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Eine Nacht mit dem Rettungsdienst

Redakteurin Silke Latzel ist eine Zwölfstundenschicht mit der Notfallrettung des Deutschen Roten Kreuzes unterwegs – Vier Einsätze und kaum Schlaf

Sie retten Leben, kümmern sich um große sowie kleine Verletzungen und sind für ihre Mitmenschen da, wenn sie gebraucht werden – sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr: Die Angehörigen des Rettungsdienstes. Um am eigenen Leib zu spüren, was alles passieren und wie anstrengend diese Bereitschaft sein kann, fährt Redakteurin Silke Latzel für eine zwölfstündige Nachtschicht in einem Rettungswagen mit – von 19 bis 7 Uhr.

Vorbereitungen auf die Zwölfstundenschicht: Fabian Pruher und Sven Reinhardt erklären Silke Latzel (von links), wo sich was im Rettungstransportwagen befindet. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Vorbereitungen auf die Zwölfstundenschicht: Fabian Pruher und Sven Reinhardt erklären Silke Latzel (von links), wo sich was im Rettungstransportwagen befindet. Fotos: A. Becher

Von Silke Latzel

BACKNANG/ASPACH/RUDERSBERG. Sven Reinhardt ist heute mein Ansprechpartner. Der 29-jährige Notfallsanitäter ist in dieser Schicht der Verantwortliche auf dem Rettungswagen 2/83-2 des Deutschen Roten Kreuzes. Die erste „2“ steht für die Nummer der Wache, also Backnang, die „83“ für den Fahrzeugtyp, in unserem Fall ein Rettungstransportwagen (RTW), und die zweite „2“ für die Nummerierung des Fahrzeugs auf der Wache. Gemeinsam mit Sven und Rettungssanitäter Fabian Pruher, 20 Jahre alt, werde ich die nächsten zwölf Stunden unterwegs sein. Ich freue mich, bin aber auch etwas aufgeregt, denn genau wie die beiden Profis weiß ich nicht, was uns in dieser Nacht alles erwartet.

Intensivstation auf vier Rädern

18.30 Uhr: Kurz bevor die Schicht um 19 Uhr regulär beginnt, werde ich mit Hose, Shirt und Jacke zumindest äußerlich zu einem Mitglied der Notfallrettung gemacht. Eine wirkliche Hilfe werde ich natürlich nicht sein, aber im Einsatz trotzdem als Kollegin vorgestellt, erklärt Sven mir. Denn die Patienten sollen sich in ihrer Notlage nicht auch noch durch die Anwesenheit einer Tageszeitungsredakteurin gehemmt fühlen. Sven und Fabian müssen als Erstes die Ausstattung des RTW kontrollieren und nutzen die Zeit, um mir gleich alles zu zeigen und zu erklären: „Eigentlich sind wir eine Intensivstation auf vier Rädern“, sagt Sven.

Medikamente, Defibrillator, EKG, Sauerstoff, Verbandsmaterial, Fieberthermometer: Alles da. Und noch viel mehr. Zur Rettungsausrüstung zählt auch ein roter Rucksack mit diagnostischen Mitteln. In einem weiteren, blauen Rucksack findet sich alles, was für die Beatmung von Patienten gebraucht wird. So können sie direkt vor Ort erstversorgt werden, noch bevor sie im RTW sind. Ich bin beeindruckt, dass die beiden sich merken können, wo sie was finden – und das unter Druck auch noch abrufen können. Doch natürlich klappt das nicht von heute auf morgen. „Etwa zwei Monate dauert es, bis alles sitzt“, sagt Fabian.

Das Baby kommt...langsam

21.03 Uhr: „Für einen Samstagabend ist es ziemlich ruhig, eigentlich haben wir um diese Zeit schon einen Einsatz hinter uns.“ Sven blickt auf die Uhr. Da läutet das Telefon, die Leitstelle ist dran: „Fruchtwasserabgang, 34. Woche“ lautet das Stichwort. Anders als man sich das vorstellt und vielleicht auch aus Filmen kennt, kommt nicht jeder Einsatzbefehl als Alarm über den Funkmeldeempfänger, den wir am Gürtel tragen. Nur wenn es sich um einen Notfall handelt, piept das Gerät – und zwar ziemlich laut. Doch der Fruchtwasserabgang ist kein Notfall – noch nicht. Auf dem Weg nach Rudersberg, unserem Einsatzort, besprechen Sven und Fabian, was alles passieren könnte, was sie dann brauchen und wen sie nachalarmieren müssen.

In Rudersberg angekommen, steht schon ein Mann am Straßenrand und wartet auf uns – denken wir zumindest. Doch Pustekuchen: Der Mann ist ein Anhalter und fragt uns, ob wir ihn mit in die nächste Ortschaft nehmen können. „Nein, wir sind ja kein Taxi, sondern haben hier einen medizinischen Einsatz“, antwortet Sven ihm. Wir finden die Wohnung der 35-jährigen Patientin. Sie liegt ziemlich entspannt auf dem Sofa, hat keine Schmerzen und scheint auch nicht ängstlich zu sein, obwohl es ihre erste Schwangerschaft ist. „Noch keine Wehen. Das heißt, es kann noch eine Weile dauern, bis das Kind kommt, gerade dann, wenn die Frau noch keine Kinder hat“, sagt Sven.

Die Kommunikation gestaltet sich etwas schwierig, da die werdenden Eltern nur wenig Deutsch sprechen. „Das ist manchmal kompliziert, wir versuchen es dann auf Englisch, das klappt meistens ganz gut. Und wenn gar nichts mehr geht, haben wir so ein kleines Heft mit Piktogrammen, die in sehr vielen Sprachen erklärt sind, da ,redet‘ man dann mit Händen und Füßen“, erzählt Sven. Jetzt geht es ab ins Krankenhaus nach Winnenden, direkt in die gynäkologische Abteilung, der werdende Papa darf auch mitfahren. Nachdem die Dokumentation des Einsatzes erledigt ist, fahren wir zurück, gegen 22.45 Uhr sind wir wieder auf der Wache.

Der richtige Riecher

23.15 Uhr: Das Telefon klingelt wieder. Die Leitstelle teilt mit, dass sich ein Taxifahrer bei ihnen gemeldet hat. Er habe Medikamente zu einem Mann gebracht und mache sich nun Sorgen, dieser würde schlecht aussehen. Da die Leitstelle im Hintergrund jemanden husten gehört hat, gehen sie von einem Atemwegsinfekt oder einer Bronchitis aus, Genaueres lässt sich nicht herausfinden, der Taxifahrer spricht schlecht Deutsch, der Patient ebenfalls. So richtig wissen wir also nicht, was uns genau erwartet.

Wir fahren nach Aspach zu angegebenen Adresse. Dort finden wir einen 60-jährigen Mann vor, halb sitzend, halb liegend, kaum ansprechbar, er zittert und erbricht sich. Fabian hält ihm einen Spuckbeutel vor den Mund, damit dem Mann das Erbrochene nicht komplett über den Oberkörper läuft. Plötzlich ist sowohl das Zimmer als auch der Hausflur voll mit Angehörigen, die alle wild durcheinandersprechen. Sven versucht herauszufinden, was dem Mann fehlen könnte, ob Vorerkrankungen vorliegen. Dem Stimmengewirr kann er entnehmen, dass der 60-Jährige Probleme mit den Nieren hat, der hausärztliche Notdienst war an diesem Abend schon da und hat Medikamente verschrieben, die der Taxifahrer dann gebracht hat. Doch dem 60-Jährigen sei es danach immer schlechter gegangen. Sven misst Fieber: 41,3 Grad. Jetzt muss es schnell gehen. „Ich vermute eine Urosepsis“, sagt Sven. Gemeinsam wird der Mann durch den schmalen Hausflur nach draußen getragen und in den RTW gebracht.

Dort angekommen, schließen die beiden ihn an den Monitor an, messen kontinuierlich seine Vitalzeichen, legen einen Zugang, über den er Flüssigkeit bekommt. Ich versuche, nicht im Weg zu stehen, sondern reiche Sven die kleinen Ampullen für die Blutabnahme, die er jetzt schon macht, um dem Krankenhaus einen Teil der Arbeit abzunehmen, und verpacke sie danach. Fabian fährt mit Sondersignal – Blaulicht und Martinshorn – los, Sven und ich bleiben hinten beim Patienten. Wo wir sind, lässt sich von dort nicht erkennen, nur ab und an blitzen Schilder von Tankstellen und Restaurants auf, die erahnen lassen, wie weit es noch bis ins Krankenhaus ist.

Unserem Patienten geht es schlecht, das sieht man ihm an. Das hohe Fieber versetzt ihn in eine Art Delirium, nur einmal wacht er für ein paar Sekunden auf, ist verwirrt, weiß nicht, wo er ist und sagt: „Ich muss nach Hause.“ Sven beruhigt ihn: „Wir sind auf dem Weg ins Krankenhaus, alles ist gut.“ In der Notaufnahme angekommen, übergeben wir ihn dem Krankenhauspersonal. „Das war knapp. Eine Stunde später und er wäre wahrscheinlich tot gewesen“, sagt Sven zu mir. „Da hat der Taxifahrer ja den richtigen Riecher gehabt.“ Obwohl es schon 0.55 Uhr ist, als wir wieder auf der Wache ankommen, bin ich ziemlich wach. Der Einsatz steckt mir etwas in den Knochen, der 60-Jährige tut mir leid, ich denke noch eine Weile an ihn.

Angst um den Ehemann

1.20 Uhr: Nach Mitternacht dürfen sich die Wachhabenden ins Bett legen und ausruhen. Für jeden gibt es ein eigenes Zimmer, auch für mich. Doch ich bin zu aufgewühlt und weiß, dass ich jetzt sowieso kein Auge zubekomme. Und so stehe ich mit Sven im Aufenthaltsraum, als der nächste Anruf der Leitstelle kommt. Der hausärztliche Notfalldienst weist eine Frau aus Backnang ins Krankenhaus ein. Unsere Aufgabe ist es, sie dorthin zu bringen. Die Patientin ist 86 Jahre alt und klagt über ein Brennen in der Brust und Bluthochdruck seit zwei Nächten, in denen sie kein Auge zugetan hat. Sie ist ganz aufgewühlt, weil ihr Mann an Demenz erkrankt ist und jetzt ohne sie zurechtkommen muss. „Sollen wir für Ihren Mann Hilfe organisieren?“, fragt Sven sie, als wir im RTW zurück sind. Nein, wenn sie morgen früh wieder nach Hause komme, dürfte alles in Ordnung sein, sagt die Frau. Sie friert, ihr werden Elektroden an den Körper geklebt, damit Sven und Fabian ein EKG machen können. „Keine Auffälligkeiten“, sagt Sven, nur der Blutdruck ist zu hoch. Auf der Fahrt beruhigt die Frau sich, im Krankenhaus wird sie wieder nervös, Tränen steigen ihr in die Augen. Ich berühre ihren Arm und versuche, sie zu trösten. Auf der Fahrt zurück zur Wache nicke ich fast ein, die Müdigkeit überkommt mich.

Eine teure „Taxifahrt“

3.09 Uhr: Ich habe mein Bett bezogen und „gewagt“ mich hinzulegen. Doch es dauert keine 20 Minuten, da höre ich das Telefon, ein paar Sekunden später klopft Sven an meine Tür. „Wir müssen los.“ Es geht zu einem Hotel in Backnang. Dort habe ein 60-jähriger Mann Unterleibsschmerzen. Die Stimmung im RTW ist leicht angespannt. Wir finden den Mann vor dem Hotel, er wartet schon. Ein Steak habe er gegen 22 Uhr gegessen, eine Stunde später Bauchschmerzen und Durchfall bekommen, sich übergeben müssen. Doch als Sven ihn untersucht, auf seinen Unterbauch drückt, spürt er keine Schmerzen, das Abdomen ist auch nicht hart. Eigentlich macht der Mann einen ganz fitten Eindruck, nicht wie jemand, der sich vor Schmerzen windet und es nicht mehr allein ins Krankenhaus schafft.

Sven ist nicht begeistert, das merkt man. Er will von dem Mann wissen, was er jetzt von uns erwartet. „Ja, Medikamente. Oder besser, Sie bringen mich ins Krankenhaus. Meine Frau liegt oben im Bett und schläft und ich habe keinen Schlüssel dabei und an der Rezeption ist auch niemand mehr.“ Sven fragt ihn ganz direkt: „Wollen Sie nur, dass wir Sie ins Krankenhaus bringen, weil Sie sich ausgesperrt haben?“ Mir klappt die Kinnlade herunter, als der Mann dann noch nicht mal versucht, sich herauszureden, sondern ganz einfach nur „Ja“ sagt.

Uns bleibt nichts anderes übrig, er besteht auf den Transport, also müssen wir ihn mitnehmen, sonst könnte er rechtliche Schritte einleiten. Sven und Fabian sind merklich verärgert. „Wir sind jetzt an diesen Einsatz gebunden. Sollte in diesem Moment etwas anderes passieren, vielleicht ein schwerer Unfall auf dem Autobahnzubringer, fahren wir diesen Mann ins Krankenhaus und ein anderer RTW, von einer weiter entfernten Wache, müsste zu dem Unfall. Und das kostet viel Zeit“, fasst Fabian die Situation zusammen. Was viele Menschen nicht wissen: Die Krankenkasse zahlt auch eine Fahrt mit dem Taxi ins Krankenhaus. Und während die Fahrt mit dem RTW zwischen 500 und 600 Euro kostet, wäre bei einer Taxifahrt nur ein Bruchteil des Betrags auf der Rechnung gestanden.

Zweiter Anlauf

4.05 Uhr: Ich möchte schlafen, aber irgendwie hindert mich mein Kopf. Was, wenn ich jetzt einschlafe und der Alarm geht los? Finde ich meine Hose und meine Schuhe schnell genug? Wenn nicht, bremse ich die anderen vielleicht aus und wir kommen meinetwegen zu spät. Mein Herz schlägt viel zu schnell, ich komme überhaupt nicht zur Ruhe. Gegen 5 Uhr sinke ich in einen Dämmerzustand, irgendwas zwischen wach sein und schlafen...

Sven hatte mir bereits erzählt, dass auch er nie tief schläft. „Schlafen klappt schon, aber es ist ganz anders als daheim. Weil man ja immer damit rechnet, dass der nächste Einsatz kommt und dann auch der Kopf wieder zu 100 Prozent gefordert ist.“ Manche Einsätze, die er während seiner Dienstzeit bereits erlebt hat, sind ihm bis heute im Gedächtnis, „nicht immer, aber wenn ich an bestimmten Orten vorbeikomme, dann muss ich wieder daran denken.“ Sich schon bei der Anfahrt zum Einsatzort bewusst zu machen, was passieren kann und wie man dann darauf regieren muss, gebe ihm eine gewisse Sicherheit. „Und im Einsatz selbst konzentriere ich mich nur auf das Medizinische, alles andere blende ich aus.“

Müde...und doch irgendwie wach

7.00 Uhr: Die Schicht ist vorbei, ich gebe meine Dienstkleidung und meinen Funkmelder ab, bedanke mich bei Sven und Fabian und fahre nach Hause. Ich bin müde, nur eineinhalb Stunden Schlaf sind viel zu wenig für eine Nacht. Und doch habe ich das Gefühl, dass es das wert war, denn ich habe nicht nur einen direkten Einblick in Aufgaben des Rettungsdienstes bekommen, sondern auch die physisch und psychisch anstrengende Arbeit der Menschen gesehen, die sich für ihre Mitmenschen die Nacht um die Ohren schlagen, um ihnen zu helfen. Und wenn ich heute Abend um 20 Uhr ins Bett gehen werde, arbeiten Sven und Fabian bereits wieder seit einer Stunde.

Mal ohne, mal mit Blaulicht: Der 2/83-2 ist ständig im Einsatz.

© Pressefotografie Alexander Beche

Mal ohne, mal mit Blaulicht: Der 2/83-2 ist ständig im Einsatz.

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Erstellt:
18. Mai 2019, 06:00 Uhr

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