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Ein selbstwusstes, sympathisches Örtchen

Steinbach feiert seinen 650. Geburtstag mit einem gut gelaunten Festwochenende – Vereine und Gemeinschaft großgeschrieben

Die Steinbacher feiern und werden gefeiert: Am Wochenende sind alle Vereine des Backnanger Teilorts auf den Beinen, um sich und ihren Gästen drei genussvolle Tage zu bescheren. Beim Festakt am Sonntag wird zudem deutlich: Steinbach ist ein ganz besonderes Örtchen. Seine Bewohner haben sich als selbstbewusst, gerade heraus und gemeinschaftsbewusst bewährt.

„Ein solches Jubiläumsfest ist ein Bekenntnis zum Heimatort, zur eigenen Geschichte und Identität“Landrat Richard Sigel

© Pressefotografie Alexander Beche

„Ein solches Jubiläumsfest ist ein Bekenntnis zum Heimatort, zur eigenen Geschichte und Identität“ Landrat Richard Sigel

Von Christine Schick

BACKNANG. Einige Kinder drehen eine Runde mit dem Zügle, andere spielen auf dem Sportplatz bei herrlichem Sonnenschein. Steinbach hätte sich kein schöneres Herbstwetter für sein Jubiläumsfest wünschen können. Nach dem Gottesdienst ist kurz Pause, dann füllt sich das Festzelt allmählich wieder und der Akkordeon-Ring Steinbach stimmt die Gäste gebührend auf die Festreden ein.

Den ersten Part übernimmt Steinbachs Ortsvorsteher Martin Holzwarth. Er erinnert an die urkundliche Ersterwähnung 1368. „573 Jahre davon war Steinbach eine selbstständige und vor allem finanzstarke Gemeinde“, sagt er. „Die Steinbacher hatten im Jahr 1906 bereits mit Weitblick die Erweiterung der Spinnerei Adolff auf Steinbacher Gemarkung ermöglicht und dadurch dieses Unternehmen dauerhaft an Steinbach gebunden.“ Die Eingemeindung, die 1941 erfolgte, war „sicherlich keine Liebesheirat“. Schon sieben Jahre später forderten die ersten Steinbacher ihre kommunale Selbstständigkeit zurück, „wie Sie sehen ohne Erfolg“. Doch Holzwarth attestiert dem Dorf letztlich 77 gute Ehejahre, nicht ohne auch vom Ehepartner ein Zeichen der Gewogenheit einzufordern.

Bereits 1878 hatte der Flecken einen eigenen Bahnhof, 1912 kam ein zweiter an der „Spinnerei“ hinzu. Insofern findet der Ortsvorsteher, dass spätestens beim Erhalt eines ICE-Halts in Backnang Steinbach mit einem S-Bahn-Halt an der Reihe sei. Auch lässt er keinen Zweifel daran, dass sich Steinbach in den vergangenen Jahren gut entwickelt hat. Als beispielhafte Projekte nennt er das Neubaugebiet Vorderer Weinberg und Pflaster Klingen, die Dorfsanierung, die Bebauung des Häußermann-Areals, die Sportplatzerweiterung, den neuen Kunstrasenplatz, die Sanierung der Dorfhalle sowie den Bau einer Aussegnungshalle mit Friedhofserweiterung.

Diese Projekte habe Steinbach dem Bezirksrat, dem späteren Ortschaftsrat und den Oberbürgermeistern zu verdanken. Insofern kommt Dr. Frank Nopper auch in den Genuss eines stellvertretenden Dankeschöns für die gute und konstruktive Zusammenarbeit.

Der Backnanger Oberbürgermeister macht in seiner Festrede klar, dass er den Steinbachern mit Sympathie, aber auch dem gebührenden Respekt entgegentritt. Zwar gibt es nach seinen Recherchen 121 Städte, Gemeinden und Teilorte dieses Namens (Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, Frankreich und Kanada), doch so ausgemachte Haupt- und Prachtkerle sowie blitzsaubere Mädle nur im hiesigen, und so beschwört er den „großartigen Steinbach-Geist“. Auch wenn den Bewohnern bereits früh – in der Oberamtsbeschreibung Backnangs von 1871 – Sparsamkeit und Fleiß attestiert worden sei, so kommt Nopper doch auch darauf zu sprechen, dass sich die Steinbacher immer auch zu wehren wussten. Sie „waren schon immer standhaft und durchsetzungsfähig, was ihnen den Orts-Necknamen ,Hobagrezr‘ eingebracht hat“ – ein mit einem „Hoba“ (Wengertermesser) ausgestatteter Mensch, der nicht lange fackelt. „So soll es immer wieder passiert sein, dass einem frechen Burschen aus Backnang und insbesondere aus dem feindlichen Oberbrüden einfach Wams und Hose oder gar die Haut aufgeschlitzt wurde, weil dieser ,sei domme Gosch net g‘halte hat‘“. Auch die Steinbacher Weiblichkeit zeigte sich auf ihre eigene Weise wehrhaft. Mittlerweile seien die Steinbacher viel friedfertiger und milder geworden, doch Nopper weiß um ihr „Gradraus ond net Henderom“ und hat sich dies sogar zum Vorbild genommen – wenn es darum geht, Backnangs Interessen im Kreis zu vertreten. „Übrigens haben wir Backnanger die Steinbacher immer geliebt, nur wurde diese Liebe zunächst leider nicht erwidert“, sagt er und erinnert an den berühmt-berüchtigten Misthaufen, den der Nachkriegsoberbürgermeister Dr. Walter Baumgärtner nach einer Besprechung in Steinbach auf seinem Dienst-Mercedes vorgefunden haben soll. Insofern hat Nopper immer auf ein gutes Verhältnis zu den Steinbachern geachtet und überdies sein Dienstfahrzeug stets in Sichtweite abgestellt. Mittlerweile schätzt er das Verhältnis als befriedeter ein, glaubt, dass die Steinbacher mit und in Backnang doch einigermaßen glücklich und zufrieden sind. „Die Backnanger haben die Steinbacher schon auf den ersten Blick geliebt, die Steinbacher aber die Backnanger erst auf den zweiten Blick.“

Letztlich zeige gerade das Jubiläum, wie tief und stark die Steinbacher Wurzeln seien und dieses Steinbach-Gefühl werde aus Backnanger Perspektive längst mit Sympathie gesehen. Er ermuntert die Jubilare, auch weiterhin auf ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu setzten, da „lokaler Gemeinschaftsgeist in einer globalisierten Welt noch wichtiger geworden ist“. Als schmackhaft-symbolisches Präsent hat der Oberbürgermeister eine Jubiläums-Donauwelle, die als Murrwelle umbenannt wird, inklusive eines Jubiläums-Hoba mitgebracht.

Landrat Dr. Richard Sigel, der als dritter Festredner vors Publikum tritt, kommt genauso auf Gemeinschaft und Verwurzelung zu sprechen. Das Jubiläum hat für ihn letztlich auch mit Heimat zu tun, das Fest sei ein Bekenntnis zum Heimatort, zur eigenen Geschichte und Identität, „wenn man so feiert, wie Sie das an diesem Wochenende tun und getan haben“. „Der Heimatgedanke – im positiven Sinne – kann nur dann lebendig bleiben, wenn so tatkräftige Bürger wie Sie die Heimat achten, pflegen und Werte an nachfolgende Generationen weitervermitteln.“ Zwar habe sich der Justiz- und Tourismusminister Guido Wolf auf dem Landwirtschaftlichen Hauptfest bekannt, sich als heimlicher Heimatminister (nach bayerischem Vorbild) zu fühlen, doch Sigel hat da eigentlich einen anderen im Blick – und zwar Oberbürgermeister Frank Nopper, auf den er deshalb in Backnang und dem Kreis aber nicht verzichten will.

Auch Sigel blickt zurück – die Anfänge Steinbachs liegen in einer Zeit, in der gesellschaftliche Umbrüche und Krisen an der Tagesordnung waren. Die Pest wütete und auch die Kirche war gespalten – zwei Päpste beanspruchten die einzig wahren Vertreter Gottes auf Erden zu sein. Selbst mit dem Klima kämpften die Menschen – eine Kaltzeit führte zu Missernten und Hungersnöten. Auch heute ist der Klimawandel wieder ein Thema, selbst wenn Sigel hofft, dass das aktuelle Wissen um die Ursachen auch klarere Handlungsoptionen bedeutet.

„650 Jahre Steinbach sind ein guter Grund für ein Festwochenende“, sagt Sigel, auch wenn die urkundliche Erwähnung nicht gleichbedeutend mit dem Gründungsjahr sei. „Vermutlich ist der Ort wesentlich älter“, schlimmsten Falls müsse man in ein paar Jahren noch ein Jubiläum begehen. Seinem Wunsch, dass die Steinbacher ihr Jubiläum gebührend feiern sollten, kamen sie nach. An allen drei Tagen war in Festzelt und Dorfhalle schwer was los. Angefangen beim Gewichtssägen, bei dem zehn Teams antraten, um eine Holzscheibe von exakt 2018 Gramm vom Stamm abzunehmen, über Auftritte und Vorführungen von Klein und Groß und Party bis hin zum Rahmenprogramm für die Gäste. Eine spannende Ausstellung über die Vereine und mit historischen Fotos gab es auch noch zu sehen.

Oberbürgermeister Frank Nopper (Mitte) mit dem Geburtstagsgeschenk, das er Ortsvorsteher Martin Holzwarth (rechts) überreicht – eine Jubiläums-Murrwelle inklusive Wengertermesser (Hoba), das Michelle Hornung (vorne rechts) zeigt. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Oberbürgermeister Frank Nopper (Mitte) mit dem Geburtstagsgeschenk, das er Ortsvorsteher Martin Holzwarth (rechts) überreicht – eine Jubiläums-Murrwelle inklusive Wengertermesser (Hoba), das Michelle Hornung (vorne rechts) zeigt. Fotos: A. Becher

Kerbholz-Combo mal anders: Joe Weinbrenner (links) und Michael Selig (rechts) beim Gewichtssägen, während Roman Austen den Stamm hält. Die Gewinner des Wettbewerbs sind Martin Spieß und Herbert Hofmaier mit einer Scheibe, die 2100 Gramm wiegt.

© Pressefotografie Alexander Beche

Kerbholz-Combo mal anders: Joe Weinbrenner (links) und Michael Selig (rechts) beim Gewichtssägen, während Roman Austen den Stamm hält. Die Gewinner des Wettbewerbs sind Martin Spieß und Herbert Hofmaier mit einer Scheibe, die 2100 Gramm wiegt.

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Erstellt:
8. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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