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Ein haariges Problem im Wald

Der Frühling war warm und trocken – optimale Lebensbedingungen für den Eichenprozessionsspinner. Deshalb belagern die gefräßigen Raupen dieses Jahr in großer Zahl die Bäume. Wegen ihrer Gifthaare sind sie eine Gefahr für Mensch und Tier.

Forstamtsleiterin Dagmar Wulfes und Revierförster Stefan Grätsch warnen vor dem Eichenprozessionsspinner. Im Backnanger Plattenwald wird auch mit Schildern auf die Gefahr hingewiesen. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Forstamtsleiterin Dagmar Wulfes und Revierförster Stefan Grätsch warnen vor dem Eichenprozessionsspinner. Im Backnanger Plattenwald wird auch mit Schildern auf die Gefahr hingewiesen. Fotos: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Prozessionen haben an Fronleichnam ja eigentlich Tradition, doch auf die Umzüge, die er zurzeit regelmäßig in den Wäldern rund um Backnang beobachtet, würde Stefan Grätsch gerne verzichten. Mit geübtem Blick erkennt der Leiter des Forstreviers Backnanger Bucht an zahlreichen Baumstämmen die typischen Gespinste des Eichenprozessionsspinners. Wer näher herangeht, sieht auch die Raupen krabbeln. In langen Prozessionen ziehen sie zum Fressen hinauf in die Baumkrone und kehren anschließend auf dieselbe Weise wieder in ihr Nest zurück.

Für die Eichen ist das kein großes Problem, wohl aber für Menschen und auch für Haustiere, etwa Hunde, wenn sie mit den Raupen in Kontakt kommen. Denn die feinen Härchen der Larven enthalten ein Nesselgift, das beim Kontakt mit der Haut oder den Schleimhäuten allergische Reaktionen hervorruft. Die reichten von juckenden Pusteln auf der Haut über Entzündungen im Auge bis zu Atemnot, wenn man die mikroskopisch kleinen Härchen einatmet, erklärt Dagmar Wulfes. Die Leiterin des Kreisforstamtes weiß, wovon sie spricht, denn sie hatte selbst schon einige unangenehme Begegnungen mit den kleinen Raupen.

Die Raupen haben kaum natürliche Feinde.

Neu ist der Eichenprozessionsspinner in Deutschland nicht, im Rheintal soll es ihn schon vor 200 Jahren gegeben haben. Allerdings breitet er sich in den vergangenen Jahren immer weiter aus. „Der Klimawandel kommt ihm zugute“, sagt Wulfes. Denn die Raupen, die sich nach der Verpuppung in einen unscheinbaren und dann auch nicht mehr giftigen Nachtfalter verwandeln, mögen es gerne warm und trocken. Vor einigen Jahren habe es sie in unserer Region deshalb nur an besonders sonnigen Stellen am Waldrand gegeben, inzwischen finde man sie aber auch mitten im Forst. Erschwerend kommt hinzu, dass der Eichenprozessionsspinner kaum natürliche Feinde hat. Denn seine Gifthaare schrecken nicht nur Menschen, sondern auch die meisten Vögel ab. Einzig der Kuckuck sei in der Lage, die Raupen zu fressen und zu verdauen, weiß Dagmar Wulfes.

Um mit den Gifthaaren in Kontakt zu kommen, muss man die Raupen gar nicht direkt anfassen. Sie befinden sich auch in verlassenen Nestern, die noch an den Bäumen hängen oder auf den Waldboden gefallen sind. Hebt etwa ein Kind so ein Nest auf oder ein Hund steckt seine Schnauze hinein, können böse Verbrennungen die Folge sein. Im schlimmsten Fall können die Härchen auch durch die Luft gewirbelt werden. Dann kann es sogar ganz ohne Berührung zu allergischen Reaktionen kommen. Das Gift bleibt bis zu drei Jahre in den Brennhaaren .

Die Möglichkeiten, den Krabbeltieren Einhalt zu gebieten, sind begrenzt. Machen sie sich an belebten Stellen, etwa in Parks, Freibädern oder auf Schulhöfen breit, saugen Schädlingsbekämpfer sie in der Regel von Hand ab. Im Wald wäre das allerdings viel zu aufwendig. Und auch die biologische Bekämpfung mit Spritzmitteln kommt hier kaum infrage, weil dadurch auch andere Raupenarten vernichtet würden.

Deshalb appellieren die Förster an die Bevölkerung, vorsichtig zu sein, vor allem in Wäldern mit großen Eichenbeständen, etwa in Sachsenweiler. An vielen Stellen weisen auch Warnschilder an den Waldwegen auf die Gefahr hin.

Auf den Wegen bleiben und Abstand halten zu den Raupen und ihren an Zuckerwatte erinnernden Gespinsten, lautet die Devise. Auch vom Waldbaden, bei dem manche Menschen Bäume umarmen, rät Dagmar Wulfes ab. Und wer zu starken allergischen Reaktionen neige, sollte den Wald in den nächsten Monaten am besten ganz meiden. Wer einen befallenen Baum an einer belebten Stelle entdeckt, sollte diesen bei der jeweiligen Gemeinde melden, damit sie gegen die Schädlinge vorgehen kann.

Streicheln verboten! Das Nesselgift in den feinen Härchen der Raupen löst beim Kontakt mit der Haut allergische Reaktionen aus.

© Alexander Becher

Streicheln verboten! Das Nesselgift in den feinen Härchen der Raupen löst beim Kontakt mit der Haut allergische Reaktionen aus.

Der Eichenprozessionsspinner

Der Eichenprozessionsspinner ist ein eher unscheinbarer graubrauner Nachtfalter. Im August legen die Weibchen etwa 150 Eier in den Baumkronen von Eichen.

Ende April schlüpfen die jungen Raupen aus den Eiern und fressen die frisch ausgetriebenen Blätter. Sie häuten sich mehrfach. Erst nach der zweiten Häutung bilden sich am Hinterleib die Brennhaare.

Ab Ende Mai gehen die Raupen in den typischen mehrreihigen Prozessionen auf Wanderschaft und legen ihre gespinstartigen Nester an Stämmen und Ästen ab.

Wie der Name schon sagt, befällt der Eichenprozessionsspinner hauptsächlich Eichen. Wenn man haarige Raupen zum Beispiel an Obstbäumen sehe, handle es sich in der Regel um Schwammspinner, erklärt Dagmar Wulfes. Auch diese können allergische Reaktionen auslösen.

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Erstellt:
10. Juni 2020, 06:00 Uhr

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