„Ein Haustier ist völlig vorurteilsfrei“

Menschen brauchen Tiere, und das nicht erst seit der Coronapandemie. Tierische Familienmitglieder wirken sich besonders positiv auf Kinder aus. Aber gerade jetzt rückt dieses Bedürfnis wieder in den Vordergrund. Die Backnanger Kinderärztin Sabina Delic-Bikic sagt: „Ein Tier gibt eine positive Perspektive.“

Eric (rechts) und Julian haben viel Spaß beim Katzenfüttern. Für die Geschwister sind die Katzen eine große Bereicherung. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Eric (rechts) und Julian haben viel Spaß beim Katzenfüttern. Für die Geschwister sind die Katzen eine große Bereicherung. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG/KIRCHBERG AN DER MURR. Vielleicht ist es dem ein oder anderen Leser in den letzten Monaten auch aufgefallen – bei Freunden und Bekannten und vielleicht auch in den eigenen vier Wänden hat ein vierbeiniger, gefiederter oder geschuppter Freund Einzug gehalten. So hat die Tierschutzorganisation Tasso, Betreiber von Europas größtem kostenlosen Haustierregister, einen Anstieg von 25 Prozent bei der Registrierung von Hunden festgestellt. Doch warum entscheiden sich in Zeiten von Pandemie und Lockdown immer mehr Menschen für einen tierischen Mitbewohner?

In der Backnanger Kinderarztpraxis Delic-Bikic ist man sich einig darüber – Tiere im Haus oder der Umgebung fördern das seelische Gleichgewicht, machen ausgeglichener und zufriedener (naja, zumindest wenn nicht die guten Schuhe drunter leiden müssen). Besonders auf Kinder wirkt sich das tierische Familienmitglied positiv aus. Nicht nur, dass so auf spielerische Weise gelernt wird, für andere Verantwortung zu übernehmen. Ein Tier ist vorurteilsfrei. Ihm ist vollkommen egal, wie seine Bezugsperson aussieht, ob sie gut in der Schule ist oder eine Sportskanone. Es kommt einfach darauf an, wie miteinander umgegangen, ob es gut und liebevoll behandelt wird. Das fördert Selbstvertrauen und Empathie, führt weg vom rein egoistischen Verhalten.

Tiere sind sehr direkt und geben sofort Rückmeldung.

Zudem lernen gerade die Jüngeren, dass man auf andere Rücksicht nehmen und auch akzeptieren muss, wenn der Vierbeiner gerade keine Lust auf spielen hat. Tiere sind da durchaus direkt und geben sofort eine Rückmeldung. Gerade in der momentanen Situation mit eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten können Tiere zudem ein wichtiger Ansprechpartner für Kinder sein. Schon seit den 60er-Jahren beschäftigen sich Psychologen mit dem Verhältnis zwischen Haustier und Mensch und haben festgestellt, dass ein Tier die Gefahren durch Vereinsamung und soziale Isolation verringern kann. Daher gehören Tiere schon seit Jahren bei vielen Pflegeeinrichtungen für Ältere dazu, sei es als Mitbewohner oder Besuchstier.

In Zeiten sozialer Isolation wie den Lockdowns seit dem März vergangenen Jahres scheinen viele Menschen dieses elementare Bedürfnis nach Kontakt bei sich und auch ihren Kindern wiederentdeckt zu haben. Der tierische Mitbewohner steht treu zu seiner Familie, in guten wie in schlechten Zeiten. Durch ihre Bedürfnisse schaffen sie es zudem, den Menschen aus seinem Trott zu reißen, sie bringen Abwechslung in den Alltag, motivieren zu Spiel und Spaß, verscheuchen negative Gedanken und Ärger. Lieber mit der Katze knuddeln, als vor der Glotze sitzen, eine Runde mit dem Hund draußen drehen und sich an der frischen Luft bewegen, anstatt mit dem Handy zu daddeln. „Kinder, die sich um ein Tier kümmern, hängen in dieser Zeit schon einmal nicht vor den Medien“, so Kinderärztin Sabina Delic-Bikic.

Die Erfahrung hat auch Marina Wahl gemacht. Ihre beiden Katzen sind sieben Monate alt und bereichern die Familie seit November. Schon seit etwa einem Jahr gehört auch ein „Coronahamster“ zur Familie. „Alle Freunde von Julian haben sich während der Coronazeit einen Hamster zugelegt, deshalb wollte er auch einen“, erklärt die zweifache Mutter den Wunsch ihres Ältesten. Tiere gehören für Marina Wahl einfach dazu. „Sie strahlen Ruhe aus“, findet sie. Gerade in Pandemiezeiten sind sie eine wichtige Abwechslung. Man kann mit ihnen sprechen, mit ihnen kuscheln, man hat eine Aufgabe, jemanden, um den man sich kümmern und mit dem man spielen kann, wenn schon Kontakte eingeschränkt sind. „Seit wir die Katzen haben, nehmen die Kinder sich gern ein Leckerli oder ein Spielzeug und spielen mit ihnen.“ So versucht Zweitklässler Julian mit Hingabe, den beiden Geschwistern Loui und Luna Kunststücke beizubringen. Auch für den kleinen Bruder Eric sind die Kätzchen eine Bereicherung: „Er hat jetzt Vertrauen zu Tieren entwickelt“, freut sich Marina Wahl. „Man bekommt von den Katzen bedingungslose Zuneigung.“ Und seit die beiden rausdürfen, sind auch die Kinder öfter draußen, um mit ihnen zu spielen. „Wenn die Katzen Unterhaltung wollen, zeigen sie das sehr deutlich. Sie gehen dann gern auf die Socken der Jungs los“, lacht sie. Fernseher und Medien sind da ganz schnell kein Thema mehr.

Im vergangenen April ist auch Familie Schmidt um zwei Familienmitglieder angewachsen. Mutter Carina wollte gern ein Haustier haben, am liebsten einen Hund, doch in der Mietwohnung war das nicht möglich. So entschied man sich für Meerschweinchen. Von Anfang an wurden die Kinder mit eingebunden. Sie durften die Namen auswählen – Flecki und Wuschi – und helfen beim Füttern und Käfigputzen. Und auch als Spielkameraden werden sie geschätzt, besonders in Zeiten eingeschränkter Kontakte. Im November wurde dann ein Traum wahr, von der Wohnung konnte man in eine Doppelhaushälfte umziehen. Der Weg war frei für einen Hund, der nun seit dem 28. Februar zur Familie gehört – Buddy, ein Amerikanische-Bulldogge-Rottweiler-Mischling. „Ein Taschenhund kam für uns nicht infrage“, erklärt Carina Schmidt bestimmt.

Der Rüde hat den zweijährigen Sohn ganz besonders ins Herz geschlossen.

Sieben Monate alt ist der junge Rüde, der aus einer Familie mit kleinen Kindern stammt und daher Trubel gewohnt ist und besonders den knapp zweijährigen Sohn ins Herz geschlossen hat. „Der Umgang mit Tieren nimmt den meisten Kindern die Angst vor ihnen und sie lernen Verantwortung“, hat die Arzthelferin festgestellt.

In der Backnanger Kinderarztpraxis ist man überzeugt: Haustiere gehören dazu und fördern sogar die Gesundheit. Man kommt, zumindest mit einem Hund, mehrfach täglich an die frische Luft und bewegt sich – eine gesunde Alternative zu den eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten im Vergleich zum Dasein als Couch-Potato. Bei schwer chronisch kranken Kinder setzt man sogar auf Tiere als Therapieansatz, weiß Delic-Bikic. Krankheitsverläufe werden positiv beeinflusst und Kinder gestärkt, um mit der Krankheit besser zu leben. „Ein Tier gibt eine positive Perspektive.“

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Erstellt:
29. März 2021, 11:30 Uhr

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