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Ellwangen: Rätsel um hohe Zahl coronainfizierter Flüchtlinge

dpa/lsw Stuttgart/Ellwangen. Warum infizierten sich in Ellwangen Flüchtlinge in rasantem Tempo mit dem Coronavirus? Die Behörden beteuern, dass sie alles getan haben, um genau diese Entwicklung zu verhindern.

Eine Mikroskopaufnahme zeigt das Coronavirus. Foto: Uncredited/Centers for Disease Control and Prevention/AP/dpa/Archivbild

Eine Mikroskopaufnahme zeigt das Coronavirus. Foto: Uncredited/Centers for Disease Control and Prevention/AP/dpa/Archivbild

Der explosionsartige Anstieg der Corona-Infektionen in einer Unterkunft für Flüchtlinge in Ellwangen stellt die Behörden vor Rätsel. Die Zahl der Fälle unter den Bewohnern der mit einer Ausgangssperre belegten Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) steigerte sich von 7 am vergangenen Donnerstag auf 259 am Mittwoch. Die Gesamtzahl aller Infizierten in Aufnahmeeinrichtungen lag bei 275. Weder das Innenministerium noch das Regierungspräsidium Stuttgart können dieses Phänomen in der Zufluchtsstätte im Ostalbkreis mit insgesamt mehr als 560 Bewohnern erklären.

Der Flüchtlingsrat plädierte angesichts der Zahlen für ein Ende der Massenunterbringung. Das Land habe zwar früh angefangen, die Belegung zu lockern. „Aber wir sehen an der erheblichen Anzahl von Infektionen in der Landeserstaufnahme in Ellwangen, dass das hohe Infektionsrisiko weiterhin besteht, solange Menschen in den Lagern leben müssen, wo sie zum Beispiel Badezimmer, Toiletten und Kantine mit vielen anderen teilen müssen“, sagte Lucia Braß, 1. Vorsitzende des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg. Zudem höre man mit Sorge Berichte von in Ellwangen untergebrachten Flüchtlingen, wonach ihnen keine Desinfektionsmittel oder Schutzmasken zur Verfügung stünden und der WLAN-Zugang abgeschaltet worden sei.

Das Regierungspräsidium, das die Einrichtung für das Land betreibt, hielt dagegen: Desinfektionsmittel und Seife seien ausreichend vorhanden. Wer wolle, bekomme eine Schutzmaske. Aktuell seien alle Flüchtlinge in Gebäuden mit WLAN untergebracht. Kurzzeitig hätten positiv getestete Personen in ein Gebäude ohne WLAN wechseln müssen.

Der erste Infizierte sei in Ellwangen am Donnerstag vor zwei Wochen identifiziert und isoliert worden, teilte das Innenministerium in Stuttgart mit. Noch keiner der Infizierten musste in eine Klinik verlegt werden, wie das Landratsamt mitteilte. Betroffen sind auch Kinder. Nach Angaben des Ostalbkreises von Dienstagnachmittag wurden auch mehr als 20 Beschäftigte positiv auf das Coronavirus getestet.

Eine Sprecherin des Regierungspräsidiums nannte die Entwicklung überraschend. Denn es seien seit Anfang März alle notwendigen Maßnahmen ergriffen und die Bewohner der Unterkunft sensibilisiert und mit mehrsprachigen Informationen versorgt worden. Alle Neuzugänge würden ebenfalls seit Anfang März 2020 standardmäßig getestet und nach ihrer Ankunft separat untergebracht. Infizierte, Getestete und Kontaktpersonen würden getrennt untergebracht. „Leider kann aufgrund der 14-tägigen Inkubationszeit nicht ausgeschlossen werden, dass sich eine zunächst negativ getestete Person infiziert hatte und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen das Virus weitergetragen hat.“ Ellwangen ist nach dem Ankunftszentrum in Heidelberg die größte Flüchtlingsunterkunft im Südwesten. In Heidelberg sind nach Angaben des Innenministeriums 900 bis 1000 Menschen untergebracht. Auf Platz drei folgt die LEA in Sigmaringen mit 500 Menschen. 3125 Menschen befinden sich derzeit in Erstaufnahmeeinrichtungen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden neu ankommende Flüchtlinge auf das Corona-Virus untersucht und während der 14-tägigen Inkubationszeit getrennt untergebracht. Zudem wird das Infektionsrisiko für die Beschäftigten und die Bewohner durch die Reduzierung der soziale Kontakte auf ein absolutes Mindestmaß so weit wie möglich minimiert, wie das Innenministerium weiter mitteilte.

Hierbei setzen die Behörden unterem auf Aufklärung, großzügige Bestuhlung der Kantine, Ausgabe von Lunchpaketen sowie Beschränkung der Zusammenkünfte auf zwei Personen oder im Kreis der Familie. Ein Ministeriumssprecher räumte ein: „Klar ist dabei auch: Aufgrund der besondere Wohn- und Lebenssituation im Ankunftszentrum und in den Landeserstaufnahmeeinrichtungen kann das Risiko einer Weitergabe des Coronavirus nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden.“ Laut Landratsamt gibt es keine Proteste gegen die von der Polizei im Drei-Schicht-Betrieb gesicherte Ausgangssperre.

Am Eingang zur Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (LEA) geht ein Mann mit Maske vorbei. Foto: Stefan Puchner/dpa

Am Eingang zur Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (LEA) geht ein Mann mit Maske vorbei. Foto: Stefan Puchner/dpa

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Erstellt:
15. April 2020, 05:55 Uhr

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