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Ein Sensor macht den Mülleimer schlau

Backnanger Firma Telent entwickelt technische Lösungen für die „smarte“ Stadt und baut dafür ein bundesweites Funknetz auf

Ein Mülleimer, der sich meldet, wenn er voll ist, eine Wasseruhr, die ihren Zählerstand selbstständig an die Stadtwerke funkt oder eine Falle, die Alarm schlägt, wenn sie eine Maus gefangen hat – das alles ist keine Zukunftsmusik. Die Backnanger Firma Telent setzt solche Ideen im „Internet der Dinge“ schon heute erfolgreich um.

Für die Deutsche Bahn plant und realisiert Telent die Überwachungstechnik für Bahnhöfe. Am Stammsitz in Backnang können der technische Leiter Reinhard Wegener (links) und Geschäftsführer Robert Blum das System testen. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Für die Deutsche Bahn plant und realisiert Telent die Überwachungstechnik für Bahnhöfe. Am Stammsitz in Backnang können der technische Leiter Reinhard Wegener (links) und Geschäftsführer Robert Blum das System testen. Fotos: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Überquellende Mülleimer sind eine schlechte Visitenkarte für eine Stadt. Allerdings können die Mitarbeiter des Bauhofs auch nicht täglich auf Verdacht sämtliche Abfallbehälter leeren. Die Stadt Backnang testet deshalb seit vergangenem Jahr eine technische Lösung der Firma Telent. Die hat zunächst einmal fünf öffentliche Mülleimer mit Sensoren ausgestattet, die ständig den aktuellen Füllstand messen. Ist eine bestimmte Füllhöhe erreicht, wird das Bauhofteam automatisch informiert. „Unsere Software kann auch gleich die optimale Route für die Leerung berechnen und direkt auf das Navi im Führerhaus übertragen“, erklärt Viktor Kostic, Projektleiter bei Telent. So sparen die Bauhof-Mitarbeiter Zeit und die Fahrzeuge Sprit.

Dieselbe Technik kommt aber auch in ganz anderen Bereichen zum Einsatz: Parkplätze, Straßenlaternen oder Luftmessstationen können ebenfalls mit Sensoren ausgestattet werden und Informationen senden. „Das Internet der Dinge ermöglicht eine Unmenge von Anwendungen“, sagt Telent-Geschäftsführer Robert Blum. Viktor Kostic kennt auch ein kurioses Beispiel: Ein großer Lebensmittelbetrieb hat mehrere Hundert Mausefallen mit dieser Technik ausgerüstet: Sobald eine zuschnappt, kommt eine Meldung aufs Smartphone. „So müssen die Mitarbeiter nicht mehr alle Fallen überprüfen, sondern nur noch die eine, die zugeschnappt hat“, erklärt Kostic.

Spezialisiert auf die

Übertragung heikler Daten

Telent nutzt für solche Anwendungen eine spezielle Funktechnik, die zwar weniger Informationen übertragen kann als ein normales Mobilfunknetz, dafür aber auch nur einen Bruchteil der Energie verbraucht. Die Batterien in Mülltonne oder Mausefalle halten dadurch zwei bis drei Jahre. Mit seinem Tochterunternehmen Netzikon ist Telent gerade dabei, bundesweit ein solches Funknetz aufzubauen. Der Aufwand ist hoch, aber längst nicht so groß wie bei einem öffentlichen Mobilfunknetz: „Wir nutzen eine Frequenz, die mit wenig Sendeleistung weite Strecken überwinden kann“, erklärt Kostic. Um eine Stadt wie Stuttgart abzudecken, genügten schon vier Antennen.

Mit Netzen kennt man sich bei Telent aus, denn sie spielen auch im traditionellen Geschäftsfeld des Backnanger Unternehmens eine wichtige Rolle. Telent ist nämlich Spezialist für sogenannte kritische Infrastrukturen. „Dabei geht es um Systeme, bei denen ein Ausfall dramatische Folgen hätte“, erklärt Geschäftsführer Blum. Kunden sind beispielsweise Energieversorger, große Industriekonzerne, die Deutsche Flugsicherung oder auch die Deutsche Bahn. Schon aus Sicherheitsgründen wollen diese ihre Systeme nicht an öffentliche Netze anschließen. Telent plant und realisiert für sie deshalb eigene Kommunikationsnetze – sei es über Kabel oder per Funk.

Telent selbst produziert keine Hardware, sondern greift auf am Markt erhältliche Technik zurück, die dann den jeweiligen Kundenwünschen angepasst wird. Systemintegration nennt sich das. „Dafür brauchen wir Fachleute aus ganz unterschiedlichen Bereichen“, erklärt der technische Leiter Reinhard Wegener.

Neuer Schwerpunkt im

Bereich IT-Sicherheit

Rund ein Drittel seines Umsatzes macht Telent mit Serviceverträgen, das heißt, das Unternehmen betreut im Auftrag von Kunden deren IT-Netze. Bei Störungen sind die Servicemitarbeiter in Backnang sieben Tage die Woche rund um die Uhr erreichbar, Servicetechniker stehen bundesweit parat, um teilweise innerhalb von zwei Stunden vor Ort sein zu können. Zu den Kunden gehört etwa die Firma Toll Collect, für die Telent auch die bundesweit mehr als 4000 Terminals und Kontrollstellen für die Lkw-Maut wartet und repariert.

Mit dem Zukauf der Saarbrücker Firma Koramis hat Telent im vergangenen Jahr zudem das Leistungsspektrum im Bereich IT-Sicherheit erweitert. Für Robert Blum in Zeiten zunehmender Hacker-Angriffe und steigender Sicherheitsanforderungen ein logischer Schritt: „Telent war in diesem Bereich auch vorher schon aktiv. Jetzt haben wir noch einmal neue Schubkraft entwickelt.“

Nachfolgeunternehmen von Marconi und ANT Info Telent ist 2006 aus dem verbliebenen Servicegeschäft der Firma Marconi hervorgegangen, die Produktionssparte wurde damals an den Ericsson-Konzern verkauft. Telent hatte anfangs 120 Mitarbeiter. Mittlerweile ist die Mitarbeiterzahl auf 500 gestiegen, am Stammsitz in Backnang arbeiten 120 Menschen. Größere Standorte gibt es außerdem im sächsischen Radeberg und in Teltow bei Berlin. Rund die Hälfte der Mitarbeiter ist im Außendienst tätig. Telent Deutschland war zunächst Teil der britischen Telent Ltd., seit 2011 gehört das Unternehmen zur Frankfurter Euromicron-Gruppe, einer Technologie-Holding mit
17 Tochterunternehmen. Mit dem großen Nachbarn Tesat teilt Telent gemeinsame Wurzeln: Beide sind Nachfolgeunternehmen der ehemaligen ANT Nachrichtentechnik. Noch immer gebe es Backnanger, die beide Firmen miteinander verwechseln, erzählt Robert Blum.
Wenn Viktor Kostic den Mülleimer mit einem solchen Sensor ausstattet, meldet dieser automatisch den Füllstand an den Bauhof.

© Pressefotografie Alexander Beche

Wenn Viktor Kostic den Mülleimer mit einem solchen Sensor ausstattet, meldet dieser automatisch den Füllstand an den Bauhof.

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Erstellt:
3. Juli 2018, 06:00 Uhr

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