Kultiger Ponton-Mercedes

Ein Mercedes fürs Leben: Herr Kreisers alte Liebe rostet (fast) nicht

Seit 45 Jahren fährt Thilo Kreiser mit einem Ponton-Mercedes, Baujahr 1956, durchs Leben. Kaum zu glauben, was der Stuttgarter in seinem 180er Diesel alles erlebt hat.

Thilo Kreiser und sein Ponton-Mercedes D 180: Das kleine Problem an der Wasserleitung ist schnell behoben.

© Peter Stolterfoht

Thilo Kreiser und sein Ponton-Mercedes D 180: Das kleine Problem an der Wasserleitung ist schnell behoben.

Von Peter Stolterfoht

Wer im Auto von Thilo Kreiser sitzt, der erlebt den Stuttgarter Verkehr von einer völlig unbekannten Seite. Radfahrer ballen nicht mehr drohend die Faust, sondern winken freundlich. Gerade noch mürrisch dreinschauende Fußgänger lächeln plötzlich. Und dann macht ein Autofahrer zuvorkommend Platz, damit Kreiser mit seinem Wagen einfädeln kann. So könnte es auf den Stuttgarter Straßen 1956 zugegangen sein, in dem Jahr also, als Thilo Kreisers Auto vom Band gerollt ist. „Ich erlebe ständig und überall positive Reaktionen mit meinem Wagen“, sagt Thilo Kreiser und erwidert das Lächeln der Kinder am Straßenrand.

Ein Mercedes-Benz mit magischen Kräften

Thilo Kreisers Mercedes 180 D hat magische Kräfte. Der genau 70 Jahre alte Wagen sorgt für gute Laune, wohin er auch fährt. Was sicher auch daran liegt, dass nicht nur der Besitzer, sondern auch das Fahrzeug auf Anhieb sympathisch wirken. Bei diesem Mercedes sind es besonders die abgerundete Linien und die Scheinwerfer, die wie Kulleraugen wirken. Ponton-Mercedes wird diese Baureihe genannt, weil ihr eine selbsttragende Karosserie zugrunde liegt. Der Designname leitet sich dabei vom lateinischen Wort Pons für Brücke ab.

Dieser Mercedes ist dann auch ein Brückenbauer, wie Thilo Kreiser erzählt: „Der Wagen ist eine Kontaktmaschine, so schnell wie man dank ihr mit den Leuten ins Gespräch kommt.“ Und dann erfährt man auch gleich, wie die Beziehungsgeschichte zwischen ihm und seinem fahrenden Wegbegleiter begonnen hat.

Kreiser Benz ist ein Alltagsfahrzeug und kein Ausstellungsstück

Der Wagen gehörte ursprünglich dem Großvater eines Schulkameraden von Thilo Kreiser, hatte als Taxi seinen Standort am Bismarckplatz im Stuttgarter Westen. Und weil Thilo Kreiser schon vor 45 Jahren ein Oldtimerfan gewesen ist, kaufte er den Ponton-Mercedes für 6000 Mark, als sich der Opa des Freundes nach 70 unfallfreien Jahren von seinem Wagen trennte. Das war kurz nach Kreisers Abi am Fanny-Leicht-Gymnasium in Vaihingen, dort wo Thilo Kreiser heute noch lebt und sein markanter Oldtimer im Hof steht. Der ist für ihn Alltagsfahrzeug und kein Ausstellungsstück.

Stolze 733 000 Kilometer hat der Wagen mittlerweile auf den Kasten, nachdem ein neuer Motor beim Stand von 440 000 eingebaut werden musste. Übernommen hat Thilo Kreiser den Wagen mit rund 550 000 Kilometern im Jahr 1981, seitdem fährt er jährlich bis zu 15 000 Kilometer – wenn nicht gerade eine große Spritztour ansteht. So wie 2001, als er mit dem Ponton bis in den Iran gefahren ist.

Im Iran wollte er auf diesem Weg seine wieder dort lebende persische Frau und den gemeinsamen Sohn Kian besuchen. In sieben Tagesetappen erreichte er das Ziel einer Reise, auf der ihn ein Freund mit der Kamera begleitete. Es entstand ein Videofilm („Taxi nach Teheran“), in dem viel über Gastfreundschaft und die Völker verbindende Kraft eines alten Autos zu sehen und viel Herzerwärmendes in einer Mischung aus Farsi und Schwäbisch zu hören ist.

Mit seinem Sohn, der heute als Kfz-Meister in einem Betrieb in Renningen arbeitet, ging es damals wieder zurück nach Deutschland. Während die Ex-Frau weiter im Iran lebt und um die sich Thilo Kreiser gerade jetzt Sorgen macht. Eine Fahrt im Ponton-Mercedes hilft dann auch ein bisschen über solche weltpolitischen Belastungen hinweg.

Und dann kommt die Sprache auch noch auf prominente Beifahrer. Joachim Fuchsberger war schon an Bord des Ponton-Mercedes, genauso wie die Schauspielerkollegen Edgar Selge und Walter Sittler. Oder Circus-Roncalli-Direktor Bernhard Paul. Und mit seinem Freund, dem ehemaligen Astronauten Ulf Merbold, ist er gerade erst wieder in die Oper gefahren. Einen Spielfilm-Auftritt hatte der Wagen auch schon. Das war 2016 in der Verfilmung des Lebens von Auschwitz-Prozess-Staatsanwalt Fritz Bauer, dargestellt von Ulrich Noethen.

Hellmuth Karasek hat vielleicht an diesem Mercedes mitgearbeitet

Zu solchen Beifahrern verhalf Thilo Kreiser seine enge Verbindung zur Stuttgarter Kulturszene. Bis heute ist er als Hobbyschauspieler in Theaterproduktionen dabei und kommt so mit vielen Künstlern ins Gespräch. Und dann ist man auch schnell beim 180D angekommen und eine Fahrt gebucht. So war das auch auch beim Literaturkritiker Hellmuth Karasek, der gleich noch eine interessante These zu diesem Auto lieferte. Er habe möglicherweise an diesem Ponton-Mercedes mitgearbeitet, erzählte Karasek, jobbte er doch 1956 in der Mercedes-Produktion in Sindelfingen.

Auf den 180 D ist absolut Verlass

Der Job von Thilo Kreiser hatte dagegen nie etwas direkt mit Autos zu tun. Nach dem Maschinenbau-Studium war der heute 65-Jährige für einen Schweißtechnik-Betrieb tätig, derzeit arbeitet er noch in der Senioren-Betreuung.

Und dann will ja auch der Ponton regelmäßig gefahren werden, der seinen Besitzer noch nie im Stich gelassen hat. Höchstens Kleinigkeiten halten ganz kurz den Betrieb auf, wie aktuell eine defekte Wasserleitung. Was Thilo Kreiser allerdings nicht mehr kostet als einen geübten Handgriff. Und dann lächelt er sein Auto an, mit einem Blick, der sagt: Alte Liebe rostet nicht. Höchstens ein bisschen.

Thilo Kreiser feiert den 70. Geburtstag seines Ponton-Diesels vor dem Mercedes-Benz-Museum.

© sto

Thilo Kreiser feiert den 70. Geburtstag seines Ponton-Diesels vor dem Mercedes-Benz-Museum.

Frontale Nahaufnahme

© sto

Frontale Nahaufnahme

Das Innenleben des Ponton-Mercedes

© sto

Das Innenleben des Ponton-Mercedes

Diese Vase ist ein Hingucker.

© sto

Diese Vase ist ein Hingucker.

Hinterhofansicht mit Oldtimer

© sto

Hinterhofansicht mit Oldtimer

Auf großer Fahrt   im Iran

© Privat

Auf großer Fahrt im Iran

Nicht jede persische Brücke führte 2001 ans Ziel.

© Privat

Nicht jede persische Brücke führte 2001 ans Ziel.

Daheim unterm Fernsehturm

© Privat

Daheim unterm Fernsehturm

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Erstellt:
13. März 2026, 23:05 Uhr

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