können aber grundsätzlich ganz unterschiedlich ausfallen. Symbolfoto: Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Von Bernhard Romanowski

Frau Schwämmlein, Herr Hof, Sie waren als Mitarbeiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle Backnang auch mit der Betreuung der Grundschüler in Allmersbach im Tal betraut, nachdem es dort zur Tötung einer Frau und deren neunjähriger Tochter gekommen ist.

Die Schulleiterin Kerstin Schweizer-Seibert hatte am Sonntag bereits mit den Lehrkräften gesprochen, um den Montag für die Kinder vorzubereiten. Als wir am Montag vor Ort waren, hatte die Schule zusammen mit dem Pfarrer Jochen Elsner bereits einen Trauerraum eingerichtet, den die Kinder in Begleitung ihrer Lehrkräfte in kleinen Gruppen besuchen konnten. Dort konnten die Schülerinnen und Schüler mit dem Pfarrer über das Geschehene reden. Für Kinder mit intensiverem Gesprächsbedarf gab es ein zusätzliches Gesprächsangebot von uns.

Die Resonanz der Eltern auf Ihre Arbeit war äußerst positiv. Wie sind Sie dort vorgegangen, um die Kinder bei der Verarbeitung des schrecklichen Geschehens zu unterstützen?

In solchen Gesprächen hören wir ausführlich zu und lassen uns vom Kind erzählen, was es beschäftigt. Wir fassen dann oft noch mal zusammen, was gesicherte Informationen sind, und besprechen die verschiedenen Arten, wie Menschen, egal ob jung oder alt, groß oder klein, auf so einen Vorfall reagieren.

Wie sehen diese Reaktionen aus?

Manche empfinden tiefe Trauer, können nicht aufhören zu weinen, andere fühlen sich ohnmächtig, glauben gar keine Gefühle zu haben, manche werden albern, müssen ständig kichern, während andere ernst sind. Wir erklären, dass alle Rektionen normal sind. Es sind alles normale Reaktionen auf ein ungewöhnliches Ereignis. Dann reden wir mit dem Kind darüber, was man braucht, dass es einem besser geht. Zum Beispiel sammeln wir zusammen mit dem Kind fünf Personen, die ihr oder ihm jetzt helfen könnten, und fünf Aktivitäten, die es ablenken oder aufheitern können.

Woran merken Sie in solch einem Kontext, dass ein Kind vielleicht mehr Gesprächsbedarf hat als die anderen oder dass es möglicherweise mit der Situation nicht so gut zurechtkommt?

Oft sind Kinder, die enge Freunde waren, besonders betroffen, oder Kinder, die bereits selbst etwas Ähnliches erlebt haben beziehungsweise in letzter Zeit andere Verlusterfahrungen gemacht haben. Kinder, die gerade nicht fest auf beiden Beinen stehen, weil sie ohnehin gerade mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind, egal ob in der Schule oder zu Hause, sollte man in den Blick nehmen. In der Regel können Kinder auch selbst ganz gut einschätzen, ob sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein ausführlicheres Gespräch mit einem Erwachsenen brauchen oder nicht.

Was gilt es dabei zu vermeiden?

Man sollte Kindern wie Erwachsenen keine gut gemeinten Gespräche aufdrängen. Es ist in der Regel besser, den Wunsch des Kindes erst einmal zu akzeptieren und vielleicht etwas gemeinsam zu tun anstatt zu reden: kuscheln, spielen, Sport machen, gemeinsam kochen, Mathe machen und so weiter. Es ist gut, immer mal wieder, mit etwas Zeit dazwischen, ein Gesprächsangebot zu machen.

Wobei auch hier der Bedarf der Kinder ganz unterschiedlich sein kann. Wie schnell sollten die Eltern reagieren?

Manche Kinder haben sofort Gesprächsbedarf und viele Fragen, andere später. Es hilft, wenn Eltern und die Schule im Austausch bleiben, sodass sie, falls ihnen in den folgenden Tagen oder Wochen etwas auffällt, die Trauerreaktionen sich nicht bessern oder das Kind Verhaltensweisen zeigt, die sie nicht einordnen können, besprechen können, wer die Situation wie mit dem Kind anspricht. Ob ein Kind ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe benötigt, kann man in der Regel erst zirka vier bis sechs Wochen nach einem Ereignis feststellen, denn in der Akutsituation gilt: Alle Reaktionen sind normale Reaktionen auf ein ungewöhnliches Ereignis.

Findet eine Nachbearbeitung in irgendeiner Form zu dem Fall in Allmersbach statt? Können sich Eltern mit ihren Kindern im Nachgang der dortigen Betreuung noch an Sie wenden? Oder empfehlen Sie im Bedarfsfall andere, eventuell weitergehende Maßnahmen?

Wir empfehlen den Eltern und Lehrkräften nach vier bis sechs Wochen noch mal genauer hinzusehen, ob die Trauerreaktionen abgeklungen sind beziehungsweise ob sie sich verbessert haben. Bei hartnäckigen Verhaltensänderungen oder Veränderungen in der Stimmung und Gefühlswelt der Kinder empfehlen wir, sich noch mal bei uns zu melden. Wir überlegen dann zusammen mit den Eltern, ob eine psychotherapeutische Begleitung hilfreich sein könnte oder was man sonst noch tun könnte.

Haben Sie auch mit den Lehrern der Grundschule gearbeitet?

Neben der Arbeit mit Kindern ist ein wichtiger Teil unserer Unterstützung die Arbeit mit den Erwachsenen an der Schule: mit der Schulleitung, den Lehrkräften, manchmal auch mit den Eltern.

Krise braucht klare Kommunikation. Wenn Erwachsene sich sicher fühlen, wenn sie wissen, welche Informationen sie den Kindern geben können, wie sie auf Fragen der Kinder reagieren können, dann können sie die Kinder am besten begleiten. Das ist unser Ziel, denn aus psychologischer Sicht ist es am hilfreichsten, wenn vertraute Personen für die Kinder da sind. Das gibt den Kindern ein Gefühl von Sicherheit.

Wie ging das in Allmersbach vonstatten?

In Allmersbach waren wir mit der Schulleiterin Frau Schweizer-Seibert im Austausch und standen den Lehrkräften im Rahmen einer Gesamtlehrerkonferenz für Fragen zur Verfügung. Und es hat ein Nachmittag mit den Eltern der hauptbetroffenen Klasse stattgefunden, bei dem Eltern Fragen zu den Trauerreaktionen ihrer Kinder stellen konnten. Häufige Fragen von Lehrkräften an uns sind, wie man mit Gerüchten umgehen soll oder damit, dass manche Kinder im Gespräch mit der Klasse nicht ernst bleiben können. Eltern machen sich häufig Sorgen oder sind verunsichert, wenn ihre Kinder Ängste entwickeln oder nicht mit ihnen sprechen möchten.

Wie gehen Sie selbst mit so etwas um? Ist das eine Frage der Persönlichkeit, die Dinge nicht zu nah an sich heranzulassen, oder gibt es erlernbare Methoden, die einem dabei helfen?

Durch unsere berufliche Erfahrung sind uns diese Situationen vertrauter, und wir haben ja auch eine professionelle Rolle in diesen Momenten. Das hilft, so ist es leichter, gefasst zu bleiben, auch wenn man Personen gegenübersitzt, denen es in diesem Moment sehr schlecht geht; es geht darum, emotional mitzugehen, empathisch zuzuhören, ohne dabei die Fassung zu verlieren. In der Beratung sollte man ihnen Halt geben.

Dazu haben Sie eine spezielle Schulung durchlaufen?

Wir im Team der Schulpsychologie in Backnang sind alle im Bereich der Krisennachsorge ausgebildet worden. So haben wir Handlungssicherheit in Momenten, in denen man typischerweise nicht weiß, was der nächste Schritt ist. Unser Leitsatz in Krisen ist „be prepared“ (zu Deutsch: „Sei vorbereitet.“) Des Weiteren ist es wertvoll für uns, dass wir in Krisenfällen in der Regel im Team oder im Tandem an Schulen gehen und unsere Einsätze auch im Team nachbesprechen.

Was hilft Ihnen noch dabei?

Es hilft auch, sich nicht zu sehr mit den schrecklichen Einzelheiten und Gerüchten rund um einen Vorfall zu beschäftigen. Wir konzentrieren uns darauf, was Betroffenen helfen kann, sich zu stabilisieren und die Situation zu bewältigen. Und schließlich löst es auch einfach ein gutes Gefühl aus, helfen zu können.

Was brauchen Kinder in Krisensituationen, um ein schwieriges Erlebnis gut bewältigen zu können?

Der Kontakt zu vertrauten Personen ist wichtig. Diese sollten zuhören, Fragen beantworten, auf Ängste der Kinder eingehen und sie beruhigen, indem sie ihnen Sicherheit vermitteln. Sätze wie „Du bist in Sicherheit“ oder „Ich bin für dich da“ bringen das auf den Punkt. Die Kinder müssen spüren, dass sie ernst genommen werden und ihre Gefühle zulassen können.

Es dürfte bei Geschehnissen wie in Allmersbach auch Erwachsenen nicht so leicht fallen, immer eine Antwort parat zu haben.

Deshalb muss man die Fragen ehrlich beantworten. Wenn man keine Antwort weiß, ist es besser, ehrlich zu sagen: „Das weiß ich auch nicht“ oder „Das kann man nicht wissen“, anstatt sich an Gerüchten zu beteiligen. Auf die Frage nach dem Warum antworten wir häufig: „Es gibt keinen guten Grund.“ Erwachsene sollten am besten Vorbild sein im Umgang mit der Trauer, die eigenen Gefühle zulassen und ihren Kindern erzählen, was ihnen selbst guttut: „Ich bin gerade ganz traurig geworden, aber jetzt mache ich einen Spaziergang, das tut mir gut.“ Gemeinsame, schöne Erlebnisse und körperliche Aktivitäten unterstützen dabei.

Was gibt es aus Ihrer Sicht in diesem Zusammenhang zum Umgang mit Nachrichten und Medien zu sagen?

Wir empfehlen, Kinder nach Möglichkeit von Bildern und Videos fernzuhalten: Bilder können sich leicht festsetzen und zusätzlich belasten. Es ist deshalb wichtig, Nachrichten kindgerecht zu übersetzen.

Schulpsychologische Beratung

Alle Anfragen und Gespräche werden vertraulich behandelt. Die Berater stehen unter Schweigepflicht.

Die Angebote sind für Ratsuchende kostenlos.

Ratsuchende können sich direkt, also ohne Vermittlung durch Dritte anmelden.

Eine Beratung ist nur dann erfolgversprechend, wenn die Ratsuchenden selbst zu Veränderungen motiviert sind.

Die Beratung ist ausschließlich an den Anliegen der Ratsuchenden und fachlichen Kriterien orientiert.

Zur Person

Dr. Eva Schwämmlein, Diplom-Psychologin

– geboren und zur Schule gegangen in Bamberg, Bayern

– Studium der Psychologie in Tübingen, Abschluss 2007

– Promotion am Institut für Wissensmedien im Themengebiet Social Media

– seit 2011 Schulpsychologin an der Schulpsychologischen Beratungsstelle Backnang

– Ausbildung in systemischer Beratung

Julian Hof, Diplom-Psychologe

– geboren und zur Schule gegangen in Herrenberg, Baden-Württemberg

– Studium der Psychologie in Tübingen, Abschluss 2013

– von 2014 bis 2018 Schulpsychologe an den Schulpsychologischen Beratungsstellen Tauberbischofsheim und Tübingen

– seit 2018 Schulpsychologe an der Schulpsychologischen Beratungsstelle Backnang

– Ausbildung in systemischer Beratung

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Erstellt:
12. August 2020, 06:00 Uhr

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