Ein Jumbo-Flugsimulator steht in Backnang in einem Haus am Schillerplatz

Carsten Hansen hat seine Leidenschaft zum Geschäft und die Region um eine Technikattraktion reicher gemacht. Ohne Pilotenschein lässt sich jetzt in Backnang eine Boeing 747-400 fliegen, wenn auch nur im Flugsimulator. Sehr realistisch ist das allemal.

Über den Wolken: Carsten Hansen zeigt, wie man den simulierten Jumbojet sicher steuert.  Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Über den Wolken: Carsten Hansen zeigt, wie man den simulierten Jumbojet sicher steuert. Fotos: Alexander Becher

Von Andreas Ziegele

BACKNANG. Ein dumpfes Brummen, das man als Passagier aus einem Flugzeug kennt, ist zu vernehmen. Immer wieder sind englische Funksprüche zu hören, die man kennt, wenn man selbst einmal das Cockpit einer Maschine betreten durfte. Das Ganze ist aber nicht an irgendeinem Flughafen der Welt, sondern in den schicken Räumlichkeiten in einem Gebäude am Backnanger Schillerplatz. Da steht seit Kurzem der Flugsimulator von Carsten Hansen und wartet auf den nächsten Piloten. „Und der braucht nicht mal einen Pilotenschein“, wie Hansen lächelnd anmerkt. Dann verrät er, dass er auch selbst ohne Lizenz zum Fliegen ist. „Ich habe schlechte Augen und trage Kontaktlinsen und damit kann ich kein Pilot sein“, erklärt er und man merkt, dass er das auch ein wenig bedauert. „Aber wenn es auf einem Flug zum Ausfall beider Piloten käme, könnte ich das Cockpit übernehmen“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Das Auge muss beim Fliegen 30 bis 40 Dinge gleichzeitig scannen

Nachdem man auf dem Pilotensitz Platz genommen hat, schaut man auf den Monitor und sieht das graue Band einer der Rollbahnen am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen und hat das Gefühl, im Cockpit einer Boeing 747-400, die man auch als Jumbojet kennt, aus dem Fenster zu sehen. Ein Meer von Lichtern lässt die Konsole vor dem Pilotensitz blinken und flimmern. Und überall finden sich Knöpfe und Schalter. Vor einem befindet sich ein sogenanntes Steuerhorn, das in modernen Flugzeugen den Steuerknüppel ersetzt, und am Boden sind noch zwei Pedale zu sehen. Im ersten Moment überfordert einen das alles. Aber neben einem steht Carsten Hansen, der mit ruhiger Stimme erklärt, was zu tun ist, damit die Maschine abheben kann. Wie komplex das Ganze ist, erläutert er an einem Beispiel: „Beim Autofahren scannt das Auge zwischen fünf und acht Dingen auf einmal ab, beim Fliegen sind es 30 bis 40.“

Die Konsole vor dem Pilotensitz blinkt und flimmert – da kann man schon mal den Überblick verlieren. Dann hilft der Experte aus.

© Alexander Becher

Die Konsole vor dem Pilotensitz blinkt und flimmert – da kann man schon mal den Überblick verlieren. Dann hilft der Experte aus.

Seit 1988 beschäftigt sich der Maubacher schon mit dem Thema Flugsimulation. Nun hat er sich seinen Traum erfüllt und seine Leidenschaft zur Fliegerei zum Geschäft gemacht. „Ich war viele Jahre bei einem internationalen Konzern tätig und da ist im November eine Tür aufgegangen“, erzählt Carsten Hansen. Durch diese Tür ist er gegangen und meint damit, dass er seinen Arbeitsvertrag aufgelöst hat, um sich nun voll auf seinen Flugsimulator zu konzentrieren, und gibt zu, dass er hier so etwas wie seinen Traum lebt. „Der Simulator stand bis vor Kurzem noch in Speyer und ich habe versucht, das nebenberuflich zu machen. Das hat nicht geklappt.“ Seine schwierigste Zeit mit dem Simulator hatte der heute 60-Jährige nach den Anschlägen vom 11. September 2001. „Da hatte ich plötzlich die Polizei bei mir, die wissen wollte, wer bei mir fliegt“, sagt er im Rückblick. Denn es war damals relativ schnell klar, dass die Terroristen die Kaperung der Maschinen an einem Simulator trainiert hatten.

Jeder Schalter, den man sieht, kann auch betätigt werden

Seit Dezember steht der Flugsimulator nun in Backnang, nachdem Hansen lange nach einer passenden Lokalität in der Gegend gesucht hatte. Dass dieser etwas komplett anderes ist als irgendeine Software, die man sich zu Hause auf den PC laden kann, sieht man nicht nur, sondern Hansen macht klar: „Mit der Software auf dem PC können sie einen Jumbo auf Helgoland landen, aber das hat nichts mit der Realität zu tun.“ Denn bei seinem Flugsimulator kann jeder Schalter, den man sieht, auch betätigt werden, und macht dann genau das, was im richtigen Flugzeug auch passieren würde. Dass das dem echten Fliegen sehr nahekommt, hat er von einem Experten bescheinigt bekommen. „Ein Bekannter von mir ist Kapitän einer 747 von Cargolux in Luxemburg und der meinte, das ist schier unglaublich, wie nah das an der Realität ist“, sagt Carsten Hansen nicht ganz ohne Stolz.

Anbieten möchte er seine Flüge vor allem Menschen, die nach besonderen Geschenkideen suchen. „Ich sage es jetzt mal etwas flapsig: Wenn Frauen nicht mehr wissen, was sie ihren Männern schenken sollen, ist ein Gutschein für den Flugsimulator genau das Richtige“, sagt Hansen eher im Spaß. Denn grundsätzlich möchte er alle Abenteurer, Technikfreaks, Event-Fans, Reiselustige und Wunschpiloten ansprechen und da sind Frauen genauso gemeint wie Männer.

Auch Teambuilding-Events für Firmen sollen zu den Angeboten gehören

Technisch basiert der Simulator auf einer Vernetzung von drei sehr leistungsstarken Computern, sieben Bildschirmen und zwei Touchscreens zur Bedienung sowie einer Software, die exakt den Flugbetrieb einer Boeing 747-400 vollumfänglich simuliert. Dazu gehören auch Wind- und Wettersituationen und unterschiedliche Tageszeiten und Flughäfen, die sich hier einstellen lassen. „Natürlich nur solche Flughäfen, die eine Start- oder Landebahn mit einer Länge haben, auf der man einen Jumbojet landen kann“, erläutert Carsten Hansen und verweist auch auf einen Ehrenkodex von ihm: „Wir werden hier kein Flugzeug abstürzen lassen.“

Die Frage nach dem Wert der gesamten Anlage lässt Hansen unbeantwortet beziehungsweise sagt: „Das kann ich so gar nicht richtig beziffern, weil der Flugsimulator über die Jahre immer weiter gewachsen und ausgebaut wurde.“ Das wird auch weiter so sein und zusätzlich will er künftig einen kleineren Simulator anbieten, der von der Handhabung weniger komplex ist und mit dem dann auch „Spaßfliegen“ möglich sein wird. Außerdem möchte er Events für Firmen im Rahmen des Teambuildings anbieten und steht dazu schon in Kontakt mit Backnanger Unternehmen. Hansen ist davon überzeugt, dass sein Angebot gut angenommen wird: „Die Leute wollen nach Corona einfach wieder raus und was erleben und ich glaube, dass gerade dieses ‚smart und lokal‘ als Konzept gut ankommt.“

Link Weitere Infos: www.cockpitflug.de

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Erstellt:
7. Januar 2023, 06:00 Uhr

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