Gartenkunst am Albrand

Ein kunstvoller Prachtgarten am Rande der Alb

Sechs Hektar umfasst Roland Doschkas Privatlandschaft bei Rottenburg, die er in Jahrzehnte langer Arbeit erschaffen hat. In ihr vereint er die Tradition des französischen Gartens und des englischen Landschaftsgartens. Jährlich staunen hier 5000 Besucher.

Diesen Teil von Roland Doschkas Garten bestimmen strenge symmetrische Formen und kubistisch geschnittene Bäume und Sträucher.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Diesen Teil von Roland Doschkas Garten bestimmen strenge symmetrische Formen und kubistisch geschnittene Bäume und Sträucher.

Von Andrea Jenewein

Die Pupille flackert. In kleinen Wellen breiten sich Schlieren auf der Iris aus, die gerade noch in ihrem satten Braun still da lag. Diese Ruhe störte ein Insekt, es stürzte sich in die Tiefe der Pupille und brach den Blick, der gen Himmel ging. Da wiederum durchbricht eine Stimme das Schauspiel: „Monet ist nicht mehr als ein Auge, aber bei Gott, was für ein Auge!“ Es ist Roland Doschka, der diese Worte zitiert. Sie stammen ursprünglich von dem französischen Künstler Paul Cézanne, der damit seiner Verehrung für den auf einem Auge fast erblindeten Maler Claude Monet Ausdruck verlieh.

Doschka, 1941 geboren, zeigt auf das Auge: „Deshalb habe ich im Monet-Raum diesen Teich angelegt. Er stellt die Pupille und die Iris dar, der weiße Kies ist die Lederhaut, die schwarzen Steinplatten sind die Wimpern.“ Raum, das meint Gartenraum. Und der ist in diesem Fall Teil eines großen Ganzen: sechs Hektar umfasst Doschkas Grundstück am Albrand bei Rottenburg, das entspricht achteinhalb Fußballfeldern.

Jährlich durchstreifen mehr als 5000 Besucher aus der gesamten Republik Doschkas privaten Garten, lassen sich hier von ihm führen – und entführen. „Es kommen sogar Sonderbusse aus Straßburg und Basel“, sagt Doschka nicht ohne Stolz. Ein Trubel. Doch im Moment ist es ganz ruhig. Nur in der Ferne hört man einen Rasenmäher.

Landschaftsgärten gibt es freilich viele, aber einen wie den von Doschka nicht. Denn sein Garten in Dettingen vereint nicht nur Garten und Kunst, sondern auch die beiden großen europäischen Gartentraditionen: den französischen Garten und den englischen Landschaftsgarten. Begonnen hat er mit der Planung im Jahr 1974.

Damals kaufte Doschka, der „gebürtig vom Ort“ ist, wie er sagt, ein großes, steiles Baugelände, das zu der Zeit erschlossen wurde. Er fing im Zuge des Hausbaus auch gleich damit an, den französischen Garten anzulegen – als Hausgarten. Erst nach und nach kaufte er von Bauern einzelne angrenzende Parzellen dazu, „das zog sich aber gewiss über 20 Jahre“. Die erstandene zusätzliche Fläche wollte er allerdings nicht in französische Räume aufteilen, sondern darauf einen englischen Landschaftsgarten anlegen.

Eine Reise in eine längst vergangene Zeit und Welt

Zurück zum Monet-Raum, wo Doschka auch immer seine Führungen startet. Der Romanist, der unter anderem in Aix-aux-Provence studierte und über Jahrzehnte eine Professur an der Universität in Freiburg innehatte, brachte 1992 die erste Monet-Ausstellung nach Deutschland, genauer gesagt nach Balingen.

Bei all dieser Beschäftigung mit der französischen Kultur war er in der Nationalbibliothek in Paris auch auf handschriftliche Aufzeichnungen Monets gestoßen, die festhielten, wie ein historisches Staudenfeld aussah. „Das habe ich hier nachgebildet“, sagt Doschka. Noch blüht es nicht in voller Pracht, aber weiße Iris, roter Klatschmohn und blauer Allium, also Zierlauch, bilden hier schon bald eine Hommage an die Trikolore.

Er deutet auf zwei Säulen. „Die gehörten ursprünglich zu einem romanischen Kloster aus dem 14. Jahrhundert, das man dann abgerissen hat, damit der TGV kerzengerade durch die Landschaft fahren kann“, sagt Doschka. Er erstand sechs davon auf einem Pariser Antiquitätenmarkt. Der Elbsandstein der Mauer, die den Staudengarten umschließt, ist von einem Chemnitzer Steinbruch. „Aus dem Stein wurde auch die Frauenkirche in Dresden gebaut“, sagt Doschka.

Sein Garten ist eine Reise in eine andere, längst vergangene Zeit und Welt – nicht zuletzt darum wurde in Doschkas Garten der deutsch-französische Film „Ein kleiner Schnitt“ gedreht. Das Sujet: Um nicht am Galgen zu enden, muss im Jahr 1749 ein schamhafter jüdischer Finanzdirektor seinen temperamentvollen Herzog zu einer Beschneidung bewegen.

Der Weg führt am Staudenfeld entlang eine Ebene höher. Ab und an bleibt Doschka stehen, zupft eine verwelkte Blüte ab oder bückt sich, um einen Zweig aufzuklauben. „Der Gärtner sieht immer was“, sagt er und steigt weiter den kleinen Anstieg hinan. Oben angekommen, öffnet sich ein neuer Raum: „Ist das nicht ein Traum“, sagt Doschka schlicht und blickt auf den von Bäumen gesäumten Rasen – hier eine Sonnenschirmpinie aus Saint-Tropez, dort eine weidenblättrige Birne – mit den zwei alten Wasserspielen.

Das eine stammt aus Aix-aux-Provence, das andere aus Montpellier. „Der französische Stil geht zurück auf das Lateinische, die Römer nannten ihren Garten Hortus conclusus, also geschlossener oder verschlossener Garten“, sagt Doschka im Weitergehen. „Auch hier ist alles schön intim.“ Gleichzeitig, erklärt er, sind die Räume des französischen Gartens durch Embrassement, durch eine Umarmung, miteinander verbunden.

„In meinem Garten finden sich alle Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts“

„Der französische Garten hat nichts mit dem englischen Landschaftsgarten gemein“, sagt Doschka, der auch Anglistik in Oxford studierte, als er die weite Fläche seines Gartens betritt, an die sich der Rammert mit seinen ausgedehnten Wäldern, Höhenrücken und eingeschnittenen Tälern anschließt. In die andere Richtung tut sich ein Weitblick bis nach Donaueschingen auf.

Doschkas englischer Landschaftsgarten liegt vor einem wie ein Gemälde. „Sie hätten kommen sollen, als die Tulpen noch blühten“, sagt er und macht eine weitläufige Armbewegung in Richtung der veredelten Magerwiese, wo sich derzeit statt Tulpen blaue Präriekerzen in die Höhe recken. „Die Köpfe der Tulpen, das ist immer Pointillismus in Reinform. In meinem Garten finden sich alle Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts.“

Die Magerwiese, auf der auch Butterblumen, Löwenzahn und Gänseblümchen wachsen, hat Doschka so angelegt, dass sie vier Monate im Jahr blüht. Es beginnt mit weißen und dunkelblauen Krokussen, danach kommen weiße Osterglocken der Sorte Mount Wood, abgelöst werden diese von zehn verschiedenen Tulpensorten. Dann schießt die Präriekerze mit ihren blauen Blüten in die Höhe, später kommt die Wildiris in Weiß und Dunkelblau. Die Schlussblüte machen zehn verschiedene Sorten des Zierlauchs.

Am Rande der Wiese findet man die seltene Himalaja-Birke und alle zehn Sorten vom Hartriegel. Zudem wachsen dort Obstbäume und Remplerrosen, die sich die Bäume hochwinden: „Das ist etwas für die Frauen“, sagt Doschka.

Je weiter man in seinen englischen Landschaftsgarten vordringt, desto grüner und weniger farbenreich wird es. Grüner Rasen, am Rand hellgrüne Hainbuchen vor dunkelgrünem Efeu. Nur rechter Hand ist noch einmal ein Staudengarten mit Muskatsalbei und Steppenkerzen, die bis zu zweieinhalb Meter hoch werden. Mit dem Rücken zu den Stauden steht ein modernes Gartenhaus.

Geht man den laubengangähnlichen Balkon entlang zur Vorderseite, wird der Lärm fast ohrenbetäubend – und der Blick und das Herz tun sich erneut auf: Zu Füßen des Betrachters liegt ein Garten, der durch seine Symmetrie besticht. „Die Allee dort ist reiner Kubismus, die Hecken sind alle kubistisch geschnitten“, sagt Doschka, der eigens für den Besuch das runde Wasserspiel in der Mitte angeschaltet hat.

Das Wissen um Pflanzen hat Roland Doschka als Autodidakt erworben

„Ich habe drei Gärtner, einmal die Woche wird der Rasen gemäht“, schreit Doschka gegen den Lärm an. Für das Gärtnerische sei indes er zuständig: „Ich schaue, wo eine Pflanze versetzt werden oder etwas Neues gepflanzt werden muss, die Gärtner pflegen den Garten vorrangig.“ Demnächst steht wieder an, die Rhododendrenblüten abzuzupfen. „Das mache ich selbst, es wird Tage in Anspruch nehmen“, sagt Doschka.

Dass er den Sinn für seinen Prachtgarten aus seiner Beschäftigung mit und durch seine Liebe zur Kunst gewonnen hat, ist nachvollziehbar. Doch woher hat er das Wissen um die Pflanzen? „Da bin ich quasi Autodidakt“, sagt Doschka und blickt auf den Rammert. „In dem Wald habe ich immer in den Semesterferien gearbeitet. Dabei habe ich viel über die Natur gelernt.“

Auch deshalb ist die Bank vor dem Gartenhaus der Lieblingsplatz von Doschka, der Bundesverdienstkreuzträger und Ehrenpräsident des europäischen Kulturforums Mainau ist. Dieser Aussichtspunkt öffnet den Blick zum Wald (die Natur) wie auf die kubistisch geschnittenen Bäume (die Kunst). Nach seinen Führungen, die hier enden, sitzt er da, nippt an einem Glas Rosé und sieht sich den Sonnenuntergang an. Dann schließt er die Augen und genießt.

Info

FührungenZu einer kostenpflichtigen Führung durch den Garten meldet man sich direkt bei Roland Doschka unter der Nummer 07472-8104 an.

Roland Doschka hat in seinem Monet-Raum  im französischen Garten diesen Teich angelegt – der an ein Auge gemahnt. Das Wasser stellt die  Pupille und die Iris dar, der weiße Kies ist die Lederhaut,  die schwarzen Steinplatten sind die Wimpern.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Roland Doschka hat in seinem Monet-Raum im französischen Garten diesen Teich angelegt – der an ein Auge gemahnt. Das Wasser stellt die Pupille und die Iris dar, der weiße Kies ist die Lederhaut, die schwarzen Steinplatten sind die Wimpern.

Natürlich finden sich im französischen Garten auch Skulpturen – wie auch am Rande des Teiches.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Natürlich finden sich im französischen Garten auch Skulpturen – wie auch am Rande des Teiches.

Das Staudenbeet blüht noch nicht in voller Pracht, aber weiße Iris, roter Klatschmohn und blauer Allium, also Zierlauch, bilden hier schon bald eine Hommage an die Trikolore der französischen Flagge.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Das Staudenbeet blüht noch nicht in voller Pracht, aber weiße Iris, roter Klatschmohn und blauer Allium, also Zierlauch, bilden hier schon bald eine Hommage an die Trikolore der französischen Flagge.

Noch eine Skulptur mehr – zudem finden sich immer wieder Rückzugsorte zum Verweilen.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Noch eine Skulptur mehr – zudem finden sich immer wieder Rückzugsorte zum Verweilen.

Auch hier lässt es sich eine Weile aushalten.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Auch hier lässt es sich eine Weile aushalten.

Das Wasserspiel stammt selbstredend aus Frankreich.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Das Wasserspiel stammt selbstredend aus Frankreich.

Die veredelte Magerwiese blüht vier Monate im Jahr. Im Moment recken sich blaue Präriekerzen  in die Höhe.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Die veredelte Magerwiese blüht vier Monate im Jahr. Im Moment recken sich blaue Präriekerzen in die Höhe.

Dieser Teil des Gartens ist streng symmetrisch angelegt . . .

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Dieser Teil des Gartens ist streng symmetrisch angelegt . . .

. . . was das Luftbild besonders  deutlich macht.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

. . . was das Luftbild besonders deutlich macht.

Die Nahaufnahme zeigt die kubistisch geschnittenen Bäume und Hecken.  „In meinem Garten finden sich alle Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts“, sagt Roland Doschka.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Die Nahaufnahme zeigt die kubistisch geschnittenen Bäume und Hecken. „In meinem Garten finden sich alle Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts“, sagt Roland Doschka.

Roland Doschka auf seinem Lieblingsplatz vor seinem Gartenhaus.

© © sichtlichmensch/Andy Reiner

Roland Doschka auf seinem Lieblingsplatz vor seinem Gartenhaus.

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Erstellt:
20. Mai 2024, 15:54 Uhr

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