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Ein letztes Mal noch auf die Blumeninsel

Jessica Kienzle aus Weissach im Tal fährt als Ehrenamtliche im Wünschewagen des ASB mit und ermöglicht so todkranken Menschen einen letzten Ausflug

Todkranken Menschen einen besonderen Herzenswunsch erfüllen – dafür steht das Projekt „Wünschewagen“ des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Die Weissacherin Jessica Kienzle ist eine der Ehrenamtlichen, die Betroffene mit einem Krankentransport zu Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen oder einem letzten Besuch in der Heimat begleiten.

Zwei Hospizbewohner haben sich gewünscht, gemeinsam auf die Blumeninsel Mainau zu fahren. Um das zu ermöglichen, wurde der Wünschewagen aus Mannheim hinzugebeten. Jessica Kienzle (rechts hinten) war mit dabei – für sie eine bereichernde Erfahrung. Fotos: ASB Ludwigsburg

© ASB Ludwigsburg

Zwei Hospizbewohner haben sich gewünscht, gemeinsam auf die Blumeninsel Mainau zu fahren. Um das zu ermöglichen, wurde der Wünschewagen aus Mannheim hinzugebeten. Jessica Kienzle (rechts hinten) war mit dabei – für sie eine bereichernde Erfahrung. Fotos: ASB Ludwigsburg

Von Lorena Greppo

WEISSACH IM TAL. Wenn das Leben sich dem Ende zuneigt, treten oftmals unerfüllte Träume in den Vordergrund. Egal, ob eine Reise an einen lebensgeschichtlich bedeutsamen Ort, ein gemeinsamer Familienausflug, der Besuch eines Konzerts oder einer Sportveranstaltung: Im komfortabel ausgestatteten Wünschewagen des ASB werden todkranke Menschen jeden Alters bei der Erfüllung ihres letzten Wunsches begleitet und betreut. Schon fünfmal war auch Jessica Kienzle bei einer derartigen Fahrt dabei. Die 30-Jährige aus Weissach im Tal ist im vergangenen Jahr im Internet auf das Projekt des ASB gestoßen und engagiert sich seitdem als eine von 70 Ehrenamtlichen. Auch wenn die Konfrontation mit dem Tod für manche befremdlich wirkt, sagt Kienzle: „Jede Fahrt ist besonders und schön.“ Die Fahrgäste seien auch gar nicht immer betrübt. „Wir lachen ganz viel auf den Fahrten“, sagt die Krankenpflegerin. Auf der Rückfahrt oder wenn es ans Verabschieden geht, „wird’s emotional und traurig“. Als die Familie eines Fahrgasts den Sonnenuntergang am Bodensee erlebt hat, hätten alle gemeinsam geweint – „das gehört dazu“.

In der Nacht vor ihrer ersten Fahrt habe sie nicht geschlafen, so aufgeregt war Jessica Kienzle. Sie sei froh gewesen, dass ein erfahrener Kollege mit ihr unterwegs war, sagt sie. Und das, obwohl Kienzle von ihm Vorfeld eine Schulung erhalten hat. Darin gehe es um rechtliche Themen, eine Fahrzeugeinweisung sowie Gespräche über das allgegenwärtige Thema: den Tod, erklärt die Projektleiterin Silke Löser. Es sei auch schon vorgekommen, dass Ehrenamtliche im Zuge der Schulung festgestellt haben, dass sie für ein derartiges Engagement noch nicht bereit sind – „etwa, wenn kurz zuvor ein Angehöriger verstorben ist und die Person selbst in Trauer ist“. Man sei auch darauf vorbereitet, dass unterwegs ein medizinischer Notfall eintreten kann – das sei schon vorgekommen.

Für die Fahrgäste des Wünschewagens gibt es lediglich eine Voraussetzung: eine palliative Diagnose. Diese kann auch junge Menschen treffen, weiß Löser. „Unser jüngster Fahrgast war erst zwei Jahre alt, der älteste 97.“ In den zwei Jahren, in denen es den Wünschewagen in Ludwigsburg gibt, wurden 61 Wünsche erfüllt. Die Nachfrage sei hoch, die Wünsche sehr verschieden. Die Blumeninsel Mainau sei ein beliebtes Ziel, ebenso die Wilhelma in Stuttgart, erzählt Löser. Aber auch ungewöhnlichere Wünsche gibt es: Derzeit habe man eine Anfrage einer jungen Frau, die sich mit ihrem Mann ein Tattoo stechen lassen möchte.

Obwohl die Ehrenamtlichen keine materielle Vergütung für ihren Einsatz bekommen, nehmen sie viel von diesen Erfahrungen mit. „Man lebt bewusster“, sagt Jessica Kienzle. So versuche sie im privaten Umfeld die Zeit mit älteren Angehörigen so schön wie möglich zu gestalten. Das Wissen, etwas Gutes bewirkt zu haben, sei zudem bereichernd. Der Todkranke könne besser loslassen, sein letzter Wunsch ist erfüllt. Und die Familie könne in ihrer Trauer von dieser Erfahrung zehren. Auch von Außenstehenden sei die Resonanz positiv. „Der Kapitän der Bodenseefähre hat für uns noch eine Extrarunde gedreht“, erzählt die Weissacherin. Und ein Restaurant am Titisee habe nur für eine todkranke Frau und ihre Familie geöffnet. „Ich fände es toll, wenn mehr Menschen den Mut finden, ihre Wünsche zu äußern“, sagt Silke Löser. Die Ehrenamtlichen setzen alle Hebel in Bewegung, um diese zu erfüllen.

Ein letztes Mal noch auf die Blumeninsel

© ASB Ludwigsburg

Info
„Letzte Wünsche wagen“

Der Wünschewagen ist ein rein ehrenamtlich getragenes und ausschließlich aus Spenden finanziertes Projekt des Arbeiter-Samariter-Bunds in Deutschland. In jedem Bundesland ist mindestens ein Wagen im Einsatz, insgesamt sind es bundesweit 23. Sein Name ist gleichzeitig ein Wortspiel mit dem Motto des Projekts „Letzte Wünsche wagen“. Mit einem umgebauten Krankentransportwagen werden unheilbar kranke Menschen gefahren, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Der Wünschewagen ist kein Rettungswagen im eigentlichen Sinne, im Regelbetrieb wird er nicht eingesetzt. Dennoch ist er mit einer notfallmedizinischen Einrichtung versehen. Zudem begleitet immer ein ausgebildeter Rettungssanitäter die Fahrten.

Der Ludwigsburger Wünschewagen ist der zweite seiner Art in Baden-Württemberg. Unter der Schirmherrschaft von Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha erfüllt er seit November 2017 letzte Herzenswünsche aus dem württembergischen Landesteil. Für den badischen Teil ist bereits seit 2016 ein Team mit Wagen am Standort Mannheim im Einsatz.

Mehr Informationen auf der Website www.wuenschewagen.de.

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Erstellt:
29. November 2019, 06:00 Uhr

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