Einsatz für die Freiheit des Eigentums

Was der Mieterbund für die Bewohner ist „Haus und Grund“ für die Eigentümer von Immobilien. In Backnang gibt es den Verein schon seit 1920. Coronabedingt mit zweijähriger Verspätung feiert er heute sein 100-jähriges Bestehen.

Werner Schmidgall, Katharina Bachmann und Michael Floegel (von links) unterstützen und beraten Hauseigentümer. Der Verein „Haus und Grund“ hat rund 1900 Mitglieder in Backnang und Umgebung. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Werner Schmidgall, Katharina Bachmann und Michael Floegel (von links) unterstützen und beraten Hauseigentümer. Der Verein „Haus und Grund“ hat rund 1900 Mitglieder in Backnang und Umgebung. Foto: Alexander Becher

Von Kornelius Fritz

Backnang. Wohnungsnot ist kein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, auch vor mehr als 100 Jahren gab es das Problem schon. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg strömten damals hunderttausende Vertriebene aus den an Frankreich und Polen abgetretenen Gebieten ins Deutsche Reich. Verschärft wurde die Situation durch die galoppierende Inflation, die dazu führte, dass die Mieten für viele unbezahlbar wurden. Der Staat reagierte, in dem er unter anderem ein Mieterschutzgesetz beschloss, das die Rechte der Mieter stärkte und den Preisanstieg begrenzen sollte.

Als Antwort auf die staatlichen Restriktionen schlossen sich zu dieser Zeit in vielen Städten Haus- und Grundeigentümer zusammen. Auch in Backnang wurde am
14. November 1920 ein „Verein der Althausbesitzer“ gegründet, 1929 folgte der „Verein der Neuhausbesitzer“. 1937 schlossen sich beide zum Haus- und Grundbesitzerverein zusammen, der heute unter dem Namen „Haus und Grund Backnang und Umgebung“ firmiert.

Mit rund 1900 Mitgliedern gehört er zu den größten Vereinen der Stadt, allerdings gibt es kein klassisches Vereinsleben mit Sommerfest und Jahresausflug. „Haus und Grund“ versteht sich vielmehr als Interessenvertretung und Dienstleister für die privaten Immobilienbesitzer in der Region.

Rund 60 Prozent aller Wohnungen gehören privaten Eigentümern

Der Vorsitzende Werner Schmidgall und sein Stellvertreter Michael Floegel sehen sich auch als Kämpfer für die Freiheit des Eigentums. Denn wie vor 100 Jahren gebe es in der Politik auch heute Bestrebungen, die Rechte der Haus- und Grundbesitzer einzuschränken. „Wir haben eine sehr mieterfreundliche Gesetzgebung in Deutschland“, findet Floegel. Das zeige sich zum Beispiel an den Kündigungsfristen, die für Vermieter wesentlich länger seien als für die Bewohner. Und wenn ein Mieter nicht ausziehen wolle, dauere manchmal Jahre, um eine Räumungsklage durchzusetzen. „Manche Vermieter haben das Gefühl: Mir gehört zwar das Haus, aber ich habe keine Rechte mehr“, kritisiert Floegel.

Dabei seien die privaten Vermieter auf dem Wohnungsmarkt unverzichtbar: Rund 60 Prozent aller Wohnungen in Deutschland gehörten privaten Eigentümern, sagt Werner Schmidgall. Und längst nicht jeder sei ein steinreicher Immobilienmogul. Viele bräuchten die Mieteinnahmen als Altersvorsorge oder um ihre eigenen Kredite damit abzubezahlen. Im Gegensatz zu großen Wohnungsgesellschaften, die klare Renditeziele verfolgen, gehe es vielen privaten Hausbesitzern auch nicht um Gewinnmaximierung: „Die Mietkonditionen sind oft sehr moderat“, weiß Werner Schmidgall. Es gebe Eigentümer, die ihre Miete seit 20 Jahren nicht mehr erhöht hätten.

Deshalb ärgert es den Vorsitzenden, wenn Immobilienbesitzer pauschal an den Pranger gestellt werden. Und ebenso stört es ihn, wenn die Politik den Haus- und Grundbesitzern vorschreiben will, was sie mit ihrem Eigentum tun oder lassen sollen. „Ich persönlich halte es zwar für falsch, wenn jemand eine Wohnung leer stehen lässt und nicht vermietet, aber es geht nicht, dass der Staat darauf zugreift“, findet Schmidgall. Statt Hauseigentümern zu drohen oder sie zu zwingen, sollte die Politik lieber Anreize schaffen. Das gelte auch für den Wohnungsbau: Dass Deutschland bei der Wohneigentumsquote in Europa auf dem vorletzten Platz rangiere, sei kein Zufall. „Der Staat muss private Investitionen stärker fördern, dann wären auch wieder mehr Leute bereit, in Wohnraum zu investieren“, glaubt Werner Schmidgall.

Der Vorsitzende und sein Stellvertreter betonen, dass sie Vermieter und Mieter nicht als Gegenspieler, sondern als Partner verstehen. In den allermeisten Fällen funktioniere das Miteinander problemlos. Dazu trägt auch der Mietspiegel bei, den es in Backnang seit 2013 gibt. Das sei damals ein gemeinsamer Wunsch von „Haus und Grund“ und dem Backnanger Mieterbund gewesen, erinnert sich der Vereinsvorstand. Dadurch sei es nun wesentlich einfacher, eine ortsübliche Miete zu bestimmen, erklärt Michael Floegel: „Das erleichtert die Arbeit für beide Seiten erheblich.“

Rechtsberatung ist im Beitrag enthalten

Wenn es aber doch mal zu Konflikten kommt, bietet „Haus und Grund“ seinen Mitgliedern eine Rechtsberatung an, die im Jahresbeitrag von 40 Euro bereits enthalten ist. Michael Floegel ist als Rechtsanwalt auf Miet- und Wohnungseigentumsrecht spezialisiert und berät die Mitglieder im Auftrag des Vereins. Die Themen reichen von der Nebenkostenabrechnung über die Regeln für Mieterhöhungen bis zu Nachbarschaftsstreitigkeiten. Immer wieder kommen auch Eigentümer in der Geschäftsstelle in der Backnanger Marktstraße vorbei, deren Mieter einfach nicht bezahlen. Dann hilft oft nur der Gang vor Gericht.

Dass Wohnraum in Backnang und der gesamten Region zurzeit extrem knapp und teuer ist, sehen Schmidgall und Floegel übrigens nicht als Vorteil für die Vermieter. „Ich würde mir wünschen, dass wir wieder einen ausgeglichenen Markt bekommen“, sagt Schmidgall. Deshalb begrüßt er auch die geplanten großen Bauprojekte in Backnang, etwa auf der Oberen Walke oder dem IBA-Gelände. Dass ein größeres Angebot schlecht für die Immobilienbesitzer wäre, glaubt der Vorsitzende nicht. Denn die Bestrebungen der Politik, in den Wohnungsmarkt einzugreifen, würden dadurch vielleicht ein wenig gebremst.

Hauptversammlung

Festvortrag Der Verein „Haus und Grund“ feiert sein Jubiläum im Rahmen der Hauptversammlung heute Abend um 19 Uhr im Backnanger Bürgerhaus. Steffen Jäger, Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg, spricht dabei zum Thema „Kaufen, mieten, wohnen: Die gesellschaftliche Bedeutung von Wohneigentum“. Neben den Mitgliedern sind auch andere Interessenten dazu eingeladen.

Führungswechsel Werner Schmidgall wird sein Amt als Vereinsvorsitzender bei „Haus und Grund“ heute abgeben. Um die Nachfolge bewirbt sich Jürgen Schwab, der wie früher Schmidgall im Vorstand der Volksbank Backnang sitzt.

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Erstellt:
17. Mai 2022, 06:00 Uhr

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