Ein Passagierjet als Weihnachtspaket

Wie für einen Airbus und für einen Schwertransport-Veteranen eine letzte große Fahrt zu Ende geht

Verkehr - Ein Airbus nutzt die Autobahn als Rollbahn: Ein spektakulärer Transport über 1981 Kilometer vom Baltikum ist im Südwesten angekommen. Zum Schluss gibt es aber eine böse Überraschung.

Stuttgart Erst dröhnt ein Schiffshorn im Engelbergtunnel. Dann fliegt ein Passagierjet durch die Röhre der A 81 bei Leonberg. Schiffs- und Flugkapitän zugleich – was für eine letzte große Fahrt für Hermann Futterknecht! Jahrzehntelang steuerte er als Fahrer Schwertransporte über die Straßen und wird im Mai nächsten Jahres in Ruhestand gehen. In der Nacht zum Samstag ist der 65-Jährige kurz vor dem Ziel einer 1981 Kilometer langen Reise. Er bringt ein Passagierflugzeug in den Südwesten.

Natürlich hat er kein Schiffshorn. Es ist die Hupe des 55 Meter langen, fünf Meter breiten und 99 Tonnen schweren Trucks, und Futterknecht hupt. Der Airbus fliegt auch nicht. Der 33 Meter lange Rumpf der A 320 rollt festvertäut in einem Kesselwagen. Ein echter Passagierjet, ein Weihnachtsgeschenk für die Bundeswehr in Calw im Nordschwarzwald. Futterknecht ist, wie das ganze Team des Stuttgarter Schwertransportunternehmens Hermann Paule, auf geheimer Mission.<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/kumblOyBmdM" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>

Niemand soll wissen, dass die Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte, weltweit im Antiterrorkampf im Einsatz, diesen Airbus als Trainingsobjekt für Geiselbefreiungen bekommt. Doch ein Flugzeug, das die Autobahnen Deutschlands von Nord nach Süd als Rollbahn nutzt, ist keine geheime Kommandosache. „So einen Transport, über fast 1000 Kilometer, hat es in Europa noch nie gegeben“, sagt Rainer Schmid, der Paule-Geschäftsführer. Zwar fliegt ein Airbus nicht durch den Tunnel. Aber Futterknecht hat im Konvoi durchaus 70 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho, als er am Freitag um 22.55 Uhr zum Engelbergtunnel fährt. Dort reduziert er auf Tempo 50, man muss es nicht übertreiben. Geblitzt wird er trotzdem. Von Fotografen, die den Tross begleiten.

Futterknecht hat eine lange Reise hinter sich. Dabei ist er schon viel herumgekommen. „In Estland war ich aber noch nie“, sagt der 65-Jährige. Am 9. Dezember hatte er sich nach Tallinn aufgemacht, um dort einen anderen Ruheständler abzuholen. Der Airbus der Charterlinie Smart Lynx hatte im Februar 2018 in Tallinn eine Bruchlandung hingelegt – und war für 150 000 Euro zu haben. Die Bundeswehr, seit vier Jahren auf der Suche, hatte sich das Schnäppchen gesichert. Es musste nur noch über 1981 Kilometer Land- und Seeweg zum Trainingszentrum in Calw gebracht werden.

Am 14. Dezember sind Flugkapitän Futterknecht und sein 31-jähriger Co-Pilot Thomas Lucke am Flughafen in Tallinn losgefahren, zunächst zwei Tage per Schiff über die Ostsee bis Travemünde. Am Mittwoch dann nachts 936 Kilometer auf Autobahnen und Bundesstraßen südwärts. Das Besondere dabei: Das Tieflader-Teil, auf dem der Flugzeugrumpf ruht, ist höhenverstellbar. An der Abfahrt Leonberg-West muss es ganz runter – um unter den Schilderbrücken durchzukommen. Am Kreisverkehr der B-295-Umfahrung in Weil der Stadt dagegen muss das Flugzeug rauf – weil man mit 1,65 Meter Bodenfreiheit besser um die Kurve kommt. Vorfahrtsschilder, die im Weg stehen, werden vom Begleittrupp mit großen Schraubschlüsseln einfach aus dem Boden gedreht. Futterknecht blickt auf die Uhr, nachdem er den Kreisel passiert hat: 0.13 Uhr, Samstag, alles läuft wie geschmiert.

Doch Futterknecht, der Mann aus dem bayerischen Schwaben weiß: „Irgendwas verreckt immer irgendwann mal.“ Und tatsächlich: Lächerliche fünf Kilometer vor dem Ziel, in Althengstett im letzten Kreisverkehr, um 1 Uhr „verreckt“ die Hydraulikleitung. Ganz hinten am Vierachs-Nachläufer kann Co-Pilot Lucke nicht mehr lenken. Das Begleitteam flext, flickt und flucht. Um 2.20 Uhr wird ein Notdienst aus Pforzheim gerufen: Gebraucht wird ein spezieller, vier Meter langer Schlauch. Warten. Warum ärgern? Im strömenden Regen holt Futterknecht Kaffee an der nahen Tankstelle.

Es ist 4.30 Uhr, als der Tross dann doch am Kasernentor in Calw ankommt. Für den Airbus und Hermann Futterknecht geht die letzte ganz große Reise zu Ende. Ob ihm im Mai 2019 im Ruhestand nicht was fehlen wird, daheim in Burgau im Kreis Günzburg, zwischen Legoland und Kernkraftwerk? Er winkt ab: „Ich hab’ einen Schwiegersohn mit Landwirtschaft und vier Oldtimer-Bulldogs, da gibt es immer was zu tun.“https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.schwertransport-in-den-suedwesten-ein-passagierjet-nimmt-die-autobahn.b728767c-60c6-40b2-a634-d3e60a3d6e0b.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schwertransport-im-kreis-calw-teil-eines-a320-blockiert-kreisverkehr.c03bbb7c-5967-4cdb-86f3-7dcee0aa6c39.htmlhttps://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.schwertransport-in-stuttgart-transformator-bricht-rekord.f105e390-2985-4463-85e2-6a38324ce033.html

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Erstellt:
24. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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