EM: Brauereien stehen in den Startlöchern

Stuttgarts Brauereien rechnen mit einem starken EM-Effekt. Zwar wird in den Fanzonen und in der MHP-Arena nur Bitburger ausgeschenkt, doch außerhalb der offiziellen Bereiche wird regionales Bier angeboten. Der Palast der Republik will dabei mit günstigen Preisen punkten.

Das Sommermärchen 2006 mit seinen Fanfesten auf dem Schlossplatz ist unvergessen.

© dpa/Marijan Murat

Das Sommermärchen 2006 mit seinen Fanfesten auf dem Schlossplatz ist unvergessen.

Von Uwe Bogen

Stuttgart - Martin Alber, der Chef von Stuttgarter Hofbräu, denkt gern an den legendären Sommer 2006 zurück, als es heiß, verrückt und fröhlich selbst außerhalb des Gottlieb-Daimler-Stadions zuging, wie die MHP-Arena damals noch hieß. Die Fußball-WM schenkte den Fans auch in Stuttgart ein Sommermärchen – und ebenso den Brauereien. Das Wetter war so schön wie im Urlaub am Mittelmeer, das deutsche Team weckte eine bisher nicht gekannte Euphorie im Land, die Stadt feierte in völlig neuen Dimensionen, die City bebte – und im Überschwang der Gefühle floss das Bier rekordverdächtig.

Beim Übertragen der Spiele auf Riesenleinwände rund um die Jubiläumssäule sowie im Ehrenhof des Neuen Schlosses durften sich die beiden großen Stuttgarter Brauereien – Hofbräu und Schwabenbräu/Dinkelacker – den Verkauf teilen. „Wir waren auf der einen Seite des Schlossplatzes, unser Mitbewerber auf der anderen“, erinnert sich Alber. Nur im Stadien hatte damals Budweiser aus den USA, als offizielle Biermarke der WM, die alleinige Hoheit beim Zapfen.

Bei der EM vom 14. Juni bis zum 14. Juli reichen die Arme der Uefa viel weiter. Nicht nur in der MHP-Arena ist nur Bitburger erlaubt, sondern auch in den vier Fanzonen von Stuttgart (Schlossplatz, Schillerplatz, Karlsplatz, Marktplatz). Die Brauerei aus Rheinland-Pfalz hat sich für viel Geld einen Exklusivvertrag gesichert. Regionale Biere gibt es also nur in den Gaststätten, Biergärten und in den Clubs außerhalb der offiziellen EM- Bereiche – da aber deutlich billiger.

Die Uefa schreibt die Biermarke in den Fanzonen vor, aber nicht die Preise. Wirte, die für hohe Standgebühren dabei sein werden, haben schon gerechnet und sagen, dass die Halbe sehr wahrscheinlich 6,50 bis sieben Euro kosten werde. Dagegen positioniert sich der Palast der Republik, der nur wenige hundert Meter vom Schlossplatz entfernt ist, ganz klar. Die Halbe kostet dort momentan 4,50 Euro. „Ich versuche, diesen Preis zu halten“, sagt Wirt Stefan Schneider, „und werde allenfalls um 20 Cent aufschlagen.“

Auch wenn Bitburger der offizielle Bierlieferant der EM ist, rechnen die Stuttgarter Brauereien mit einem deutlichen Umsatzplus. „Bier braucht Trinkanlässe“, sagt Til Odenwald von Dinkelacker/Schwabenbräu. Das Bier seiner Brauerei werde in der heimischen Gastronomie, die ebenfalls mit Außenbereichen Spiele überträgt, etwa fünf Euro pro 0,5 Liter kosten. Seit Jahren gehe der Bierumsatz in Deutschland zurück. Die Fußballspiele, rechnet Odenwald, könnten den Negativtrend umkehren.

Dass die Münchner bei der EM in den offiziellen Zonen kein bayerisches Bier bekommen, hat dort für heftige Kritik gesorgt. Der Sportreferent der Stadt München, Florian Kraus (Grüne), klagt, dass es beim Bierausschank keine „regionale Wertschöpfung“ gibt, die Nachhaltigkeit also gering sei und hohe Einnahmen nicht im eigenen Bundesland blieben. „Bei uns fehlt leider ein gesunder Lokalpatriotismus“, sagt Til Odenwald, der Prokurist und Verkaufsdirektor von Dinkelacker/Schwabenbräu. Proteste gegen das Biermonopol aus Rheinland-Pfalz bei dem Fußballturnier habe er bisher in Stuttgart nicht vernommen.

Auch Martin Alber von Stuttgarter Hofbräu rechnet mit Umsatzsprüngen: „Viele Fans schauen sich mit Freunden die Fußballspiele daheim an. Und wenn sie dafür Bierkästen kaufen, greifen sie nach regionalem Bier.“ Die „Fernsehbiere“ stünden im Einzelhandel nicht so hoch im Kurs. „Der Trend geht zu regionalem Bier“, konstatiert Alber. Das britische Außenministerium warnt derweil angesichts der bevorstehenden Fußball-EM in Deutschland vor deutschem Bier. Das sei deutlich stärker als in England. Der Zutritt zum Stadion könne verwehrt werden, heißt es in einer Erklärung aus London, wenn man zu viel getrunken habe – dies stehe in der Stadionordnung der Uefa.

Dass deutsches Bier etwas stärker ist und seiner Meinung nach auch besser, sagt Til Odenwald, liegt am englischen Biersteuerrecht, das sich am Alkoholgehalt orientiere. Je mehr Alkohol im Bier, desto höher der Steuersatz. Auch wenn völlig offen ist, wie weit Deutschland bei der EM kommen wird, ist für ihn eines klar: Deutschland ist, was die Bierqualität angeht, Europameister. Jetzt hoffen nicht nur die Brauereien auf schönes EM-Wetter und noch mehr EM-Euphorie, die Bundestrainer Julian Nagelsmann mit seiner Mannschaft nach den Spielen gegen Frankreich und Holland bereits geweckt hat.

Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart hat Gastronomen ausgewählt, die in den vier Fanzonen Stände betreiben dürfen. Wer hat das Rennen gemacht? „Die Verträge sind noch nicht unterschrieben“, erklärt der in.Stuttgart-Sprecher Jörg Klopfer.

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Erstellt:
3. April 2024, 22:07 Uhr
Aktualisiert:
4. April 2024, 22:01 Uhr

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