Ein Kraftpaket mit viel Geduld und Gefühl

Karrieren abseits des Sports (12): Bei den Backnanger Bundesliga-Judokas langt Leon Maier auf der Matte richtig hin und punktet fleißig. Als Heilerziehungspfleger beweist der Topathlet großes Gespür im Umgang mit Schwer- und Mehrfachbehinderten.

Leon Maier ist um den richtigen Griff nie verlegen. Weder in seinem Beruf als Heilerziehungspfleger bei der Stiftung Lichtenstern in Löwenstein,...

Leon Maier ist um den richtigen Griff nie verlegen. Weder in seinem Beruf als Heilerziehungspfleger bei der Stiftung Lichtenstern in Löwenstein,...

Von Uwe Flegel

Leon Maier braucht Geduld. Im Sport und im Beruf. Hier als Bundesliga-Kämpfer der Backnanger Judokas, dort als Heilerziehungspfleger bei der Evangelischen Stiftung Lichtenstern in Löwenstein. „Ich weiß, dass Hektik nicht weiterhilft“, erzählt der 25-Jährige. Diese Erkenntnis gilt bei ihm für die Duelle auf der Matte wie für die Förderung und Betreuung von Schwer- und Mehrfachbehinderten. Tag für Tag arbeitet er mit diesen Menschen, um deren Leben ein wenig zu erleichtern und zu verbessern.

Als Judoka ist Leon Maier einer, der die Gegner das Fürchten lehrt. Beim bisherigen Zweitliga-Team der TSG war er erst in der Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm und mittlerweile in der Kategorie bis 81 Kilogramm ein fleißiger Punktesammler. Im Aufstiegsrennen war er ein Trumpf, der stach und mithalf, dass neben Backnangs Frauen auch die Männer das zweite Mal in der Vereinsgeschichte erstklassig sind. Bei der Arbeit in Löwenstein ist der richtige Griff zwar ebenfalls an der Tagesordnung, doch mit Judotechniken hat das nichts zu tun. Hier geht es um Einfühlsamkeit, Unterstützung und Hilfestellung zur Selbsthilfe.

Allerdings sei es nicht so, dass nur seine Schützlinge lernen, er selbst habe mithilfe des Berufs für sich auch einiges mitgenommen, sagt der durchtrainierte Sportler. Er hat zum Beispiel gelernt, „zufriedener mit dem zu sein, was man hat“. Seine Tätigkeit mit „seinen Klienten“, wie er seine Schützlinge nennt, hat ihm zum Beispiel geholfen, „zu akzeptieren, dass es mir nicht ganz an die Spitze reicht“. Wobei das in seinem Fall heißt, dass er in seiner Gewichtsklasse immerhin in Süddeutschland als Vizemeister zum Besten gehört, was die Kategorie zu bieten hat, und dass er sich wohl immer wieder das Startrecht für die nationale Meisterschaft erkämpft. Das ist schon eine Menge an Erfolgen, auch wenn der frühere Bronzemedaillengewinner der nationalen U-21-Titelkämpfe vermutlich nie deutscher Meister werden wird. Erst recht, da er nach seiner abgeschlossenen Ausbildung zum Heilerziehungspfleger nun mitten im Berufsleben steht.

Geschulter Blick des Sportlers hilft dem 25-Jährigen für die tägliche Arbeit.



Im Gegensatz zum Judo, bei dem Leon Maier seit seinem sechsten Lebensjahr mit Feuereifer dabei ist, war Heilerziehungspfleger kein Berufsziel, auf das er schnurstracks zusteuerte: „Ich bin eher reingeschlittert und hängen geblieben.“ Nach der Fachhochschulreife an der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule, einer sogenannten Eliteschule des Sports in Stuttgart, stellte sich für ihn wie für so viele Jugendliche die Frage: Was nun? Die Antwort lautete: erst Bundesfreiwilligendienst und danach ein Praktikum in der Heilerziehungspflege. „Da bin ich auf den Geschmack gekommen“, erzählt der im Bretzfelder Ortsteil Schwabbach wohnende TSG-Kämpfer. Schnell merkte er, dass ihm sein Sport für die tägliche Arbeit durchaus was bringt: „Mein gutes Körpergefühl ist sehr hilfreich. Mir fällt es leicht, ein Gefühl für Bewegung zu entwickeln, mit dem geschulten Auge eines Sportlers zu sehen, ob jemand nicht ganz gerade sitzt oder unrund läuft.“

Wobei der Ehrgeiz und der Blick eines Athleten, der sich viele Jahre im Training am Olympiastützpunkt und im Backnanger Bundesliga-Kader geschunden hat, nicht immer förderlich sein muss: „Am Anfang habe ich schon gemerkt, dass meine Erwartungshaltung zu hoch war. Ich habe aber rasch akzeptiert, was die Leute leisten können.“ Und das ist nicht das, was ein Klassejudoka mit solch beeindruckenden Muckis wie Leon Maier hinbekommt, denn: „Ich habe es mit Menschen zu tun, für die ist es schon ein Erfolg, aufrecht zu sitzen und es zum Beispiel zu schaffen, sich dabei fünf Sekunden lang nicht abstützen zu müssen.“ In der Arbeit mit seinen Schützlingen gehe es darum, die vorhandenen Fähigkeiten zu erhalten oder in teilweise ganz, ganz kleinen Schritten neu zu erwerben. Bemühungen, die für den Topathleten „durchaus Gemeinsamkeiten mit Leistungssport haben“. Denn: „So wie ich mich im Training quäle, um mich zu steigern, so müssen sich meine Klienten anstrengen, um besser zu werden.“

Manchmal erfordert das viel, viel Geduld, oder wie es der Bundesliga-Kämpfer sagt: „Ich bin ein sehr ruhiger Mensch. Meine Arbeit hilft mir, zu lernen, stets ruhig zu bleiben.“ Hektik hilft einem ohnehin nicht weiter, weder im Sport noch im Beruf. Das weiß Leon Maier.

In der Serie Karrieren abseits des Sports stellen wir Athleten in ihrem Berufsalltag vor. Dabei geht es um bekannte Sportler in ihrem Beruf und um solche, die einer ungewöhnlichen Arbeit nachgehen oder die in ihrem Job besonders erfolgreich sind. Weitere Sportler mit interessanten oder ungewöhnlichen Berufen können sich gerne unter sportredaktion@bkz.de melden.

...noch als Kämpfer für Backnangs Bundesliga-Judokas. Fotos: Stiftung Lichtenstern/A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

...noch als Kämpfer für Backnangs Bundesliga-Judokas. Fotos: Stiftung Lichtenstern/A. Becher

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Erstellt:
30. Januar 2021, 06:00 Uhr

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