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Eine Verbesserung des Bestehenden

Ehrengast Peter Brandt sprach zur Feierstunde der Stadt Backnang anlässlich des Tags der Deutschen Einheit über Patriotismus

Peter Brandt, Sohn des legendären SPD-Vorsitzenden, Bundeskanzlers und Politikers Willy Brandt, sprach bei der Feierstunde der Stadt Backnang zur deutschen Einheit auf dem Marktplatz. Genauso wie OB Frank Nopper, hielt Brandt ein Plädoyer für die Wertschätzung des eigenen Landes.

Die Sitzplätze reichten bei weitem nicht für alle Besucher beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Backnang.Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die Sitzplätze reichten bei weitem nicht für alle Besucher beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Backnang.Fotos: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Patriotismus war das Wort der Stunde. Patriotismus, übersetzt: Vaterlandsliebe, die emotionale Verbundenheit mit dem eigenen Land. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, mit Müttern hatte man es damals nicht so, also: Vaterlandsliebe. Hört man ja jetzt wieder öfter. Patriotismus hat viele Gesichter – zwei besonders plakative Gesichter zeigten sich bei der Feierstunde der Stadt Backnang zur deutschen Einheit: das des Oberbürgermeisters Frank Nopper und das Peter Brandts.

Backnanger kennen ihren OB – der zum Anlass neue schwarz-rot-goldene Krawatte trug – und konnten ahnen, was auf sie zukam: ungebremste Begeisterung. Ihm selbst hatte es an diesem Tag das Wort „unverklemmt“ besonders angetan – unverklemmte Begeisterung also und die größte schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne weit und breit. Stolz nannte er die Maße: 3,5 mal 14 Meter, „respekt- und ehrfurchtsvoll ein paar Quadratmeter kleiner als die Einheitsflagge vor dem Berliner Reichstag“. Denn: „Jede Nation – auch die unsrige – braucht nationale Symbole, die man durchaus selbstbewusst darstellen darf, darstellen kann, ja darstellen muss.

Ein ganz anderes Gesicht des Patriotismus zeigte im Anschluss Peter Brandt, Professor im Ruhestand für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte sowie Herausgeber und Verfasser verschiedenster Publikationen unter anderem zur „deutschen Frage“. Gleichwohl, den schwarz-rot-goldenen Faden nahm auch er eingangs auf: Es bedrücke ihn immer wieder festzustellen, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, wofür diese Farben seit dem 19. Jahrhundert stehen – es sind die „Farben der Freiheit“.

Peter Brandt sprach sich nicht nur für die Wertschätzung des Vaterlands, sondern auch für die internationale Zusammenarbeit aus.

© Pressefotografie Alexander Beche

Peter Brandt sprach sich nicht nur für die Wertschätzung des Vaterlands, sondern auch für die internationale Zusammenarbeit aus.

Nach einem Abriss über die damals gänzlich unerwarteten und unerwartbaren Geschehnisse, Entwicklungen und Stolpersteine rund um den Mauerfall vor 30 Jahren, benannte er, was für ihn Patriotismus ist: „Die kritische Auseinandersetzung mit dem Einigungsprozess, so wie er verlief und verläuft, ist keine Miesmacherei. Patriotismus bedeutet Wertschätzung des eigenen Landes (…), nicht die Hinnahme gesellschaftlicher Zustände, wie sie sind, oder gar deren Verherrlichung. Als sich der Begriff in der Aufklärungsära (…) durchsetzte, war er untrennbar verbunden mit der tätigen Verbesserung des Bestehenden.“ Im Übrigen sei ja Deutschland, so führte er weiter aus, inzwischen Teil der Europäischen Union und mitsamt den Nachbarländern „keine absolut souveränen Staaten des alten Typs mehr, und das ist gut. Denn für sich allein werden die Nationalstaaten das europäische Zivilisationsmodell, zu dem auch die Sozialstaatlichkeit gehört, nicht verteidigen und weiter entwickeln können, noch werden sie imstande sein, die vor uns stehenden, großen globalen Aufgaben erfolgreich in Angriff zu nehmen.“

Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde durchgehend deutsch in der Auswahl der Musikstücke und feierlich vom Städtischen Blasorchester unter der Leitung von Christian Wolf – auch die Nationalhymne von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ wurde gesungen. Wer einen Sitzplatz ergattert hatte, stand dazu auf, alle übrigen – und das waren die meisten – standen ja sowieso. Wie der OB beobachtete und auch gleich froh übers Mikro verkündete, schmetterte Brandt „mit dem links schlagenden Herzen“ den Vers voller Vaterlandsliebe und textsicher mit.

Im Anschluss konnte bei „Einheitsbier oder -apfelsaftschorle“ noch weiter gefeiert werden. Die Oktobersonne wärmte die zahlreichen Gäste wohlwollend und nun war auch Gelegenheit, Erinnerungen auszutauschen an den legendären Besuch Willy Brandts auf dem Backnanger Marktplatz vor fast auf den Tag genau 50 Jahren. Ein Stadtrat meint gar, sich zu erinnern, dass es damals schulfrei gegeben habe. Man habe nicht einmal schwänzen müssen, um Brandt zu sehen.

Manch ein Besucher war hauptsächlich deshalb aus entlegenen Winkeln des Rems-Murr-Kreises angereist, um Willy Brandts Sohn zu sehen und zu sprechen und so war er denn freundlich umlagert von Menschen und Erinnerungen, Fragen, Danksagungen und vielfältiger, bunter Einheitsfreude.

Übrigens: Peter Brandt, der Sohn, beendete seine Rede mit einem Zitat Gustav Heinemanns vom 1. Juli 1969: „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.“

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Erstellt:
4. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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