Sicherheit im Land

Einstellungsoffensive bei der Polizei und Realität

Baden-Württemberg bekommt deutlich langsamer mehr Polizisten auf die Straße, als die politischen Reden seit zehn Jahren Glauben machen wollen.

Nur moderat mehr Polizeiwappen werden in Baden-Württemberg getragen: in zehn Jahren etwa 55 Polizisten  pro Jahr mehr fürs Land.

© Silas Stein/dpa

Nur moderat mehr Polizeiwappen werden in Baden-Württemberg getragen: in zehn Jahren etwa 55 Polizisten pro Jahr mehr fürs Land.

Von Franz Feyder

Seit 2016 spricht Innenminister Thomas Strobl von der „größten Einstellungsoffensive in der Geschichte der Polizei“. Der Christdemokrat verwendete diese Formulierung wiederholt und stellt gerne seine Personalpolitik als sicherheitspolitischen Kraftakt dar: Er gewann nach eigenen Angaben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 14 000 junge Menschen für eine Ausbildung bei der Landespolizei; betonte mehrfach, man bringe „wieder mehr Polizistinnen und Polizisten ins Land als durch Pensionierungen abgehen“.

Ein Blick in aktuelle parlamentarische Unterlagen zeigt ein differenzierteres Bild. Der FDP-Frau Julia Goll ließ er jetzt mitteilen, dass Baden-Württemberg im Jahr 2025 im Jahresmittel über 800 Polizisten sowie 500 sogenannte Vollzeitäquivalente (VZÄ) mehr verfüge als 2016. Ein VZÄ ist die Stelle eines Beamten, gleichgültig, wie viele Personen sie sich in Teilzeitarbeit teilen. Rechnerisch sind Strobls Zahlen korrekt: 2016 lag der Jahresmittelwert bei 24 500 ausgebildeten Polizisten, 2025 bei 25 300. Bei den VZÄ stieg der Wert von 23 700 auf 24 200.

Der Vergleich der Zahlen der vergangenen zehn Jahre relativiert die politische Rhetorik. Zwischen 2016 und 2025 wuchs die Zahl der Vollzeitäquivalente um lediglich 500 Stellen – durchschnittlich also etwa 55 VZÄ pro Jahr. Angesichts von mehr als 14 000 Einstellungen bedeutet das: Der weitaus größere Teil der Neueinstellungen diente dem Ausgleich der Abgänge aus der Polizei, insbesondere durch Pensionierungen.

Strobls Ministerium selbst verweist auf die „noch anhaltende Pensionierungswelle“. Diese hatte zunächst zu einem Rückgang der Stärke geführt: Zwischen 2016 und 2020 sank die Zahl der ausgebildeten Polizeivollzugsbeamten im Jahresmittel. Seit 2021 dreht sich der Trend leicht nach oben. Im aktuellen Bericht an die Liberale Goll behauptet Strobls Staatssekretär Thomas Blenke, die „personelle Talsohle“ sei im Jahr 2020 durchschritten worden.

Auffällig ist die Differenz zwischen der Zahl der Menschen und den Vollzeitäquivalenten. Während die Kopfzahl seit 2016 um 800 stieg, beträgt der Zuwachs bei den VZÄ nur 500. Das deutet auf eine gestiegene Teilzeitquote hin – die Zahl der real verfügbaren Polizisten wächst damit deutlich langsamer als die Anzahl der insgesamt Beschäftigten. In der politischen Kommunikation wird dieser Unterschied nur dann diskutiert, wenn die Opposition ihn zum Thema macht. Ein methodischer Punkt betrifft die Bezugsgröße. Blenke stellt klar, dass sich die Angaben jeweils auf den Jahresmittelwert beziehen. Der Innenausschuss hatte jedoch explizit nach den Vollzeitäquivalenten zum Stichtag 31. Dezember 2025 gefragt. Ein Jahresmittelwert glättet unterjährige Schwankungen und weicht in der Regel vom konkreten Stichtagswert ab. Formal ist das zulässig, doch es ist nicht identisch mit der angefragten Kennzahl.

Hinzu kommt der Blick auf die sogenannte Polizeidichte, also die Zahl der Polizeivollzeitäquivalente je 100 000 Einwohner. Trotz des jüngsten Aufwuchses ist Baden-Württemberg seit Jahren im Bundesvergleich mit 237 Vollzeitäquivalenten das Schlusslicht des deutschen Ländervergleichs: Mecklenburg-Vorpommern führt mit 385 die Liste an.

Strobl betont regelmäßig die historische Dimension der Personalpolitik. Die Formulierung der „größten Einstellungsoffensive in der Geschichte der Polizei“ suggeriert einen außergewöhnlichen Ausbau. In Verbindung mit der Aussage, man bringe „wieder mehr Polizisten ins Land als durch Pensionierungen abgehen“, entsteht der Eindruck, dass deutlich mehr Polizisten auf der Straße seien. Bei den allermeisten Polizisten steht bei deren Einstellung fest, wann sie pensioniert werden. Die Zahlen zeigen deshalb, dass die „Einstellungsoffensive“ bislang lediglich die seit Jahrzehnten absehbaren Abgänge durch eine massive Pensionierungswelle stabilisierte. Allenfalls ist ein moderater Nettozuwachs zu verzeichnen.

Bei der Einstellung weiß ein Innenminister, wann ein Polizist in Rente geht

Ob aus dem ein dauerhaft spürbarer Gewinn an Kapazitäten – wie für Polizeistreifen zu Fuß – entsteht, hängt davon ab, wie sich künftige Ruhestandszahlen, die Teilzeitquote und das Bevölkerungswachstum entwickeln. Rein statistisch betrachtet, handelt es sich bislang nicht um den politisch kommunizierten, expansiven Ausbau der Polizei, sondern um eine Konsolidierung.

FDP-Frau Julia Goll sagt: „Bei der Personalplanung muss das Innenministerium endlich mit VZÄ rechnen und die steigende Teilzeitquote in den Blick nehmen.“ Das entscheidende Ziel Strobls, mehr Polizisten auf die Straße zu bringen – „was nachweislich die Sicherheit und das Sicherheitsgefühl der Menschen im Land erhöht – wird bislang nicht erreicht.“ Die politische Botschaft des Ministers bliebe damit größer als der wirkliche Effekt. „Von einem massiven Quantensprung in der Personalpolitik der Polizei zu sprechen, ist vor diesem Hintergrund vermessen“, so Julia Goll.

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Erstellt:
16. Februar 2026, 07:14 Uhr

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