Eine harte und überaus lehrreiche Zeit

Karrieren abseits des Sports (9): Seit zweieinhalb Jahren macht Großaspachs Spielführer Julian Leist parallel zum Profifußball eine Ausbildung und sagt trotz des Stresses: „Ich bereue den Schritt nicht und bin stolz, dass ich es durchgezogen habe.“

Sitzt gerne an seinem Schreibtisch bei einem Stuttgarter Molkereiunternehmen: Julian Leist,...

Sitzt gerne an seinem Schreibtisch bei einem Stuttgarter Molkereiunternehmen: Julian Leist,...

Von Uwe Flegel

„Du brauchst einen Verein und ein Unternehmen, die bereit sind, diesen Weg mitzugehen.“ Vor allem aber braucht es offensichtlich einen so konsequenten Menschen wie Julian Leist, um Berufssport und eine berufliche Ausbildung unter einen Hut zu bringen. Deshalb war Großaspachs Kapitän zu Drittliga-Zeiten der SG Sonnenhof eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Profifußball. Das weiß der 32-Jährige, der kurz vor dem Abschluss seiner Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann steht und als erstes Fazit über die vergangenen zweieinhalb Jahre sagt: „Es war schon eine harte Zeit, aber jetzt bin ich stolz, dass ich es durchgezogen habe.“ Nur die mündliche Abschlussprüfung am 20. Januar steht noch aus, dann hat er seine zweieinhalbjährige Ausbildung geschafft, dann ist Schluss mit dem Stress.

Ende Oktober war Julian Leist die Anspannung eigentlich das erste Mal richtig anzumerken. Hier die sportlich eher schwierige Situation in der Regionalliga, dort die schriftlichen Prüfungen im Rahmen seiner Ausbildung. Der 1,92 Meter große Abwehrchef der SG war am Anschlag. Die Antworten eines eigentlich immer freundlichen und zuvorkommenden Menschen wurden hörbar knapp. „So ein Tanz auf drei Hochzeiten ist nicht einfach“, sagt er rückblickend und spricht vom Leben zwischen der Arbeit beim Stuttgarter Molkereiunternehmen Garmo, den acht Stunden pro Woche an der Berufsschule im Stuttgarter Norden, dem Dasein als Fußballer in Aspach und der Rolle als frischgebackener Vater des Ende September geborenen Lukas.

Für Julian Leist bedeutet das sehr oft eine Siebentagewoche, seit er im Sommer 2018 die Lehre begann. Irgendwo steht für ihn, der sich in jungen Jahren an der Stuttgarter Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule die Fachhochschulreife angeeignet hat, stets etwas auf dem Plan. „Samstags wird gespielt, am Sonntag ist Training und wenn die anderen Jungs am Montag frei haben, arbeite ich im Betrieb. Dienstags ist zweimal Training in Aspach und am Mittwoch saß ich bisher den ganzen Tag in der Berufsschule. Donnerstags arbeite ich morgens und fahre danach direkt zum Training, das meist um 14 Uhr beginnt. Am Freitag ist Training und es konnte zu Drittliga-Zeiten sein, dass es mit dem Bus zudem zu einem Auswärtsspiel geht. Da standen bekanntlich auch Meppen oder Rostock an“, schildert Leist. Erschwerend hinzu kommt, „dass ich jedem neuen Trainer – und ich hatte in den zweieinhalb Jahren gefühlt vier oder fünf – meine Situation erst einmal neu erklären musste.“

...der nicht nur auf dem Spielfeld mit großem Einsatz zu Werke geht. Fotos: privat/A. Becher

© Alexander Becher

...der nicht nur auf dem Spielfeld mit großem Einsatz zu Werke geht. Fotos: privat/A. Becher

Irgendwann nervt das, obwohl alle Übungsleiter viel Verständnis gezeigt hätten und er von Vereinsseite gut unterstützt worden sei, erzählt der 32-Jährige. In dem Zusammenhang findet er vor allem viel Lob für seine Kollegen und Vorgesetzten in der Firma, denn dort musste er die Arbeitszeiten immer wieder mit den sich manchmal wöchentlich ändernden Trainingsplänen in Einklang bringen: „Überragend, dass das Unternehmen das alles mitgetragen hat und immer noch mitträgt.“ Vielleicht auch, weil der Vorstandsvorsitzende Eduardo Garcia ein Faible für den Sport hat und mit seiner Marke Gazi unter anderem einer der Sponsoren des VfB Stuttgart ist. Wohl auch, weil einer der Leist-Chefs Kahraman Erdin heißt, der sich als früherer Ober- und Regionalliga-Stürmer (unter anderem VfB Stuttgart II, FC Marbach, SV Sandhausen, TSF Ditzingen, SG Sonnenhof Großaspach) sowie Geschäftsführer der Stuttgarter Kickers nur zu gut in die Situation seines Auszubildenden reinversetzen kann.

Geschenkt bekommt der prominente Stift trotzdem nichts. Will er auch nicht Er bringt sich ein und packt mit an. Egal ob im Marketing, im Vertrieb oder im Lager. Selbst im Training des Firmenteams war er bereits am Ball. Besonders stolz ist der Abwehrspieler, der sich in jungen Jahren auch schon für die U-23-Teams des TSV 1860 und des FC Bayern München ins Zeug legte, dass er für Gazi das Projekt „Fußball trifft Kultur“ betreuen darf. Eine Aktion zur Sprachförderung von Stuttgarter Dritt- und Viertklässlern aus sogenannten bildungsfernen und sozial schwachen Familien.

„Ich bereue es nicht, den Schritt mit der Ausbildung gemacht zu haben“, erklärt Leist, obwohl es „schon Phasen gab, in denen alles nicht so einfach war. Auch weil’s sportlich nicht lief und wir zum Beispiel aus der Dritten Liga abgestiegen sind.“ Trotzdem ging und geht er gerne zur Arbeit. Zumal die Kollegen stets hilfsbereit seien, sagt der Verteidiger, der im Sommer 2014 von den Stuttgarter Kickers zur SG Sonnenhof wechselte. Deshalb wird er künftig weiterhin wohl nicht nur Fußball spielen. Acht bis zehn Stunden pro Woche will er einer normalen Arbeit nachgehen. So wie er es vor seiner Ausbildung ebenfalls schon praktiziert hatte. Am liebsten würde er in seinem jetzigen Betrieb weitermachen. „Gespräche gab es deshalb schon“, berichtet Aspachs Kapitän, der sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht nur zum Groß- und Außenhandelskaufmann entwickelt hat, sondern zusätzlich gelernt hat, „wie privilegiert du als reiner Profifußballer eigentlich bist“.

In der Serie Karrieren abseits des Sports stellen wir Athleten in ihrem Berufsalltag vor. Dabei geht es um bekannte Sportler in ihrem Beruf und um solche, die einer ungewöhnlichen Arbeit nachgehen oder die in ihrem Job besonders erfolgreich sind. Weitere Sportler mit interessanten oder ungewöhnlichen Berufen können sich unter sportredaktion@bkz.de melden.

Winterpause entfällt

Auch dieses Wochenende kann Julian Leist die Beine nicht hochlegen. Heute ab 14 Uhr steht für ihn und die SG Sonnenhof Großaspach das Regionalliga-Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 II auf dem Programm. Kommenden Dienstag empfängt Leist mit seinen Kollegen dann ab 17 Uhr noch den VfB Stuttgart II im Fautenhau.

Erst danach gibt es über Weihnachten eine dreitägige Pause, ehe es schon am Sonntag, 27. Dezember, mit dem Training wieder weitergeht. Das erste Testspiel im neuen Jahr bestreitet die SG am Sonntag, 3. Januar, gegen Ligarivale Kickers Offenbach (Uhrzeit und Ort noch offen). Zum ersten Mal um Punkte geht es im neuen Jahr am Samstag, 9. Januar, wenn Aspach ab 14 Uhr beim KSV Hessen Kassel ranmuss.

Insgesamt stehen für die Schwaben im Januar sechs Punktspiele auf dem Plan. Vier davon bestreitet die SG Sonnenhof auswärts. Dabei findet nur die Partie gegen Rot-Weiß Koblenz (Dienstag, 19. Januar) im heimischen Fautenhau statt.

Zum Artikel

Erstellt:
19. Dezember 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen