100-jähriger Backnanger blickt auf ein erfülltes Leben zurück

Siegfried Strewe hat vor Kurzem seinen 100. Geburtstag gefeiert und lebt selbstständig in seinen eigenen vier Wänden. Zufrieden und ohne Groll blickt der rüstige Jubilar, der in Danzig geboren wurde und seit 1955 in Backnang lebt, auf ein Leben voller Höhen und Tiefen zurück.

Einen Herzenswunsch hat Siegfried Strewe: Noch einmal in seine geliebte Heimatstadt Danzig zu reisen. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Einen Herzenswunsch hat Siegfried Strewe: Noch einmal in seine geliebte Heimatstadt Danzig zu reisen. Foto: Alexander Becher

Von Annette Hohnerlein

Backnang. „Ich habe nicht nur Glück, sondern sehr viel Glück gehabt“, sagt Siegfried Strewe. Vielleicht ist diese positive Einstellung der Schlüssel dazu, ein solch hohes Alter zu erreichen, und zwar bei ordentlicher Gesundheit und beeindruckenden geistigen Fähigkeiten. Wenn er erzählt, muss er keine Pausen machen, um nach Worten zu suchen oder sich an Vergangenes zu erinnern, alles ist sofort präsent. Seinen Alltag regelt der rüstige Jubilar weitgehend alleine, von der morgendlichen Gymnastik, dem Frühstück mit Brötchen und der Backnanger Kreiszeitung, dem Spaziergang am Nachmittag bis hin zur Körperpflege. Sein Mittagessen kocht er selbst, denn: „Ich weiß, was mir bekommt. Heute gibt es Maultaschensuppe, gestern gab es Ente.“ Er fährt nicht mehr selbst Auto, aber für Fahrten zum Einkaufen, zur Bank oder zu seinem Pflegesohn steht eine hilfsbereite Nachbarin bereit. Überhaupt legt Strewe großen Wert auf ein selbstbestimmtes Leben, da kann er auch mal energisch werden. Als vor einiger Zeit der Rettungsdienst kommen musste, wollte ihn der Notarzt ins Krankenhaus einliefern lassen. Der resolute Patient entgegnete: „Sie sind doch Arzt. Und im Krankenhaus behandelt mich auch ein Arzt. Ist das ein Wunderheiler, oder warum muss ich dorthin?“ Sprach’s und blieb daheim.

Geboren wurde Strewe am 14. Dezember 1923 in der Freien Stadt Danzig. Er wuchs dort in einer Familie mit fünf Geschwistern auf und erlebte am 1. September 1939 den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Damals arbeitete er als Laufbursche für eine Firma und kam viel auf den Straßen Danzigs herum. „Wir haben mit der polnischen Minderheit gut zusammengelebt“, erzählt er. „Als der Krieg ausbrach, habe ich nicht verstanden, warum die Polen auf die Deutschen schießen.“ Nach einer Lehre als Telegrafenbauer und einer Ausbildung als Panzersturmpionier in Berlin kam er in den Kaukasus an die Front als Kradmelder. „Ich fuhr ein Motorrad mit Beiwagen, eine 750er-BMW, und habe Meldungen und Post für die Soldaten transportiert, auch unter Beschuss“, erzählt er. „Ich habe großes Glück gehabt, von 80 Mann meiner Einheit haben nur sieben überlebt.“ Im Februar 1945, inzwischen nach Ungarn verlegt, geriet er zwischen zwei Fahrzeuge und erlitt eine Quetschung. Danach war für ihn der Krieg zu Ende, er kam in ein Lazarett in der Oberpfalz und anschließend in amerikanische Gefangenschaft.

Gefangenschaft war die schlimmste Zeit seines Lebens

Diese Zeit war eine der schlimmsten seines Lebens, er erinnert sich noch an viele Details: „Das Lager in Sinzig galt als Hunger- und Todeslager. Eine Essensration für einen Tag bestand zum Beispiel aus fünf Makkaroni oder einer getrockneten Karotte und Milchpulver, schlafen mussten wir im Freien.“ In der anschließenden französischen Gefangenschaft wurde er besser behandelt. Es folgten zwei Jahre Arbeit bei einem Weinbauern in Bergerac, dann wurde Strewe 1948 aus der Gefangenschaft entlassen, abgemagert auf 47 Kilogramm. Seine langjährige Verlobung war in die Brüche gegangen, seine Eltern hatte es nach Stralsund verschlagen, aber immerhin war keiner aus der Familie ums Leben gekommen: „Wir haben ein paar Schrammen abgekriegt, aber wir haben alle den Krieg überlebt.“ Heimatlos, mittellos und arbeitslos, wie er war, habe er dann wieder Glück gehabt, erzählt Strewe. Bei einer Versammlung der Liberal-Demokratischen Partei wurde er gefragt, ob er als Bürgermeister eines Orts in der Nähe von Stralsund kandidieren würde. Er wurde gewählt und leitete die örtliche Verwaltung drei Jahre lang mit Unterstützung eines erfahrenen Sekretärs.

Seit 1951 verheiratet, verließ er 1954 mit seiner Frau Ella die DDR und lebte eine Zeit lang mit ihr und den beiden Pflegesöhnen Burkhard und Heinz-Erich in Flüchtlingslagern unter schlimmen Bedingungen. Arbeit fand er bei der Deutschen Bahn in Stuttgart, für 1,50 Mark pro Stunde erledigte er die verschiedensten Arbeiten. Im Alter von 31 Jahren kam er dann nach Backnang: „Am 5.5.1955 kamen wir um 11.55 Uhr mit dem D-Zug 105 in Backnang an“, erinnert sich der rüstige Senior mit dem erstaunlichen Gedächtnis. „Ich habe 225 Mark im Monat verdient, meine Frau bei der Kirchenpflege 150 Mark. Wir waren echt glücklich und zufrieden.“

Sehr gutes Verhältnis zu den Arbeitskollegen

1960 wechselte er die Stelle und arbeitete als Hausmeister und Fahrer im Gesundheits- und im Vermessungsamt in der Scheffelstraße, wo er mit seiner Familie eine Wohnung erhielt. 1985, im Jahr seines Renteneintritts, bezogen sie das eigene Haus in Backnang. Nach 30 Jahren ohne Urlaub gönnte sich das Ehepaar dann auch ein paar Reisen, besonders einen Aufenthalt in Florida und Mexiko hat Siegfried Strewe in schöner Erinnerung. 2010 musste er dann von seiner Frau Abschied nehmen. Wie gut das Verhältnis zu seinen ehemaligen Arbeitskollegen war und ist, zeigt sich daran, dass er bis heute zu den Weihnachtsfeiern des Vermessungsamts eingeladen wird. Und natürlich kamen an seinem 100. Geburtstag auch ein paar Mitarbeiter zum Gratulieren. Zudem Oberbürgermeister Maximilian Friedrich, seine Hausärztin, einige Nachbarn und eine Abordnung der Volleyballerinnen der TSG, die Strewe als treuer Fan begleitet. Am Tag darauf besuchten ihn dann mehrere Neffen und Nichten sowie sein 88-jähriger Bruder. „Das war kein Stress, das war schön“, bekräftigt der Jubilar.

Im Rückblick auf sein langes und bewegtes Leben stellt er fest: „Das Schlimmste war die Vertreibung. In Backnang gefällt es mir gut, aber meine Heimat ist nach wie vor Danzig. Ich hätte Grund, zu hassen, weil man mir meine Heimat geraubt hat. Aber das Wort Hass will ich nicht hören.“ Alles in allem ist seine Lebensbilanz positiv: „Es wird immer wieder gut. Wichtig sind Kraft und Wille.“ Vielleicht macht sein ungebrochener Wille es möglich, dass er sich einen Herzenswunsch erfüllt: Noch einmal in seine geliebte Heimatstadt Danzig zu reisen.

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Erstellt:
4. Januar 2024, 11:30 Uhr

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