EM-Wohnung von privat, 584 Euro die Nacht

Zur Fußball-EM schlägt in Stuttgart die Stunde privater Zimmervermieter. Etliche wollen auf Plattformen wie Airbnb Kasse machen – die Mieten, die manche aufrufen, klingen geradezu absurd.

Zur EM ein Zimmer in der Wohnung zu vermieten, liegt auch in Stuttgart im Trend. Anders als auf dem Symbolfoto werden Fußball-Fans das Spiel vermutlich eher im Stadion oder auf dem Fanfest schauen.Zur EM ein Zimmer in der Wohnung zu vermieten, liegt auch in Stuttgart im Trend. Anders als auf dem Symbolfoto werden Fußball-Fans das Spiel aber vermutlich eher im Stadion oder auf dem Fanfest schauen.

© imago/Panthermedia/AndreyPopov

Zur EM ein Zimmer in der Wohnung zu vermieten, liegt auch in Stuttgart im Trend. Anders als auf dem Symbolfoto werden Fußball-Fans das Spiel vermutlich eher im Stadion oder auf dem Fanfest schauen.Zur EM ein Zimmer in der Wohnung zu vermieten, liegt auch in Stuttgart im Trend. Anders als auf dem Symbolfoto werden Fußball-Fans das Spiel aber vermutlich eher im Stadion oder auf dem Fanfest schauen.

Von Daniel Gräfe

Stuttgart - Der Stuttgarter Zimmervermieter, der unter seinem Vornamen Robel die Vermittlungsplattform Airbnb nutzt, vertraut ganz auf die Schotten. Mag die schottische Fußballmannschaft bei der EM nicht zu den Topfavoriten zählen, die Fans sind erfahrungsgemäß finalwürdig, was Stimmung und Spendierfreude angeht. Er zähle derzeit viele Anfragen aus Schottland, sagt Robel, „die schottischen Fans sind bereit, mehr zu zahlen als normal.“

Für eine Miete zwischen 409 und 584 Euro bietet Robel derzeit seine Zweizimmerwohnung im Stuttgarter Westen in den WM-Wochen an – pro Tag. Sonst ist sie in der Regel für 116 bis 128 Euro zu haben. Robel spielt selbst Fußball und will sich auch ein Spiel im Stadion anschauen – einen EM-Fan-Bonus gibt es aber bei ihm nicht. Die Preise richteten sich nach der Nachfrage, sagt er.

Hunderttausende Fans werden in Stuttgart ab Mitte Juni zur EM zu den fünf Spielen in Stuttgart, aber auch zu den Fan-Festen in der Innenstadt erwartet. Stuttgart Tourist rechnet allein mit bis zu 80 000 schottischen Fans in der Stadt, aus Ungarn und Slowenien werden jeweils 15 000 bis 30 000 erwartet. Gerade wer ein Ticket gekauft hat, wird kaum an der Unterkunft sparen – was wiederum auch die privaten Zimmeranbieter wissen.

„Die Buchungen an den EM-Austragungsorten ziehen an“, sagt Kathrin Anselm, die für Airbnb die Geschäfte in Deutschland und 24 weiteren Ländern führt. Airbnb ist die größte Vermittlungsplattform im Land: 7,7 Millionen Unterkünfte weltweit sind registriert – Deutschland-Zahlen nennt Anselm nicht, sagt aber: „Wir sehen auch, dass die ausländischen Gäste das Fußball-Spiel mit Urlaub verbinden und in diesem Zeitraum die Aufenthalte länger sind.“

Schnäppchen lassen sich in Stuttgart derzeit wenige finden, selbst wenn sich der Gast wie üblich mit einem Bett und der geteilten Waschgelegenheit begnügt. Wer etwa nach dem Spiel zwischen Deutschland und Ungarn am 19. Juni übernachten will, zahlt in Ausnahmefällen 50 Euro – es kann ihn aber auch 200 bis 400 Euro kosten.

Etliche der privaten Gastgeber haben die Preise zur EM verdoppelt oder gar verdreifacht. Wer das nicht tut, ist meist kein Fußball-Fan oder hat sich mit der EM noch nicht beschäftigt – wie etwa Corinne, die in Stuttgart-West ein „ruhiges Zimmer mit eigenem Waschbecken“ anbietet. „Ich hatte die EM überhaupt nicht auf dem Schirm, bis sich jemand gezielt wegen eines Spiels meine Unterkunft gebucht hat“, sagt die Yogalehrerin. „Da habe ich dann die Zimmerpreise um rund 15 bis 18 Euro erhöht. Normalerweise vermiete sie das Zimmer nicht lange im Voraus – jetzt hat sie den Kalender bis Juli geöffnet. Trotz Aufschlags ist ihr Zimmer für vergleichsweise günstige 74 Euro zu haben – was wohl auch eine Sache der Persönlichkeit und der Gewinnerwartung ist. Andernorts verlangt eine Mariel, hinter der ein gewerblicher Anbieter steht, für ein Apartment mit vier Betten am 19. Juni 1346 Euro. 2161 Euro möchte die gleiche Gastgeberin für ein Apartment mit vier Schlafzimmern haben, ebenfalls pro Nacht. Auf eine Anfrage unserer Zeitung reagiert sie nicht – so wie auch andere Gastgeberinnen und Gastgeber, deren Unterkünfte gerne mal 200 Euro oder mehr kosten, meist kein Gesprächsinteresse zeigen.

Bei den hohen Preisen gerät mancher in den falschen Verdacht, auch er wolle möglichst viel verdienen – wie etwa Piet, der ein kleines Zimmer in der Stuttgarter City für provozierende 1173 Euro die Nacht vermietet. Allerdings nicht nur zur EM. Der Dauer-Wucher entpuppt sich als fehlende Expertise aufseiten des Hosts: „Ich habe das Angebot nur so teuer gemacht, damit es nicht gebucht wird. Ich habe keine Option gefunden, die Anzeige dauerhaft zu pausieren, erklärt der Student. „Ja, der Preis wäre unverhältnismäßig – und nein, ich habe noch nie eine Anfrage bei dem Preis bekommen.“

Möglich wäre es wohl. „Die Preise werden von den Gastgebern selbst festgelegt“, betont Anselm von Airbnb. Wohl auch deshalb versuchen etliche Stuttgarter erstmals und dezidiert zur EM als Gastgeber auf Airbnb ihr Glück. Anna bietet für den 19. Juni das Zimmer „1,2 Kilometer bis Stadion“ mit Bad-Mitbenutzung für 467 Euro an. In Stuttgart-Mitte ist das EM-Zimmer bei Rogério für 187 Euro und bei Dominik für 174 Euro zu haben. Bei Preisen wie diesen könnte mancher EM-Fan jedoch eine komfortablere Unterkunft in einem Hotel der Region suchen.

Der Airbnb-Grundgedanke, sich gegen ein besseres Taschengeld die Welt als Gast ins Haus zu holen und dabei die persönliche Begegnung zu suchen, hat zumindest zur EM an Bedeutung verloren. Wobei es noch Ausnahmen gibt. Till und Jutta Zieger sind Hosts aus Stuttgart-Hoffeld, mit denen sich Airbnb gerne schmückt und auch deshalb ein Gespräch vermittelt: mehrsprachig, Sushi- und Pflanzenliebhaber und in der Community der Plattform engagiert.

„Mir geht es um das Mitmenschliche, es kommen unglaublich nette Leute zu uns“, sagt Jutta Zieger, und man glaubt es ihr. Momentan haben sie für den EM-Zeitraum noch keine Beherbergung aktiviert – die Preisfrage steht also noch aus. So richtig scheinen sie noch nicht sicher, wie sie es mit den EM-Gästen halten sollen. Dass sich jemand nach dem Spiel seinen Rausch ausschläft, das hätten sie wohl eher nicht so gerne. Dann lieber eine Vegetarierin oder Wanderin – Menschen, die ihre Interessen teilen. „Wir teilen unser Leben mit unseren Gästen, das Matching ist wichtig“, sagt Till Zieger.

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Erstellt:
18. April 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2024, 22:01 Uhr

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