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Emotionaler und ehrlicher Schwabenrock

Sulzbacher Band Wendrsonn gibt „Heimspiel“ vor 600 Fans – Dreistündiges Konzert in familiärer Atmosphäre – Bezug zur Heimat findet sich in den Texten wieder

Seit vier Jahren landet Wendrsonns Song „Do ben i dahoim“ bei der jährlichen Hörer-Hitparade des SWR1 unter den Top-50. 2005 gegründet, füllt die Schwaben-Rockband inzwischen 50 bis 60-mal im Jahr Konzertsäle, wurde mehrfach mit Musik-Preisen ausgezeichnet und in den Medien bejubelt. Vor allem aber: Ihre ehrlichen und mitreißenden Songs sprechen vielen Menschen aus der Seele.

Mit ihren frechen Sprüchen, ernsten Gedanken, Instrumenten-, Stil- und Tempowechseln lassen Wendrsonn bei ihrem Konzert keine Langeweile aufkommen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Mit ihren frechen Sprüchen, ernsten Gedanken, Instrumenten-, Stil- und Tempowechseln lassen Wendrsonn bei ihrem Konzert keine Langeweile aufkommen. Foto: J. Fiedler

Von ute Gruber SULZBACH AN DER MURR. „Heimat“ ist für Markus Stricker ein ganz zentraler Begriff und von jeher der Dreh- und An-gelpunkt seiner Musik. Und zwar jenseits jeglicher Modeströmungen, Gefühlsduselei und vor allem politischer Stimmungsmache. Der 54-jährige verwendet daher auch lieber das Wort „Daheim“: „Dahoim ist der persönliche Wohlfühlort, dieses Gefühl aus der Kindheit, diese Vertrautheit der Menschen, der Sprache. Das ist für jeden anders, das darf man nicht verallgemeinern und kann man vor allem nicht besitzen.“ „Heimat ist die emotionale Brücke zur Kindheit“ Für den Gründer der Band Wendrsonn, der in Sulzbach an der Murr, dem Tor zum Schwäbischen Wald, aufgewachsen ist und wohnt, ist das zum Beispiel der modrig-aromatische Geruch von feuchtem Waldboden, die menschenferne Ruhe unter alten Bäumen. Hier auch hat er am häufigsten seine musikalischen Eingebungen – dann, wenn ihn etwas emotional beschäftigt. „Da fallen mir plötzlich ganze Textzeilen ein“, beschreibt der Liedermacher, der 95 Prozent der Songs der Band komponiert, diesen Prozess, „mit der Musik gleich dabei“. Das sei seine Art, Gedanken und Gefühle zu verarbeiten, andere würden vielleicht malen oder werken. „Aber manchmal fällt mir monatelang nix ein.“ Und so taucht in den Songs das Thema Altwerden auf, aber auch das Im-Kopf-Jungbleiben, Wunschträume, daneben die Strümpfelbacherin mit dem Bausparvertrag oder der zum Alkoholiker versumpfte Jugendfreund, dazu alte, freche Volksliedchen, sanfte Liebeserklärungen, gruselige Spukgeschichten, aber auch der Frust über die Schließung des Backnanger Krankenhauses: „Mir wohne am Arsch der Welt, koiner hat mehr Kohle, koiner hat mehr Geld“, was von Zuhörern allerdings häufig als Nestbeschmutzung falsch verstanden wurde. „Heimat ist nicht alles nur rosarot“, stellt Stricker klar, der gerade das Raue, das Unzugängliche liebt, sich weigert „zu lobhudle“ und seine Aufgabe nur darin sieht, „zu erzählen – nicht zu urteilen“. Die Emotionen rüberzubringen gelingt der munteren Mundartband mit „Herz und Hirn“ und einer zunehmenden Professionalität – fast alle Bandmitglieder sind inzwischen Berufsmusiker. Und alle ticken sie gleich: Trotz der großen Virtuosität lieben sie alle die einfache, ausdrucksstarke Folkmusik. „Wir ergänzen uns wunderbar, da brauche ich nie viel zu erklären“, beschreibt der Songschreiber die Zusammenarbeit, die im digitalen Zeitalter weitgehend ohne gemeinsame Proben auskommt. Und gelegentlich, bei besonders wichtigen Konzerten, hat Wendrsonn inzwischen das Quartett von professionellen Streichern dabei, das sonst die Studioaufnahmen für die CDs bereichert. Vollprofi Klaus Marquardt, der Teufelsgeiger, hat dazu die Arrangements geschrieben. „Für mich ist das seltsam, dass so tolle Musiker meine Musik spielen“, wundert sich dankbar und bescheiden Stricker, der poetische Liedermacher aus dem Dorf im hintersten Wald. Ein solches, wichtiges Konzert fand am vergangenen Samstag statt: Das „Heimspiel“ in Sulzbach ist für Stricker eine besondere, emotionale Herausforderung. Die 600 Karten waren schon im Vorfeld fast ausverkauft und der Sohn der Murr-Gemeinde möchte sein kritisches Publikum natürlich nicht enttäuschen. Gerade hier, wo seine Lieder ihren Ursprung haben. So bieten Wendrsonn eine grandiose Performance: In munterer Zwiesprache mit dem Publikum, das auch mit allerlei Einsätzen wie Wolfsheulen und Turnübungen in die Musikstücke integriert wird, schafft Frontmann Stricker in der Halle eine familiäre Atmosphäre, in der mit frechen Sprüchen, ernsten Gedanken, Instrumenten-, Stil- und Tempowechseln in drei Stunden Konzert keine Langeweile aufkommt. Im Publikum: Biggi Binders 95-jährige Oma, die der Enkelin ihr altes Waschbrett als Percussions-Instrument zur Verfügung gestellt hat. Die zierliche Sängerin beherrscht allerlei Instrumente, ist „die Seele der Band“ und hat sich mit ihrer unerwartet kräftig rauen Stimme im Laufe der Zeit zum bildhübschen, alterslosen Vamp gemausert. Die jubelnde Gitarre des virtuosen Michael Schad, der mit seiner Winnetou-Mähne den Kindheitsträumen näher gekommen sei als Stricker selbst. „Ich bin jetzt eher Jim Hawkins“, stellt der ernüchtert fest und entblößt sein kahles Haupt. Die Finger von Klaus Marquart fliegen im Affenzahn übers Griffbrett, der Mann ist in Symphonie-Orchestern genauso zu Hause wie in angesagtem Rock und Pop. Ove Bosch am Bass und Youngster Heiko Peter am Schlagzeug geben der Musik die nötige Substanz. Zuletzt wird zur „After-Show-Party“ in die zuvor besungene „Dorfdisco“ Belinda eingeladen und dann macht Drummer Heiko Peter noch schnell ein Selfie der Band vor ausverkauftem Saal in stehenden Ovationen – wenn das kein Foto fürs Familienalbum ist. Oder stellt man das heutzutage lieber auf Instagram? Mehr noch als volle Säle, bedeuten den Musikern aber die persönlichen Reaktionen ihrer Zuhörer, die vielen E-Mails von Menschen, denen ihre ehrliche Musik zu Herzen geht. „Xund bleibe und weitermache dürfe“, wünscht sich jetzt Markus Stricker in Anbetracht der Tatsache, dass er inzwischen genau das Alter erreicht hat, in dem sein großes Vorbild Wolle Kriwanek aus Backnang vor 15 Jahren so völlig unerwartet gestorben ist. Fürs kommende Jahr haben die Vollblutmusiker neben vielen Konzerten eine neue CD angedacht, eventuell sogar eine Kooperation mit dem Waiblinger Jugendorchester

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Erstellt:
29. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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