Ein Ruhepol in hektischen Zeiten

Sportlich hat er seine Krankheit genommen, hat gekämpft, am Ende aber verloren. Unsere Redaktion trauert um Gregor Preiß.

Von Dirk Preiß

Stuttgart - Die Geschichte beginnt kurios. „Willst du mich veräppeln?“, fragt der eine Sportreporter den anderen. Denn es ist verwirrend. Die Frage geht an den Kollegen, der auf den Nachnamen „Preiß“ hört und sich im selben Raum befindet. Eben am Telefon war aber auch ein „Preiß“, der seine Dienste als freier Mitarbeiter angeboten hat.

Spielt da also einer ein doppeltes Spiel? Mitnichten! Aber die Tatsache des doppelten „Preiß“ begleitet fortan beide. Den „Preiß“ im Raum wie den „Preiß“ am Telefon. „Dein Bruder arbeitet auch bei euch, oder?“ Diese Frage wird beiden oft gestellt. Die Antwort: „Nein, kein Bruder.“ Aber ein wunderbarer Kollege. Bis zuletzt – als eine unfassbar traurige Nachricht die Wege auf bitterste Art und Weise trennt.

Die Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, die für den Mantelteil unserer Zeitung verantwortlich ist, trauert um Gregor Preiß, der am 20. April verstorben ist. Nachdem er geduldig und willensstark einen Kampf gegen den Krebs geführt hat, den er am Ende nicht gewinnen kann. Gregor hinterlässt kurz vor seinem 50. Geburtstag seine Frau und seine drei Kinder – und reißt eine riesige Lücke in den Kreis der Kolleginnen und Kollegen. In Sulz am Neckar und in Stuttgart wird er groß, studiert Germanistik und Sprachwissenschaften, ehe ihn die Lust am Journalismus packt. Daher also, 2002, der Anruf in der Stuttgarter Sportredaktion, wo er alsbald aufschlägt. Voller Tatendrang und schon damals ausgestattet mit einer breiten Sportuhr am schmalen Handgelenk – die die Frage aufwirft: Was ist dieser Mann? Ironman? Alpinist? Apnoe-Taucher?

Nichts von alledem – aber der Sport hat es Gregor Preiß nicht nur im beruflichen Sinne angetan. Er schwingt den Tennisschläger, schätzt eine stilechte, einhändige Rückhand und feiert mit den Teamkollegen noch kurz vor seiner niederschmetternden Diagnose eine Aufstiegsfeier. Mit den Arbeitskollegen pedaliert er diverse Pässe hinauf und macht beim Alb-Extrem-Radmarathon als Ästhet im Sattel Eindruck. Freunde und Mitarbeiter mit dem Faible für den Wintersport neiden dem begeisterten Skifahrer seinen Völkl-Retro-Pulli. Bis zuletzt kümmert er sich mit viel Herzblut um die jungen Kicker des SV Hoffeld.

Privat sieht man Gregor regelmäßig mit den Kindern bei den Kickers auf der nahen Waldau, sein Fußball-Herz gehört aber (auch) dem VfB. Dienstlich sitzt er bei Wind und Wetter, in sportlich guten wie schlechten Zeiten, bei 0:0-Kicks und Torfestivals in der heutigen MHP-Arena auf der Pressetribüne – oder sonstwo in der Fußball-Republik. Nie laut oder gar aufbrausend, dafür immer in sich ruhend, zuverlässig, neugierig und hintergründig begleitet Gregor nach Stationen in der Lokal- und Landespolitik-Redaktion über Jahre das Geschehen beim VfB Stuttgart. Mit dem Blick fürs Sportliche, aber auch mit dem Interesse an der Frage, was den Fußball eigentlich zu dem Massenphänomen macht, das er ist.

Gregor ist dabei als Journalist Teil des Spiels, lässt sich aber nie zum Spielball machen. Ist nah dran am Geschehen, verliert aber nie die nötige Distanz zu den Protagonisten des Business. Bis zuletzt klappt er, wann immer es sein Gesundheitszustand zulässt, den Laptop auf und unterstützt die Kollegen. Dass ihn seine letzte große Dienstreise mit „seinem“ VfB ins große Estadio Bernabeu zu Real Madrid führt, ist ein Höhepunkt in seiner Karriere als Sportreporter – ehe er dann gesundheitsbedingt kürzer treten muss.

Aber: Er bleibt als Typ ein Ruhepol im Redaktionsteam, auch in aufregenden und hektischen Zeiten. Ausgestattet mit einem feinen Humor und einem sympathischen, verschmitzten Lächeln. Genau das werden wir in Erinnerung behalten. Ebenso einen tollen, zuverlässigen Menschen und leidenschaftlichen, hervorragenden Journalisten.

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Erstellt:
4. Mai 2026, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
4. Mai 2026, 23:57 Uhr

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