Ein Bad in der eiskalten Murr

Beim Fackelschwimmen wagen sich elf Mitglieder der DLRG an der Rüflensmühle in das Wasser – Nicht nur Spaß, sondern auch eine Übung für die Rettungstaucher

Und wenn sie noch so oft versichern, dass es unter dem Neoprenanzug warm ist: Schon bei der Vorstellung, in die eiskalte Murr zu steigen, bekommen die meisten Zuschauer eine Gänsehaut. Die elf unverfrorenen Fackelschwimmer zeigten hingegen keinerlei Schlottererscheinungen. Die DLRG-Ortsgruppe Sulzbach/Oppenweiler organisiert das winterliche Badestündchen seit 30 Jahren bei der Rüflensmühle.

Die elf Teilnehmer aus den DLRG-Ortsgruppen Sulzbach-Oppenweiler, Backnang und Remshalden-Weinstadt lassen sich durch das kalte Wasser nicht aus der Ruhe bringen.Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Die elf Teilnehmer aus den DLRG-Ortsgruppen Sulzbach-Oppenweiler, Backnang und Remshalden-Weinstadt lassen sich durch das kalte Wasser nicht aus der Ruhe bringen.Foto: J. Fiedler

Von Heidrun Gehrke

OPPENWEILER. „Mutig, mutig“, begrüßt eine Frau den Neoprenanzug-Träger, der sich die Flossen über die Füßlinge stülpt. Sebastian Knödler von der DLRG-Ortsgruppe Backnang versichert jedem Fragenden glaubhaft, dass unter der acht Millimeter dünnen Neoprenhülle das kalte Wasser nur in den ersten Momenten zu spüren sei. „Das Wasser erwärmt sich ganz schnell durch meine Körpertemperatur“, sagt er. Unangenehm sei es an Hals und Handgelenken, während das eiskalte Wasser den Anzug flutet. „Danach hält man es im Isolationspanzer aber gut 25 Minuten aus“, erklärt auch Reinhardt Schiller, der Vorsitzende der DLRG-Ortsgruppe Sulzbach/Oppenweiler. Die Zuhörer können’s schwer nachvollziehen. „Da bin ich lieber Warmduscher“, sagt einer. „Brrrrr“, macht eine Frau aus Oppenweiler, während vor ihren Augen ein Taucher nach dem anderen über eine Leiter mit brennender Fackel in der Hand einsteigt und seelenruhig an einer Stelle im Wasser verharrt, gerade so, als wäre es eine warme Badewanne. Nein, zu diesem abendlichen Bad im Eiswasser könne sie sich niemals überwinden, sagt sie. Die „Bade“-Temperatur beträgt fünf Grad, die Murr ist nahe dem Gefrierpunkt. Auch die Lufttemperatur hat Schiller kurz vor dem Einstieg gemessen: „Zwei Grad, da war es schon kälter“, meint er salopp. Auch Regen hätten sie schon gehabt. Minus acht Grad sei der Kälterekord gewesen beim Fackelschwimmen, dem Jahresabschluss-Happening der DLRG-Gruppe. Für die Schwimmer sind es fast noch passable Bedingungen. „Am kältesten sind Füße und die Finger“, meint Daniel Wolf von der Ortsgruppe Sulzbach/Oppenweiler, der sich ansonsten „erfrischt“ fühle.

Vor Kälte schlottern jene, die zuschauen. Sie verfolgen an beiden Uferseiten in warmen Daunenanoraks die Flammenprozession. Elf Fackeln ragen aus dem Wasser. Die Schwimmer liegen auf dem Rücken und paddeln mit den Flossen, dabei halten sie die tropffreie Fackel aufrecht. Die Flutlichtstimmung, die die Feuerwehrabteilung spendiert, macht das Bild noch spektakulärer. „Schau mal, das Wasser brennt“, flüstert ein Mann seinem Sohn zu, als sich die flackernden Flammen ruhig durch die Dunkelheit im Wasser vorwärtsbewegen. „Wäre das nichts für dich?“, fragt jemand neckisch. „Nicht mal den großen Zeh würde ich da reinhängen“, lautet die Antwort.

Nach 300 Metern murraufwärts gegen die Strömung taucht erneut eine Lichtpfütze am Uferrand aus dem Dunkel auf. Die Feuerwehr hat Einsatzbeleuchtung und eine Leiter installiert, für eine kurze Pause auf dem Trockenen. Die Schwimmer verlassen ihre eisige Badewanne für ein Schnäpsle, eine Art „Zwischenziel“-Wasser. Die Zuschauer skandieren ein dreifaches „Patsch“ – „Nass“ und ein „Furz“ – „Trocken“. Eine Frau stellt verblüfft fest: „Keiner von denen schlottert.“ Im flackernden Fackelschein treiben die Fackelträger zurück.

Sebastian Knödler schätzt das Gemeinschaftsgefühl. „Wir beschließen im Kreise der Kollegen das Jahr, die Veranstaltung ist immer was Schönes“, meint er. Die Rettungstaucher müssen während des ganzen Jahres einsatzfähig sein. Das Fackelschwimmen sei neben einer „Herausforderung und Spaß“ demnach „auch eine Übung für uns“, meint er. Dank Unterstützung einer ortsansässigen Kranbaufirma, deren Garage der Verein nutzen kann, können sich die Schwimmer nach ihrem Einsatz aus dem nassen Tauchanzug schälen und warm duschen. Mit heißen Saiten und Glühwein schließt sich für sie ein Winterhock an.

Info
DLRG-Rettungstaucher: Fester Bestandteil der Wasserrettung im Kreis

Die DLRGler aus Sulzbach, Backnang und Oppenweiler waren im Rems-Murr-Kreis eine der ersten Ortsgruppen mit ausgebildeten Rettungstauchern in den eigenen Reihen. Einsatztauchen wie heute gab es damals nicht. Das Bewusstsein war entsprechend gering ausgeprägt, und so wurden die DLRGler belächelt, als sie 1988 bei Eiseskälte mit Fackeln erstmals in der Murr ihre Einsatzfähigkeit unter Beweis stellten.

Zwei Jahre später ertranken drei Jugendliche nahe der Rüflensmühle nach einem Unfall, eingeschlossen in ihrem Auto. Nur eine Person konnte sich befreien. „Dann kam die Einsicht, dass Taucher notwendig sind und dass die DLRG nicht nur am Wasser, sondern auch in unseren Gewässern und Badeseen für Sicherheit sorgen muss“, so Reinhardt Schiller, der erste Vorsitzende der Ortsgruppe Sulzbach/Oppenweiler.

26-mal fand das Fackelschwimmen statt, viermal wurde es wegen Hochwasser abgesagt. Einmal fand in der zugefrorenen Murr eine Eisrettungsdemonstration statt.

In den vergangenen 30 Jahren wurden nach Auskunft von Schiller DLRG-Rettungstaucher immer wieder zu Einsätzen gerufen. Im Rahmen der Murr-Regatta kam es zu Zwischenfällen, als Teilnehmer kenterten. Auch im Einsatz der Polizei gingen DLRG-Taucher ins Wasser, etwa bei der Suche nach Diebesgut oder bei Unfällen im Wasser.

Die Taucher haben schon allerhand Müll aus dem Fluss geholt, darunter ein Motorrad, ein Mofa, ein Fahrrad und einen aufgeflexten Zigarettenautomaten.

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Erstellt:
31. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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