Ein Zelt als Ort für Geschichtsstunden

31 Jahre deutsche Wiedervereinigung – Coronabedingt konnte der runde Geburtstag 2020 nicht gefeiert werden. Die Projektgruppe 3-Oktober des Vereins Danken.Feiern.Beten lässt sich nicht entmutigen und macht mit ihrem „Zelt der Begegnung“ Station in Sulzbach an der Murr.

Ein Memory mit DDR-typischen Gegenständen: Ursel Redlich (mit DDR-Gürtel) und Anne Häußermann von der Kirchengemeinde (von links) erklärten Schülern, welche Bedeutung die Objekte im Alltagsleben des untergegangenen Staates hatten. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Ein Memory mit DDR-typischen Gegenständen: Ursel Redlich (mit DDR-Gürtel) und Anne Häußermann von der Kirchengemeinde (von links) erklärten Schülern, welche Bedeutung die Objekte im Alltagsleben des untergegangenen Staates hatten. Foto: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

Sulzbach an der Murr. Beim „Zelt der Begegnung“ handelt es sich um ein Zelt der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA), das bei Manövern für bis zu 16 Soldaten Unterkunft war, ein quadratisches Zelt von 5x5 Metern Fläche und 3,60 Metern Höhe aus Original-NVA-Beständen. Hier haben die Organisatoren eine Ausstellung mit Infotafeln und interaktiven Angeboten untergebracht und hier haben sich Bürger aus verschiedenen Bundesländern bereits informiert und diskutiert. Zurzeit ist das Zelt der Begegnung in Sulzbach auf der Festwiese stationiert, um Schülern – aber auch anderen Interessierten – eine Geschichtsstunde der besonderen Art anzubieten.

Veranstalter und Mitarbeiter vor Ort sind Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde Sulzbach-Spiegelberg sowie der Akzente-Gemeinde Sulzbach an der Murr und Angehörige anderer Kirchen und Kreise. Die Kirchengemeinderätin Liselotte Denner koordiniert das Projekt und setzt sich engagiert dafür ein, dass Christen aus verschiedenen Kirchen sich zusammentun, deshalb holte sie auch die katholische Kirchengemeinde sowie die Neuapostolische Kirche mit ins Boot.

Großes Wunder des Mauerfalls

vor 32 Jahren

Die friedliche Revolution wird als Wunder begriffen, welches durch ein tiefes Vertrauen in Gott zugleich ermöglicht wurde und dieses Vertrauen bis heute nährt. Und doch ist da zugleich auch die Erfahrung, dass in den Köpfen noch viele Mauern stehen – zwischen Ost und West. In diesem Sinn äußerten sich auch die Zeitzeugen, die sowohl sachlich informieren als auch zum Staunen über das große Wunder des Mauerfalls 1989 einladen möchten. Unter anderem die Klasse 10a der Gemeinschaftsschule aus Sulzbach erlebte Referate von Diakon Albrecht Kaul und Reinhard Matzat, beide ehemalige DDR-Bürger, die aneckten, Kaul beispielsweise durch engagierte Kirchenarbeit, Matzat unter anderem durch die Verweigerung des Wehrdienstes, die ihn zum „Bausoldaten“ und damit zum Staatsfeind machte.

Albrecht Kaul präsentierte einen historischen Abriss vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung. Er würdigte die Ereignisse als „Wunder Gottes“, weil ein Staat, der so bewaffnet war wie die DDR, durch Kerzen und Gebete zu Fall gebracht wurde.

Gleichzeitig erzählte Reinhard Matzat seine ganz persönliche Lebensgeschichte. Die Geschichte dieses Lebens war geprägt von Schikanen und Repressalien. Und trotz einer schönen Kindheit und der einen oder anderen unerwarteten Wendung zum Guten ist Reinhard Matzat in der DDR „nicht glücklich geworden“, wie er sagte – „ein Leben der Demütigung“ nannte Kaul es zusammenfassend und zeigte sich beeindruckt von der Haltung Matzats, der vom Geschenk der Freiheit sprach und auch davon, dass an Gott festzuhalten eine wunderbare Sache sei, dass es sich lohne, auf Gott zu vertrauen und zu seinem Glauben zu stehen.

Im Umfeld des Zeltes hatte man sinnbildliche Spiele aufgebaut: Ein Memory mit DDR-typischen Gegenständen, deren Bedeutung im Alltagsleben des untergegangenen Staates die Mitorganisatorin Ursel Redlich in Erklärungen veranschaulichte, und ein Volleyballspiel, das den Gegner unsichtbar machte, weil das Netz durch eine symbolische Mauer ersetzt worden war – mit Konsequenzen für die Möglichkeiten der Kommunikation und des Spiels oder Wettstreits natürlich. Auch über den Symbolgehalt des Spieles „Vier gewinnt“, das mannshoch im Gelände stand, konnte trefflich sinniert werden.

Lesung und Infos

Ausstellungsende Die Ausstellung „Zelt der Begegnung. 30 Jahre Wunder der Freiheit und Einheit“ befindet sich noch bis zum 29. September auf der Wiese zwischen der Sulzbacher Festhalle und Sporthalle.

Lesung Zum Abschluss gibt es eine Lesung mit Titus Müller. Der Autor stellt am Mittwoch, 29. September, um 19.30 Uhr in der evangelischen Kirche Sulzbach „Die fremde Spionin“, den ersten Band einer Romantrilogie über die DDR, vor.

Internet Weitere Informationen unter der Adresse: www.3-oktober.de

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Erstellt:
28. September 2021, 11:30 Uhr

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