Ein Zauberer verlässt die Bühne der Welt

Der einstige Theaterdirektor des Traumzeit-Theaters und Zauberer Michael Holderried ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Von 2003 bis 2013 wirkte er in Backnang, betrieb neben dem Kellertheater auch das kleine Pegasus-Theater, das Kalanag-Museum und eine Zauberschule.

Michael Holderried 2007 bei seinem 40-Jahr-Zauberjubiläum im Backnanger Traumzeit-Theater. Foto: privat

Michael Holderried 2007 bei seinem 40-Jahr-Zauberjubiläum im Backnanger Traumzeit-Theater. Foto: privat

Von Ingrid Knack

Backnang. Lange hatte man nichts mehr von Michael Holderried gehört nach seinem Weggang von Backnang nach Gschwend. Bei einer erneuten Vergabe des Backnanger Theaters im Bandhaus im Jahr 2013, der eine Art Misstrauensantrag von Verwaltungsseite aus an den Theaterdirektor vorausgegangen war, hatte er den Kürzeren gezogen. Ein Traum zerplatzte. Nun ist der Showman im Alter von 63 Jahren in Schweden gestorben. Der Mann, der jahrzehntelang zwischen Zauberhauptstädten wie Las Vegas und London und seiner Künstleragentur Pegasus Show Entertainment in Oppenweiler unterwegs war, hatte sich an einen abgelegenen Ort an einem See in Schweden zurückgezogen. „Er hat die Natur und den See sehr geliebt. Es war sein Wunsch und Traum, irgendwann in Schweden zu bleiben“, sagte gestern seine Witwe Donna, mit der er zahlreiche Shows bestritten hatte und von der er in den letzten Jahren getrennt lebte. Vor einem Jahr sei das Haus in Gschwend verkauft worden und Michael Holderried habe sich an seinem schwedischen Lieblingsort, wo es ihn seit über 30 Jahren immer wieder hingezogen hatte, fest niederlassen wollen, so Donna Holderried.

Zunächst absolvierte er eine Ausbildung als Finanzwirt und zauberte nebenher

1991 hatte Michael Holderried die Künstleragentur Pegasus Show Entertainment zusammen mit seiner ersten Frau Andrea gegründet, das Geschäft florierte, mehr als 2000 Künstler standen beim zehnten Geburtstag der Agentur in der Vermittlungskartei. Die Holderrieds waren parallel dazu als Michael van Reed und Andrea de Beer zunächst in ganz Europa und später auch darüber hinaus unterwegs. Ihre größten Erfolge feierten Michael von Reed und Andrea de Beer mit der Nummer „Das Kabinett“, einer Interpretation des 150 Jahre alten Geisterkabinetts. An Silvester 1989 war es nach zweijährigen Proben erstmals aufgeführt worden. Von da an sei die Nummer um die Welt gegangen, bis nach Las Vegas zu Siegfried und Roy, sagte Michael Holderried bei seinem 40-Jahr-Zauberjubiläum 2007 in Backnang. In fünf verschiedenen Sprachen sei die Darbietung auf internationalen Bühnen präsentiert worden.

Dass der beim Backnanger Finanzamt ausgebildete Finanzwirt und spätere Sicherheitsbeauftragte bei der Staatlichen Münze in Stuttgart einmal hauptberuflich die Menschen verzaubern würde, kam nicht von ungefähr. Sein Vater ist Sebastian Holderried (1924 bis 2012), der als Zauberer Bastino bekannt ist und den Zauberkünstler Kalanag zu seinen Freunden zählte. Der Vater war es denn auch, der eine Sammlung mit Kalanag-Memorabilien angelegt und diese schließlich für das erste deutsche Kalanag- Museum im Bandhaus zur Verfügung gestellt hatte. Das Museum mit über 500 Exponaten wurde am 23. Januar 2003, an dem Tag, an dem Kalanag 100 Jahre alt geworden wäre, in Kalanags Geburtsstadt eröffnet. Und genau in dem Raum, in dem Holderried als junger Mensch die Schulbank gedrückt hatte.

Wenige Tage zuvor hatte das Traumzeitalter in Backnang mit einer Autoblindfahrt mit Michael Holderried am Steuer begonnen. Holderried hatte eine Augenbinde angelegt und einen Sack über den Kopf gestülpt, Beifahrer war der damalige Backnanger OB Frank Nopper. Backnang war plötzlich die Zauberhauptstadt und das Areal um den Stadtturm der Zauberberg.

Das Premierenprogramm am 13. März 2003 war nicht weniger spektakulär. Holderried hatte Künstler aus unterschiedlichen Genres eingeladen. Darunter Monsieur de Larott mit Assistentin Birgit, die in ihrer Show einen realen schwarzen Panther und einen realen Leoparden in Hasen und dann wieder in Raubtiere verwandelten. Wie auch in den Shows danach präsentierte der Theaterdirektor eine Mischung aus Zauberei, Salonmagie und Artistik – mit viel Poesie und Situationskomik.

Holderried war ein Mensch, der polarisierte

Eins kam zum anderen. Bald befand sich im Bandhaus auch das Deutsche Zauber-Zentrum, der Sitz der internationalen Bruderschaft der Magier (IBM), Ring Deutschland, dessen Präsident Holderried war. Um den Nachwuchs zu fördern, wurde eine Zauberschule eröffnet. Auch Künstler aus dem Backnanger Raum ließ Holderried auf seiner Bühne auftreten.

Holderried war durchaus ein Mensch, der polarisierte. Der das Herz auf der Zunge trug, sein Innerstes nach Außen kehrte, egal, ob das nun diplomatisch war oder nicht. Doch stets trieb ihn seine Passion für das Varieté an. Auch als er schon seine Felle davonschwimmen sah. Weil die Stadt Backnang ihm nicht die Unterstützung zukommen lassen wollte, die er in seinen Augen brauchte, um das Theater zukunftsfähig zu machen. Jahrelang hatte Holderried zusätzlich zur städtischen Förderung Gewinne aus seiner Künstleragentur ins Traumzeit-Theater hineingebuttert. Doch die Entscheidungsträger glaubten nicht mehr an die Zukunft des Varieté-Theaters in Backnang. „Er steckte nicht nur viel Geld, Ideen und Kraft in die Ausstattung der beiden Theater, sondern tat dies mit viel Herzblut, wie er immer betonte“, schreibt der einstige Kulturamtsleiter Klaus Erlekamm in seinem Buch „Backnanger Sternstunden: 50 Jahre Heimat und Kunstverein – 25 Jahre Kulturzentrum Stiftshof“. Die Traumzeit-Theater-Zeit indes fiel nicht mehr in die Amtszeit Erlekamms. Dieser war aber noch nach dem Freitod des Theaterclowns Frieder Nögge in das Bewerbungsverfahren für einen Nachfolger involviert gewesen. Der Todestag Nögges, der im Backnanger Bandhaus das Atelier-Theater und eine Schule für Improvisationstheater und Schauspiel betrieb, jährt sich jetzt am Samstag zum 20. Mal.

Michael Holderried wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Er war beispielsweise Ehrenmitglied in Zaubervereinigungen wie der Akademie Magic Circle London, die ihn mit dem Goldstar für außergewöhnliche Verdienste um die Zauberkunst ehrte, sowie in der Akademie der Magischen Künste in Hollywood. Zudem wurde ihm der Werner-Hornung-Ring überreicht, der unter Zauberkünstlern als die höchste europäische Auszeichnung gilt und für Verdienste um die europäische Zauberkunst auf Lebenszeit verliehen wird. Diese Auszeichnung konnte ihm bis zuletzt niemand nehmen.

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Erstellt:
12. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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