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Ein Ausrutscher für 3500 Euro

Metallbauer zu Geldstrafe wegen Erpressung, falscher Verdächtigung und Beleidigung verurteilt

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Groß und schlank ist er, bescheiden gekleidet. An den Armen, die das T-Shirt freigibt, sind Tätowierungen zu sehen. Bereitwillig gibt der Angeklagte Auskunft. Auf einen Verteidiger hat der Beschuldigte verzichtet. Er vermag das alleine. Denn der 41-jährige Backnanger hat es endlich geschafft. Im Gefängnis hat er eine Metallbauerausbildung gemacht. Bei einem bekannten Metall verarbeitenden Betrieb im Rems-Murr-Kreis steht er in Lohn und Brot. 1700 Euro im Monat können sich sehen lassen.

Wegen eines Ausrutschers, wie er meint, steht er vor dem Backnanger Amtsrichter. Er kennt diese Konfrontation vor Gericht zur Genüge. Aber das ist ja nun Vergangenheit. Eine mehr als 20-jährige kriminelle Karriere gehört der Vergangenheit an. Alles war dabei. Erschleichen von Leistungen, Trunkenheit im Straßenverkehr, Diebstahl, Sachbeschädigung. Vor allem aber Drogenhandel. Mit 15 Jahren hat er in seiner früheren Heimat Marihuana zum ersten Mal probiert. Und dann alles durchgemacht, was auf dem Betäubungsmittelmarkt zu haben war. Zuletzt war er heroinabhängig, hat sich Hepatitis geholt, wenngleich diese bei ihm noch nicht virulent ist. Viermal hat er eine Therapie angefangen, nur eine durchgezogen. Gegenwärtig ist er noch in einer Substitutionstherapie und bekommt Subutex zugeteilt. Er lebt bei den Eltern, die ihn nach Kräften unterstützen. Auch sein Schuldenberg ist überschaubar. Er spricht von etwa 3000 Euro. Er hat es geschafft. Nur noch dieser dumme Ausrutscher vom November vergangenen Jahres.

Subutex hatte er genommen. Und mit reichlich Alkohol nachgespült. Zu nachtschlafender Zeit war er Richtung Backnanger Bahnhof gewankt. Auf dem Bahnhofsvorplatz rumpelte er gegen ein Auto. Das heißt: Er sieht das natürlich anders. Der Autofahrer war rückwärts los- und habe ihn dabei angefahren. Der Wagenlenker stieg aus und erkundigte sich betroffen nach dem Befinden des Metallbauers. Dem aber kam die Situation gerade recht. 200 Euro forderte er von dem angeblichen Unfallverursacher. Dann wolle er die Sache auf sich beruhen lassen. Der ließ sich das aber nicht gefallen und musste dafür eine beleidigende Schimpftirade des Angetrunkenen über sich ergehen lassen. Man zog die Polizei hinzu. Der Metallbauer blieb dabei. Er sei angefahren worden. Die Beamten nahmen’s ihm nicht ab. Worauf auch die mit üblen Schimpfworten bedacht wurden.

So kam’s, dass aus dem Ausrutscher eine Anklage vor dem Amtsgericht wegen Erpressung, falscher Verdächtigung und Beleidigung wurde. Der Beschuldigte gibt den Sachverhalt, so wie ihn der Staatsanwalt in der Anklageschrift vorgetragen hatte, zu. Es fällt ihm leicht. Ein leichtes Grinsen huscht über sein Gesicht. Die Erinnerung an den Sachverhalt ist dank Alkohol und Subutex größtenteils ausgetilgt. Zwei Zeugen werden vom Gericht noch gehört. Dass der Angeklagte angefahren worden sei, war nicht.

Der Angeklagte

gibt alles zu

Der Staatsanwalt will’s in seinem Plädoyer mit einer Geldstrafe abgehen lassen. Zwar spreche die Menge der Vorstrafen gegen den Angeklagten. Aber er lebe nun in geordneten Verhältnissen und die Sozialprognose ist positiv. So fordert der Anklagevertreter eine Geldstrafe in Höhe von 100 Tagessätzen zu je 40 Euro. Der Angeklagte ahnt, dass er noch mal davonkommen könnte. Zum letzten Wort aufgefordert, sagt er: „Danke, dass ich nicht in den Knast muss. Und Alkohol und Drogen, das habe ich fest im Griff.“ Der Richter urteilt dann sogar noch etwas milder. 100 Tagessätze zu je 35 Euro verhängt er als Geldstrafe. Und weist darauf hin, dass man dies auch in Raten abstottern kann.

Ein Ausrutscher nach der Meinung des Angeklagten – aber ein teurer.

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Erstellt:
30. Mai 2018, 06:00 Uhr

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