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Ein Haudegen geht von Bord

Rund 20 000 Gemeinderäte im Land werden neu gewählt

Hans Huber, der dienstälteste Gemeinderat Deutschlands, hat die Kommunalpolitik verlassen. Die Nachwuchssuche ist schwer. Warum sind Gemeinderäte so wichtig?

Leinfelden-Echterdingen Die Dienstagabende sind für ihn gewöhnungsbedürftig. Normalerweise hatteHans Huberan jenem Wochentag einen fixen Termin: die Sitzung des Gemeinderats von Leinfelden-Echterdingen. Und normalerweise heißt in seinem Fall: 56 Jahre lang. So lange wie er saß in der gesamten Republik sonst niemand in einem kommunalpolitischen Gremium. Bei der Kommunalwahl am 26. Mai wird sein Name auf der Kandidatenliste fehlen.

Im vergangenen Dezember ist der 92-jährige Echterdinger zurückgetreten. Für die Kommunalpolitik ein echter Verlust. Denn Leute wie Huber gibt es heute immer seltener. Für Parteien und Verbände wird es ganz im Gegenteil immer schwieriger, überhaupt Kandidaten für die Kommunalwahl zu finden. Dabei sind im ganzen Land mehr als 20 000 Mandate in Gemeinderäten und noch mal 2200 in Kreistagen zu vergeben. Sogar die Freien Wähler, die vor fünf Jahren als stärkste Kraft aus der Wahl gingen und denen auch Huber angehörte, berichten von Problemen bei der Kandidatensuche.

„Bisher hatte ich noch kein Heimweh nach dem Gemeinderat“, sagt Hans Huber gut einen Monat nach seinem Abschied. Er gibt sich Mühe, es erleichtert klingen zu lassen. Die Wahrheit ist: Es hat ihn eine ordentliche Portion Überwindung und einige schlaflose Nächte gekostet, sich aus der Rolle des Kommunalpolitikers herauszuschälen. Und wenn er ehrlich ist, steckt er noch mitten im Loslösungsprozess. Redet er vom Gemeinderat, sagt er weiterhin „wir“. Zu den Sitzungen seiner früheren Fraktion geht er, wenn er Zeit hat, nach wie vor. „Die freuen sich, wenn ich komme“, sagt er.

Auch wenn die Ära Huber zu Ende gegangen ist, eines bleibt: die Tatsache, dass es wenige Menschen geben dürfte, die das System Gemeinderat so gut kennen wie er. Und die persönliche Bilanz des kommunalpolitischen Urgesteins fällt nicht nur freundlich aus. „Nicht alle Stadträte sind qualifiziert“, sagt er. „Die Hälfte ist reines Stimmvolk, Strohpuppen“, lässt er von seinem Stuhl am Esszimmertisch aus wissen. „Ich kenn im Bundestag aber genauso viele Pflaumen wie im Gemeinderat. Primitive Abnicker.“

Obwohl Huber auch negativ über die Rats­arbeit spricht, so ist er doch der Ansicht, dass das Gremium die beste Möglichkeit für Bürger ist, ihre direkte Lebenswelt mitzugestalten. „Aber die Hälfte der Bevölkerung kümmert sich um gar nichts“, sagt er. „Nur wenn der Bus vor der eigenen Haustür zu laut ist, wird eine Bürgerinitiative gegründet.“ Und wie bekommt man junge Menschen in dieses Gremium? „Das ist ein großes Problem“, sagt Huber. „Die Bereitschaft, soziale Verantwortung zu übernehmen, nimmt ab.“ Dabei könne „der Gemeinderat ein Sprungbrett für die Karriere“ sein.

Als der Hausarzt Hans Huber 1962 durch Zufall und nach ein paar Viertele zu viel in der Wirtschaft auf die Kandidatenliste der Freien Wähler für den Gemeinderat geschlittert ist, seien Persönlichkeiten gewählt worden, sagt er. Wen die Leute als Arzt, Handwerker oder Bauern kannten und schätzten, dem gaben sie ihr Kreuzchen. Er wurde damals prompt zum Stimmenkönig seiner Liste. Das Parteibuch habe damals nicht den Ausschlag gegeben. Das hat sich seiner Ansicht nach über die Jahre verändert. „Je größer eine Gemeinde wird, desto größer wird die Rolle der Parteien.“

Bei der letzten Wahl landete die CDU nach den Freien Wählern auf dem zweiten Platz. Dahinter reihten sich SPD und Grüne ein. Die AfD, mittlerweile im Landtag größte Oppositionsfraktion, spielte bei der Wahl vor fünf Jahren noch keine große Rolle. Der Landesvorsitzende der Freien Wähler, Wolfgang Faißt, rechnet aber damit, dass sie im Mai verstärkt auf Wahllisten auftauchen wird. Einzelbewerber, die keiner Partei oder sonstigen Gruppe angehören, hatten bei der Kommunalwahl 2014 in den 1101 Gemeinden im Land keine Chance – kein Einziger von ihnen schaffte es in einen Rat.

Vieles von dem, was er in den vergangenen 56 Jahren im Gemeinderat erlebt hat, hat Hans Huber im Kopf. Aber nicht nur. Er schreibt schon seit Ewigkeiten Tagebuch. Neulich hat er sich mal wieder durch die sechziger Jahre geblättert, durch die Zeit, in der er noch ein Frischling war im Gremium. Nach seiner zweiten Sitzung hatte er vermerkt: „Ich muss noch viel lernen.“

Ein Meter an Tagebuchmaterial dürfte über die Jahrzehnte zusammengekommen sein, schätzt er. Thema seiner persönlichen Chronik war aber freilich nicht nur der Gemeinderat. „Das ist ja nur eine Facette meines Lebens“, sagt er. Angefangen hatte er mit der Aufschreiberei als Schulbub. Er notierte Weitsprungwerte, schlechte Schulnoten, Kriegserinnerungen. Und später kam auch noch die Liebe in seinen Annalen dazu. „Frauen haben eine sehr große Rolle gespielt.“ Hans Huber ist im Flecken nicht nur bekannt für seine raubeinige Art, sondern auch dafür, dass er Damen Süßes zusteckt. In seinen tiefen Sakkotaschen wachsen die Schokowürfel irgendwie von sich aus nach.

56 Jahre Gemeinderat, meterweise Tagebuch, ein unergründliches Depot für Schokohäppchen – Hans Huber ist ein Mann der Extreme. Weitere Beispiele gefällig? 86 Jahre im Turnverein, samstags hält Doktor Huber auch mit 92 Jahren Sprechstunde für treue Patienten, macht Hausbesuche und düst mit dem E-Bike von Echterdingen nach Tübingen. Und auch in seinem Familienleben gehören die Superlative dazu: Der Doktor im Unruhestand hat neun Kinder, davon zweimal Zwillinge. Seine erste Frau ist früh verstorben, seine zweite Frau ist jünger als sein ältester Sohn. Sie war die Kindergärtnerin seines Lieblingsenkels – es dauerte eine ganze Zeit, bis sie zueinander fanden. „Ich bin ja kein Spießer, ich setze mich über vieles hinweg“, sagt Huber. Dann hält er kurz inne. „Mit meiner Frau habe ich wirklich das große Los gezogen.“

Während Hans Huber über Hans Huber spricht, bleibt er keine zwei Minuten auf seinem Stuhl sitzen. Der 92-Jährige mit der Steppweste und der Levis-Jeans muss statt Knochen Triebfedern in sich haben, die ihn andauernd hochschnellen lassen. Vielleicht putschen ihn auch die acht Tassen Kaffee so auf – die braucht er jeden Tag. Nur die schlohweißen Haare und Augenbrauen verraten, dass in seinem Personalausweis tatsächlich Jahrgang 1926 steht. Von seiner Energie und Aufgekratztheit her kann er locker mit jüngeren Semestern mithalten.

Aber warum, warum hat er dann eigentlich aufgehört im Gemeinderat? Hans Huber steht wie angestachelt auf, das lässt sich im Esszimmer nicht erklären. Er eilt rüber in sein Arbeitszimmer. Unterwegs knipst er schnell das Licht im Gang aus, „das muss ja wirklich nicht sein“, grummelt er in seinen Bart. Dann steht er in seiner Schaltzentrale.

Das Büro ist tapeziert mit Büchern. Auf dem Schreibtisch liegt ein aufgeschlagener Ordner, hier ein Stapel, dort ein Stapel. „Ich muss das noch irgendwie ordnen“, sagt er. Hans Huber will nicht, dass seine Frau und seine Kinder irgendwann dastehen und nicht wissen, was wertvoll ist und was ein Fall für den Schredder. Bei seinem Nachlass möchte er ein entscheidendes Wörtchen mitsprechen. „Mir zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern“, sagt er und schaut sich um.

Genau deshalb brauchte er den Schnitt, hat sich entheddert aus dem Gemeinderat. Er hat eingesehen, dass der richtige Zeitpunkt nicht kommen würde, der Moment, in dem alles abgeschlossen ist. Was ihm dabei helfen dürfte: 80 Prozent der Themen, die im Gremium besprochen worden sind, haben ihn nicht die Bohne interessiert.

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.leinfelden-echterdingen-trauergesellschaften-fuehlen-sich-begafft.ed6c92e0-fd15-4b2e-b774-93a0a63a16fd.htmlhttps://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.hans-huber-aus-leinfelden-echterdingen-so-lange-sitzt-sonst-keiner-im-gemeinderat.cda6c99a-6c84-4864-8359-2150db58dc1f.htmlhttps://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.buchvorstellung-in-echterdingen-ueber-kriegslust-und-das-gespenst-der-zukunft.f1fb0099-f2db-418f-aaf7-29df24a69441.htmlDie Freien Wähler und die anderen Parteien im Land haben noch bis Ende März Zeit, um ihre Kandidaten für die Wahl am 26. Mai zu benennen. Hans Huber muss sich damit nicht mehr beschäftigen. Für ihn bleibt die Aussicht, dass sich die Dienstage nun mehr mit seinen persönlichen Vorlieben decken.

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Erstellt:
9. Februar 2019, 03:04 Uhr

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