Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Eigenvorsorge sorgt für ruhigen Schlaf

Corina und Andreas Schubert haben in ihrem Haus in der Backnanger Grabenstraße viel in den privaten Hochwasserschutz investiert

Das Hochwasser vom 13. Januar 2011 hat sich bei Corina und Andreas Schubert tief ins Gedächtnis eingebrannt. Der Keller ihres Hauses in der Grabenstraße lief komplett voll. Am Ende stand das Wasser sogar im Erdgeschoss mehr als knietief. Der Sachschaden summierte sich auf 130000 Euro. Heute können die beiden beruhigt dem nächsten Hochwasser entgegensehen, sie haben technisch aufgerüstet und vorgesorgt.

Andreas Schubert kann die mobile Spundwand innerhalb weniger Minuten aufbauen. Doch sie ist nicht die einzige Schutzmaßnahme. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Andreas Schubert kann die mobile Spundwand innerhalb weniger Minuten aufbauen. Doch sie ist nicht die einzige Schutzmaßnahme. Fotos: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Die Schutzvorkehrung, die man auch von außen sehen kann, ist eine mobile Spundwand in der Grabenstraße. Zu Demonstrationszwecken baut Andreas Schubert sie extra für den Pressetermin auf. 20 Minuten nach Aufbaubeginn ist die Sicherung schon einsatzbereit. Etwa einen Meter hoch könnte nun das Wasser in der Grabenstraße stehen, und trotzdem würde es aufgrund der Metallbarriere nicht durch die ebenerdige Eingangstür strömen können.

Der Aufbau geht nicht nur schnell, er ist auch relativ einfach. Zuerst wird ein Mittelpfeiler mit dicken Schrauben auf der Bodenfläche vor der Tür verankert. Der Pfeiler hat auf beiden Seiten Schienen, in die jeweils drei Metallelemente geschoben werden. Solche Schienen gibt es auch rechts und links der Tür am Gebäude. Im Gegensatz zum Mittelpfeiler sind sie dauerhaft am Haus montiert. Von oben werden die Elemente mit Schrauben nach unten gepresst, unten dichtet eine Gummilippe zum Boden hin ab. Innerhalb weniger Minuten ist die Tür völlig abgedichtet. Und damit niemand die Schrauben mutwillig lockern kann, erhalten sie noch eine Abdeckung, die mit einem Schloss gesichert ist.

Investitionen summieren sich auf ungefähr 40000 Euro

Für Andreas Schubert ist der Aufbau kein Problem mehr. Er hat die Barriere schon öfter zusammengeschraubt. Zum einen, damit er Übung darin bekommt, zum anderen, damit immer klar ist, dass das Material noch funktioniert. Und zum dritten, weil der Pegel der Murr in den vergangenen Jahren schon viermal einen Stand erreicht hat, dass sich der Hausherr ohne Absicherung nicht mehr wohlgefühlt hat. „Lieber einmal zu viel aufgebaut wie wieder Wasser im Keller“, lautet das Credo des 59-Jährigen, der dank der umfassenden Eigenvorsorge nun wieder ruhig schlafen kann.

Aufgrund der Barriere könnte das Hochwasser in der Backnanger Innenstadt sogar noch 15 Zentimeter höher ausfallen als bei der schlimmen 2011er-Flut und das Haus bliebe dennoch trocken. Damit dies wirklich der Fall ist, reicht der Schutz der Eingangstür allein nicht aus. So wurde zum Beispiel auch ein automatischer elektrischer Rückstauschutz eingebaut. Und an einer Öffnung des Gebäudes im Keller gar ein Druckschott, das einem U-Boot zur Ehre gereichen würde. Früher war die Öffnung eine Tür zu einem Schacht, in dem sich das Wasser aus der Drainage beziehungsweise das Grundwasser sammeln konnte. Es wurde „mittels zweier Pümpelchen“ in die Kanalisation geleitet. Die Tür ist nicht mehr, heute existiert dort nur ein Fenster mit dem besagten Schott. Der untere Teil der Öffnung wurde mit Beton verschlossen. Und die mickrigen Pumpen gegen zwei Hochleistungspumpen ersetzt. Doch auch die nutzen wenig, wenn – wie 2011 passiert – im gesamten Gebiet der Strom ausfällt. Auch dafür hat Schubert vorgesorgt. Ein Notstromaggregat steht bereit, das direkt mit dem Stromnetz des Hauses verbunden werden kann. So laufen die Pumpen weiter und es gibt weiter Licht im Haus und Strom für alles, was in solchen Fällen nötig ist.

Hausherrin Corina Schubert sagt: „Manch einem scheint das jetzt etwas übertrieben zu sein. Das ist es aber nicht, wenn man die persönlichen Konsequenzen betrachtet. Die Verhältnisse nach dem Hochwasser waren nämlich so schlimm, dass ein Bekannter über uns gesagt hat, wir seien traumatisiert gewesen.“ Und auch ihr Mann bestätigt: „Es geht nicht nur um das Wasser im Keller, das ist nach ein, zwei Tagen wieder weg. Viel schlimmer ist der Stress in den vier bis sechs Monaten danach. Zuerst das Aus- und Aufräumen. Sie wissen zuerst gar nicht, wo anfangen. Im Keller bleibt Schlamm und Dreck zurück, das kann sich niemand vorstellen.“ Dann schließt sich die Trocknung an und der Stress mit den Handwerkern und den Mietern.

Für das Ehepaar Schubert steht fest: „Man kann und muss selbst Verantwortung übernehmen und darf nicht glauben, die Stadt oder andere werden sich um den individuellen Hochwasserschutz kümmern.“ So hat Andreas Schubert eine Pegel-App auf seinem Smartphone. Sie gibt Signal, wenn der Pegel der Murr in Oppenweiler einen bestimmten Wert überschreitet. Dann kontrollieren die beiden den Wasserstand der Murr beim Biegel. „Und ab einer bestimmten Höhe bauen wir die Barriere auf“, so Schubert. Etwa 40000 Euro haben die beiden investiert. Auch in die Heizung, die einst im Keller abgesoffen ist. Sie wurde eine Etage höher verlegt.

All die Eigenschutzmaßnahmen waren wohl auch der Grund, weshalb die Versicherung, die den Schaden komplett bezahlt hat, weiter mitspielt. „Selbstverständlich ist dies nicht, sie hätte auch vom außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch machen können“, so Schubert. Aber die Hausherren haben auch schon vor dem Hochwasser jedes Jahr wegen der Nähe zur Murr einen 40-prozentigen Risikoaufschlag auf die Police bezahlt. Und sie haben bei der Abrechnung des Schadens die 873 Euro abgezogen, die es als Landeshilfe gegeben hatte. Ein feiner Zug, der beim Versicherer sehr wohl registriert wurde. Zumal andere Betroffene offensichtlich vergessen hatten, diesen Betrag von ihrer Schadenshöhe abzuziehen.

Ein Schott dichtet einen Kellerschacht ab. 2011 war das Wasser an vielen Stellen ins Haus eingedrungen.

© Alexander Becher

Ein Schott dichtet einen Kellerschacht ab. 2011 war das Wasser an vielen Stellen ins Haus eingedrungen.

Info
Starkregen – die unbekannte Gefahr

Hochwasserschutz ist eines der wichtigsten Themen an der Murr. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 33,5 Millionen Euro, wobei an der Stadt Backnang ein Eigenanteil von 13,3 Millionen hängen bleibt.

Von den 38000 Einwohnern von Backnang wären bei einem Hochwasser, wie es einmal in 100 Jahren vorkommt, etwa 2700 Bürger betroffen. Laut einer Analyse des Schadenspotenzial-Experten Peter Zeisler sind in diesem Fall Vermögensschäden von über 30 Millionen Euro zu erwarten. Hinzu kämen 7,5 Millionen Euro an Folgeschäden durch Betriebsunterbrechungen.

Dank des geplanten und im Bau befindlichen Hochwasserschutzes der Stadt könnte die Zahl der Betroffenen um 2100 Menschen und die Schadenshöhe massiv reduziert werden. Das Schutzkonzept der Stadt kombiniert technische Bauten wie Mauern und Dämme innerorts mit Rückhaltemaßnahmen außerhalb von Backnang.

Während die Schäden durch ein Hochwasser der Murr vermutlich nach Abschluss aller Maßnahmen überschaubar bleiben, droht vielen Bürgern Gefahr durch Starkregen. Dieses Phänomen tritt laut den Experten in der Folge des Klimawandels künftig vermehrt auf. Um die Gefahren abzumildern, die von dieser Seite drohen, ist die Mitarbeit jedes einzelnen Grundstückbesitzers gefragt.

Nähere Infos oder Ansprechpartner gibt’s bei der Stadt Backnang oder auf der Homepage des Landes unter www.hochwasserbw.de.

Zum Artikel

Erstellt:
17. Januar 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!