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Elefantengras ersetzt Heizöl

Bioland-Gärtner Ottmar Dänzer baut zwischen dem Backnanger Viadukt und der Spritnase auf drei Hektar Fläche den Alternativbrennstoff Miscanthus an

Direkt an der B14 zwischen dem Viadukt und der Spritnase baut Ottmar Dänzer auf drei Hektar Fläche Elefantengras an. Der 62-Jährige möchte mit dem gehäckselten Rohstoff künftig heizen. Zudem taugen die drei Grundstücke direkt an der Bundesstraße auch nicht für eine andere sinnvolle Nutzung, denn Dänzer ist Bioland-Gärtner und könnte Obst und Gemüse von diesen Äckern schlecht als Bioware vermarkten.

Ottmar Dänzer mitten in seinem Elefantengrasfeld. Noch kann der 62-Jährige die Ernte nicht nutzen, da ihm die richtige Heizung fehlt.Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Ottmar Dänzer mitten in seinem Elefantengrasfeld. Noch kann der 62-Jährige die Ernte nicht nutzen, da ihm die richtige Heizung fehlt.Fotos: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Manch ein Autofahrer mag sich schon gewundert haben, was seit einigen Jahren rechts und links der Bundesstraße auf insgesamt drei verschiedenen Flächen für eine Pflanze angebaut wird. Es handelt sich um Miscanthus, oder landläufig auch Elefantengras oder Chinaschilf genannt. Die weit mehr als mannshohe Pflanze gedeiht in direkter Nachbarschaft zur viel befahrenen Straße prächtig. Ottmar Dänzer hat sich aufgrund einer ganzen Latte an Gründen für diesen Anbau entschieden. Zum einen sind die Grundstücke für den Biolandbetrieb relativ unpraktisch, sie sind relativ klein und nicht gut zu bewirtschaften. Zum anderen sind die Böden in diesem Bereich schwierig, zu lehmhaltig und zu nass. Dänzer spricht von Grenzertragsstandorten. Und drittens wäre es völlig unglaubwürdig oder sogar unmöglich, wenn der gebürtige Franke das direkt neben der Straße angebaute Obst und Gemüse als Bioware vermarkten würde.

Was also mit dem Acker machen? Selbst für Blumen taugt das Gelände nicht. So kam Dänzer auf die Idee mit dem Miscanthus. Zum einen liebt das Elefantengras eben die genannten „schlechten“ Bodenverhältnisse. Es benötigt keinen Dünger und wird von Schädlingen nicht heimgesucht. Zum anderen plant Dänzer die Umstellung seiner Heizungsanlage. „Ich möchte schon seit Längerem wegkommen vom Erdöl.“ Er will künftig seine Heizung statt mit Heizöl mit dem nachwachsenden Rohstoff Miscanthus befeuern.

Ein Hektar Chinaschilf liefert so viel Wärme wie 8000 Liter Heizöl

Rechnerisch liefert ein Hektar Chinaschilf so viel Wärme wie mindestens 8000 Liter Heizöl. „Das ist sehr davon abhängig, wie wohl sich das Miscanthus fühlt“, erklärt Dänzer die Schwankung bei der Produktion des alternativem Brennstoffs, „wenn es gut regnet, stimmen auch die Erträge, bei Trockenheit fehlt halt die Grünmasse.“ Erfahrungswerte gehen davon aus, dass die Pflanze bis zu 18 Jahre lang geerntet werden kann. Dann könnte es sein, dass sie neu angebaut werden muss, damit die Fläche weiterhin effizient bewirtschaftet werden kann.

Das Projekt begann im Jahr 2011. Im ersten Jahr musste Dänzer die Pflanze noch gegen Unkraut schützen, danach hatte sich dieses Problem von alleine erledigt, die ständig abfallenden Blätter bedecken den Boden so dicht, dass andere Gewächse keine Chance mehr haben. Vom dritten Jahr an kann die Pflanze geerntet werden. Dies geschieht immer im April, spätestens im Mai treibt die Pflanze dann wieder aus. Die Ernte übernimmt ein Maishäcksler. Nur die Länge der holzigen Stücke unterscheidet sich leicht von der Maissilage.

Inzwischen hat Dänzer nach sechs Ernten bereits einen riesigen Haufen Hackschnitzel auf seinem Grundstück zwischen Germannsweiler und Maubach. Sein Problem: Er hat noch keine Heizung. Grundsätzlich könnte der Gärtner einen Kessel wie für Holzhackschnitzel nutzen. Doch es gibt geringe Unterschiede, die sich am Ende noch zu einem großen Problem summieren. Da ist zum einen die Feinstaubproblematik. Die Blätter würden viel Feinstaub verursachen, weshalb Dänzer mit der Ernte immer wartet, bis das Laub nahezu vollständig abgefallen ist. Die Stiele haben ohnehin den höheren Brennwert. Zudem muss die Restfeuchte unter 20 Prozent betragen. Ferner ist das Brenngas schwefelhaltig. Wegen der vielen Asche und dem Schwefelproblem müssen die meisten Holzhackschnitzelanlagen etwas angepasst werden. Dänzer: „Die Feinstaubwerte sind in den vergangenen Jahren ständig strenger geworden, in den vergangenen zehn Jahren gab es schon zwei oder drei Novellen. Wenn ich jetzt eine Heizungsanlage baue, soll sie möglichst die nächste, noch strengere Stufe einhalten, damit dann nicht sofort eine Nachrüstung erforderlich ist.“ Da derzeit alles im Fluss ist, hat er die entsprechende Anlage noch nicht gefunden. „Ich bin jetzt gerade noch am Recherchieren.“

Läuft die Heizung einmal, so will Dänzer neben seiner Wohnung, dem Büro und einem Teil seines Hofladens auch seine Gewächshäuser daran anschließen. Allerdings gibt er zu bedenken, dass er als Bioland-Betrieb die Gewächshäuser nicht das ganze Jahr beheizen darf. Erlaubt ist im tiefen Winter nur das Beheizen von jenem Teil, in dem Jungpflanzen und Kräutertopfpflanzen gezogen werden. So braucht Paprika zum Keimen zum Beispiel 27 Grad. „Aber Tomaten im Januar wachsen zu lassen, ist in einem Biobetrieb nicht erlaubt“, gibt Dänzer zu bedenken. Er erläutert sein bisheriges Prozedere: „Innerhalb des Gewächshauses gibt es nochmals verschiedene Zelte. Im Innersten wird nur ein kleiner Bereich geheizt. Das reicht, damit es im zweiten Abschnitt immerhin 10 Grad Celsius hat. Und im restlichen Gewächshaus ist es dann gerade noch frostfrei.“ Im Frühjahr dürfen dann auch größere Flächen beheizt werden, sobald es losgeht mit dem Auspflanzen der Jungpflanzen.

Im hinteren Bereich der Gärtnerei sind die Miscanthus-Hackschnitzel der vergangenen Jahre gelagert. Vor Kurzem kam gerade der sechste Jahrgang dazu, hochgerechnet ungefähr weitere 300 Kubikmeter. Noch ist die Lagerung kein Problem, weil Platz da ist und der Brennwert des Materials nicht abnimmt. Zumindest nicht in den ersten Jahren. Trotzdem weiß Dänzer, dass die Lagerung keine Lösung auf Zeit ist. Jetzt fehlt nur noch der richtige Heizkessel.

Vor einigen Tagen erst wurde das noch selten angebaute Elefantengras wieder geerntet.

© Alexander Becher

Vor einigen Tagen erst wurde das noch selten angebaute Elefantengras wieder geerntet.

Info

Ottmar Dänzer hat 1989 in Cottenweiler eine Gärtnerei übernommen. Er bezeichnet es heute als Glücksfall, dass er im Jahr 2003 den Hof zwischen Germannsweiler und Maubach erwerben konnte, in dem heute seine Bioland-Gärtnerei angesiedelt ist. Seit 2006 betreibt Dänzer einen Hofladen, der längst ein sehr wichtiges Standbein oder gar die Säule des Betriebs geworden ist.

Inzwischen ist aus der Gärtnerei ein kleines Unternehmen mit 50 Mitarbeitern geworden. Sie teilen sich wie folgt auf: 17 Vollzeitkräfte, 6 Teilzeitmitarbeiter, 21 Minijobber und 5 Saisonkräfte.

Zusätzlich zum Hofladen vertreibt Dänzer sein Obst und Gemüse und die sonstigen Produkte auch auf dem Waiblinger Wochenmarkt.

Dänzer bewirtschaftet etwa 17 Hektar. 10 Hektar stehen für Obst und Gemüse zur Verfügung, auf 3 Hektar wächst Kleegras, das er mulcht und als Streu und Düngung in die Erdbeerfelder einbringt. Auf weiteren 3 Hektar gedeiht Elefantengras. Dänzer vertreibt etwa 300 verschiedene Kräutersorten.

Der Neubau der B14 wird die Gärtnerei betreffen, da ein Teil der Äcker für die vierspurige Bundesstraße benötigt wird. Dänzer: „Klar, die Straße wird unsere Fläche verkleinern.“ Andererseits lautet seine Philosophie: „Lieber kleinere Mengen und dafür vielfältiger sein. Dank des Direktverkaufs können wir vernünftige Preise erzielen.“

Albrecht Schulz aus Alfdorf bewirtschaftet ebenfalls eine Gärtnerei. Er hat Miscanthus seit über zehn Jahren im Einsatz und schwärmt von dem Rohstoff. „Wir ersetzen damit 30000 Liter Heizöl pro Jahr und sparen so 100 Tonnen CO2 ein – pro Jahr wohlgemerkt.“ Er bestätigt, dass es für diesen Einsatz keine Heizung von der Stange gibt. Aber er hat sich die richtigen Komponenten selbst zusammengestellt und bis heute keine Probleme: „Die 100-Kilowatt-Heizung läuft seit 50000 Betriebsstunden ohne Ausfall. Das macht richtig Freude.“ Schulz erntet auf dreieinhalb Hektar jährlich über 600 Kubikmeter Chinaschilf.

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Erstellt:
7. Mai 2020, 11:30 Uhr

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