Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Eine Frau an der Spitze des Forstamts

Dagmar Wulfes übernimmt in einer Männerdomäne die Leitung – Die neue Stelle bringt auch die Rückkehr nach Backnang

Das Forstamt Backnang hat zum ersten Mal eine weibliche Leitung: Dagmar Wulfes hat zum Jahresanfang die Funktion übernommen. Die 56-Jährige wurde in Backnang, wie sie erzählt, „mit offenen Armen empfangen“. Sie tritt die Nachfolge von Martin Röhrs an, der bei Forst BW Leiter des Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald geworden ist.

Verwalten ist für sie auch ein Draußen-Job: Dagmar Wulfes hat als erste Frau die Leitung des Kreisforstamts in Backnang übernommen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Verwalten ist für sie auch ein Draußen-Job: Dagmar Wulfes hat als erste Frau die Leitung des Kreisforstamts in Backnang übernommen. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Forstamtsleiterin: Schon als die in Goslar geborene junge Frau in Göttingen ihr Forststudium antrat, war für sie klar, was sie einmal werden wollte. Dass es mit der Verwirklichung ihres Traumes dann aber doch nicht so flott vonstattengehen sollte, wie dies vielleicht zu erwarten gewesen wäre, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie aus Rücksicht auf die Familie etliche Jahre in reduziertem Umfang berufstätig war. Nun aber nimmt sie, mit der Stelle in Backnang, bereits zum zweiten Mal diese Führungsposition ein.

Doch fangen wir vorne an. Nach dem Abschluss an der Uni stand als nächstes das Referendariat an. Naheliegend wäre gewesen, den Vorbereitungsdienst heimatnah im Harz zu absolvieren. Doch das war nicht möglich, das Land Niedersachsen hatte damals einen Einstellungsstopp verfügt. Deshalb ging sie zusammen mit ihrem späteren Ehemann Anton Watzek, den sie in Göttingen kennengelernt hatte und der jetzt Leiter des Forstbezirks Schurwald geworden ist, nach Baden-Württemberg. Gundelsheim, Aalen und Rosenfeld bei Balingen waren dann die beruflichen Stationen.

In den Backnanger Raum, nach Auenwald, kam die Familie – 1993 war das erste Kind geboren worden, 1996 und 1998 folgten die beiden weiteren – vor nunmehr 23 Jahren. Dagmar Wulfes arbeitete in Teilzeit, wobei sie der Forstdirektion Bebenhausen zugeordnet war. Ihre Spezialaufgabe: die Forsteinrichtung im Gebiet zwischen Heilbronn und Gaildorf. Dabei handelt es sich um eine üblicherweise alle zehn Jahre in staatlichen und kommunalen Waldflächen stattfindende Bestandsaufnahme. Auf deren Grundlage werden die Pläne für das weitere Wirtschaften entwickelt. Schon von dieser Zeit her kann sie mit Fug und Recht sagen: „Ich kenne die Wälder hier sehr gut.“ Die damalige Tätigkeit ließ sich auch mit der Familie vereinbaren, weil Wulfes flexibel agieren und Büroarbeiten daheim erledigen konnte.

Wohnortnahe Tätigkeit zunächst im Kreisjagdamt

Bald darauf kam sie zum ersten Mal ans Forstamt Backnang, wo sie ab 2005 eine 50-Prozent-Stelle als Leiterin des Kreisjagdamts übernahm – eine Chance, die sich ihr nicht zuletzt dank der Teufel’schen Verwaltungsreform bot, mit der die, bis dahin staatliche, Forstverwaltung an die Landratsämter abgegeben wurde. „Es war unglaublich praktisch“, sagt Wulfes rückblickend: ein wohnortnaher Arbeitsplatz, der die Nähe zur Familie sicherte. Nach und nach stockte sie dann ihre Stelle auf, und in diesem Zuge kamen Aufgaben in der forsttechnischen Betriebsleitung hinzu. Zuständig war sie schließlich unter anderem für die Wälder rund um Murrhardt und Sulzbach.

2014 folgte der nächste Schritt: Wulfes wechselte ans Ministerium, wo sie zunächst eine 75-, bald aber eine 100-Prozent-Stelle hatte. Dem folgte bereits 2016 ein weiterer großer Schritt: die Leitung des Forstamts im Main-Tauber-Kreis mit Sitz in Tauberbischofsheim – weit weg von Auenwald, machbar dank einer Zweitwohnung vor Ort, in der sie nach langen Arbeitstagen oder bei schlechtem Wetter bleiben konnte.

Eine erneute Reform in der Forstverwaltung – die Herauslösung der staatlichen Waldflächen aus der Zuständigkeit der Kreisforstämter – bot Gelegenheit zur Rückkehr nach Backnang: Weil sich der bisherige Amtsleiter Röhrs zu Forst BW hin orientierte, konnte sich Wulfes auf die frei werdende Stelle bewerben. „Für mich ein Glück“, sagt sie. Die weiten Strecken ins Taubertal sind nun Vergangenheit, zur Dienststelle kann sie mit dem Fahrrad fahren.

Im Blick zurück bedauert sie freilich: „Vom Fachlichen her war das Einheitsforstamt wirklich gut.“ Die Trennung zieht jetzt zusätzlichen Abstimmungsaufwand nach sich, denn die unterschiedlichen Waldbesitzarten – Staats-, Kommunal- und Privatwald – sind in der Landschaft vielfältig ineinander verzahnt. Zudem herrscht Unsicherheit in der Bevölkerung, wer nun letztlich wo zuständig ist. Das bekommt das Forstamt direkt zu spüren: Viele Anrufer suchen Orientierung in dem Zuständigkeitsdschungel. Gleichzeitig ist es erklärtes Ziel, in den veränderten Strukturen eine enge Zusammenarbeit zwischen Forst BW, wo der Staatswald jetzt angesiedelt ist, und dem Kreisforstamt zu pflegen.

So sieht Wulfes auch Vorteile im neuen Zuschnitt der Forstverwaltung. Die Aufgaben im Kommunalwald seien vielseitiger, man habe mehr mit Menschen zu tun, gleichzeitig sei man gut in den Landkreis eingebunden. Wulfes hat bereits an einer Führungskräfteklausur des Landratsamts teilgenommen, ihr imponiert der moderne Führungsstil des Landrats. Richard Sigel sei kundenfreundlich unterwegs, eine Haltung, die ihr selbst liegt: „Was ich selbstverständlich gerne mache, fordert er ein.“ Auch in der Bürgermeisterversammlung hat sie sich schon vorgestellt: „Die Bürgermeisterämter sind jetzt unsere Kunden, wir werden von der Behörde zum Dienstleister.“ Einzelgespräche mit den Bürgermeistern und Treffen mit den Forstbetriebsgemeinschaften sollen folgen.

Aktuelle Herausforderungen erkennt die neue Amtsleiterin in den Schäden, die durch Trockenheit und Borkenkäferbefall, aber auch durch das Eschentriebsterben hervorgerufen wurden. Da seien Kahlflächen nicht mehr zu vermeiden. Zudem hat der Klimawandel weitere Folgen für die Wälder: Baumarten, die vor 20 Jahren noch gar nicht ins Portfolio gehörten, sind stark auf dem Vormarsch. Mit steigenden Jahresdurchschnittstemperaturen tritt insbesondere die Fichte über kurz oder lang in den Hintergrund, während Eichen und andere Laubbäume bis hin zur Esskastanie verstärkt in den Fokus rücken – und das könnte auch bald schon im Schwäbischen Wald der Fall sein, eine Gegend, die doch für ihr raues Klima gefürchtet ist.

Hier will sie ihre Kompetenz einbringen, die übrigens auch in Stuttgart geschätzt wird: Wulfes ist stellvertretendes Mitglied im Landesforstwirtschaftsrat und engagiert sich im Assessment-Center für Trainees im höheren Dienst.

Info
„Die Männer mögen meine Art“

Nur vier von 44 Forstämtern im Land haben Frauen an ihrer Spitze, vor der Reform waren es zwei. Bei Forst BW, zuständig für den Staatswald, liegt sogar nur einer von 31 Forstbezirken in Frauenhand.

Hat es eine Frau als Chefin in einer Männerdomäne besonders schwer? Dagmar Wulfes sieht das nicht so. Ihr Eindruck: „Die Männer mögen meine Art.“

Am Anfang ihrer Laufbahn seien ihr Männer häufig mit Vorbehalten begegnet. Einmal habe ein Waldbesitzer sie – damals bereits dreifache Mutter und weit in ihren Dreißigern – für eine Praktikantin gehalten.

Ihre Karriereplanung sei auch ganz anders verlaufen als die von Männern. Während ihre männlichen Kollegen nämlich bereits Mitte der Dreißiger auf die höheren Positionen zusteuerten, war sie selbst 48, als sie ihr Ziel abzustecken begann.

Zu kämpfen hatte Dagmar Wulfes vor allem als junge Mutter in puncto Kinderbetreuung. Das war noch in den Zeiten vor verlässlicher Grundschule und Ganztagsbetrieb. Der Kindergarten hatte begrenzte Öffnungszeiten: vormittags bis zwölf und nachmittags von halb zwei oder zwei bis vier. „Da hätte man mich als Emanze bezeichnet“, lacht die 56-Jährige, die damals alle Hebel in Bewegung setzen und viel Geld für Tagesmütter ausgeben musste, um wenigstens in Teilzeit arbeiten zu können. Selbst im Bekanntenkreis sei das nicht auf Anerkennung gestoßen. Ihr Fazit lautet aber: „Damit bin ich auch gewachsen.“

In den letzten fünf Jahren habe sie aber keine Situation mehr als nachteilig für sich als Frau erlebt. Es sei eher andersherum: Sie erfahre mehr Wertschätzung – man sehe ihre Lebensleistung. Dagegen habe sie früher immer das Gefühl gehabt, mehr Leistung bringen zu müssen als Männer.

Zum Artikel

Erstellt:
27. Januar 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!