Ein Brief ist immer noch etwas Besonderes

Im Gegensatz zu E-Mails oder elektronischen Textnachrichten sind handgeschriebene Briefe von Dauer und zeugen von Wertschätzung. Die Schreiber nehmen sich Zeit und schreiben schön. Und freuen sich auf die Antwort.

Kathrin Schmidt schreibt ihre Briefe ausschließlich mit Füller, weil damit die Handschrift besser zur Geltung kommt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Kathrin Schmidt schreibt ihre Briefe ausschließlich mit Füller, weil damit die Handschrift besser zur Geltung kommt. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG. „Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen!“ So leidenschaftlich kann doch nur ein Brief beginnen. Wären „Die Leiden des jungen Werther“ ein solch großer Erfolg geworden, wenn man den Roman in Prosa verfasst hätte? Man weiß es nicht, aber die Kraft des persönlichen Wortes hat ihre eigene Authentizität.

Vom Briefroman zum Brief – gibt es denn heutzutage noch Briefeschreiber? Wer setzt sich heutzutage noch an einen Schreibtisch, nimmt Kugelschreiber oder womöglich Füller in die Hand und lässt seine Gedanken auf Papier fließen und nicht über die Tastatur des Computers? Auch wenn es schon seit Jahren prophezeit wird, der handschriftliche Brief ist nicht totzukriegen. So listete „Die Welt“ bereits Ende Dezember 2010 zehn Dinge auf, die durch moderne Techniken langsam aus unserem Leben verschwinden würden. Auf Platz eins der handschriftliche Brief, gefolgt von der Postkarte.

Ganz von der Bildfläche verschwunden scheint die Kunst des Briefschreibens nicht, wenn sie auch nicht mehr so intensiv gepflegt wird wie vor der Zeit von E-Mail und Textnachricht. „Ich habe 2020 exakt einen Brief geschrieben.“ – „Im Notdienst habe ich einen Brief an meine Freundin in Wolfsburg geschrieben. Und einen Weihnachtsbrief an Freunde und Verwandte mit einem Überblick über das vergangene Jahr.“ – „Ich schreibe nur Glückwunschkarten, die ich dann in Geburtstags- oder Weihnachtspakete stecke. Briefe habe ich schon gefühlt 100 Jahre nicht mehr geschrieben.“ – Auch alte Brieffreundschaften werden mitunter noch gepflegt.

Kathrin Schmidt pflegt ihre Brieffreundschaft mit zwei Lehrerinnen seit über 30 Jahren.

So wie bei Kathrin Schmidt. Seit über 30 Jahren tauscht sie sich per Brief mit zwei ehemaligen Lehrerinnen aus. Einen langen Jahresrückblick gibt es zu Weihnachten, gern drei bis vier Seiten lang, zwischendurch noch ein etwas kürzeres Lebenszeichen. Diese Brieffreundschaften sind ihr sehr wichtig und dafür gibt sie sich auch besonders viel Mühe. „Ich habe einfach Spaß am Schreiben. Das ist für mich persönlicher als eine Textnachricht“, erklärt sie. Abgesehen davon haben ihre Briefpartnerinnen auch kein Smartphone.

Geschrieben wird ausschließlich mit Füller. „Mit Kugelschreiber verdirbt man sich die Handschrift“, ist ihre Meinung. Und wenn sie sich einmal verschrieben hat, fängt sie von Neuem an. Ein durchgestrichenes Wort geht gar nicht! Und auch ein Tintenkiller arbeitet in dem Fall für sie nicht zufriedenstellend. „Das muss ganz akkurat sein.“

Doch nicht nur das Schreiben macht den Reiz der Briefe aus – auch das Warten auf die Antwort. „Etwa eine Woche, nachdem ich geschrieben habe, fängt es an“, schmunzelt sie. Dann wird die Kirchberger Erzieherin immer aufgeregter, wenn sie zum Briefkasten geht, um nach der Post zu schauen. Und dann diese Freude, wenn die Antwort da ist!

Das Thema Brief als Textform ist ein fester Bestandteil in den Lehrplänen der baden-württembergischen Schulen. In der 2. und 3. Klasse wird der formale Aufbau eines Briefes geübt, Datum, Anrede, Text und Abschluss, die korrekte Beschriftung eines Briefumschlags und auch der Platz für die Briefmarke werden durchgenommen. Für Christina Hehenberger, Lehrerin an der Grundschule Unterbrüden/Oberbrüden, kommt es dabei nicht nur auf die Theorie, sondern auch auf die Praxis an. Einfach nur an eine Lehrbuchfigur über ein ausgedachtes Thema zu schreiben, spiegelt ihrer Ansicht nach nicht unbedingt eine reale Briefschreibesituation wider. Daher nimmt sie das Thema normalerweise kurz vor dem Schullandheimaufenthalt durch. Eine Aufgabe dort lautet dann, eine Postkarte an die Eltern daheim zu schreiben, die selbstverständlich auch wirklich verschickt wird.

Vorher stehen noch einige Übungen auf dem Programm, denn die Adresse muss leserlich und in der richtigen Reihenfolge geschrieben werden. Und wozu ist überhaupt die Postleitzahl da? Wert gelegt wird beim Schreiben der Briefe auch auf Aufbau und Form. So hatte Hehenbergers Klasse einmal einen Brief an den Auenwalder Bürgermeister geschrieben. Da musste den Schülern natürlich erklärt werden, dass in diesem Fall nicht das informelle „du“, sondern das höfliche „Sie“ gefragt ist – und das auch noch großgeschrieben.

Ein Brief ist etwas Besonderes, man sollte sich beim Schreiben Mühe geben.

Hehenberger möchte ihren Schülern vermitteln, dass ein Brief etwas Besonderes ist. Dazu gehört eine (möglichst) schöne Schrift. Man sollte sich Mühe geben, aus Respekt vor dem Empfänger. „Ich schreibe nicht für mich, sondern für einen anderen“, erklärt sie.

Auch in der weiterführenden Schule steht das Thema Brief auf dem Stundenplan. Ein handschriftlicher Brief ist nicht nur ein Blatt Papier mit Worten darauf. Der Schreiber setzt sich mit dem auseinander, was er mitteilen möchte. Er wählt die Worte sorgfältig, wägt ab, wie etwas ausgedrückt werden kann, damit sein Gegenüber ihn versteht. Man nimmt sich Zeit und bemüht sich, möglichst schön zu schreiben. Manch einer verziert sein Werk mit kleinen Zeichnungen oder Aufklebern. Ist das Schreiben unterwegs, dann geht das Warten los. Denn auch heutzutage weiß man nie, ob der Brief tatsächlich den Weg zum Empfänger findet. Man schaut täglich voll Hoffnung in den Briefkasten – und dann, wie Kathrin Schmidt es beschreibt, die Freude, wenn die Antwort da ist, in realer Form, man kann sie in die Hand nehmen und fühlen. Viele Menschen bewahren Briefe ihr ganzes Leben lang auf und schmökern hin und wieder darin. Wer schaut dagegen in sein E-Mail-Postfach und liest Nachrichten, die vor einer Woche angekommen sind? Oder womöglich alte Textnachrichten? Die elektronische Post hat viele Vorzüge, sie geht schnell und ist oft unkomplizierter. Doch Briefe sind von Dauer.

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Erstellt:
22. April 2021, 16:00 Uhr

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