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EnBW baut Elektro-Versuch massiv aus

ExklusivIn künftig vier Gebieten sollen die Auswirkungen von E-Autos auf die Stromnetze getestet werden

In Ostfildern-Ruit untersucht die EnBW-Tochter Netze BW seit vergangenem Jahr, was passiert, wenn viele Elektroautos das Stromnetz belasten. Die sogenannte E-Mobility-Allee wird auch international viel beachtet. Jetzt kommen drei neue Testgebiete hinzu.

Stuttgart Selma Lossau und ihr Team sind gefragt. Alle paar Tage führen sie Delegationen durch die bis vor Kurzem eher unbekannte Belchenstraße in Ostfildern-Ruit. „Wir haben Besucher aus China und Südkorea, Leute von Verbänden, Automobilherstellern und aus der Politik, dazu Journalisten“, erzählt die Projektleiterin von der EnBW-Tochter Netze BW. Sie alle pilgern in die ruhige Sackgasse, um sich die Zukunft anzusehen.

In der Belchenstraße untersucht der Energieversorger seit vergangenem Frühjahr, wie sich eine umfangreiche Nutzung der Elektromobilität auf die Stromnetze auswirkt. Die sind bisher auf Kühlschränke und Fernseher ausgelegt, nicht aber auf Elektroautos, die einen viel größeren Bedarf haben. Es geht die Befürchtung um, dass zumindest an manchen Orten die Lichter ausgehen könnten, wenn viele Fahrzeuge gleichzeitig geladen werden.

Um das zu testen, haben zehn von 22 Haushalten an diesem Stromkreis kostenlos E-Fahrzeuge zur Verfügung gestellt bekommen. Die Netze BW hat überall auf der Straße und in Garagen Ladegeräte, sogenannte Wallboxen, aufgehängt. Auch Speichermöglichkeiten werden getestet, um Spitzen abfedern zu können. Jetzt darf sich die Straße E-Mobility-Allee nennen – ein bundesweit einzigartiger Feldversuch.

Eigentlich hätte die gesamte Infrastruktur in diesen Tagen wieder abgebaut werden sollen. Doch der Test wird bis Oktober verlängert. „Dafür gibt es mehrere Gründe“, sagt Selma Lossau. Zum einen ändere sich das Nutzerverhalten. „Das sind jetzt schon alte Elektro-Hasen. Die Leute gehen nun anders mit den Fahrzeugen um.“ Außerdem wolle man einen großen Batteriespeicher auf dem Gelände noch umfangreicher testen und eine neue Steuerungstechnik ausprobieren. Die Testfamilien dürfen die Autos solange weiter nutzen.

Erste Ergebnisse stehen aber schon fest. Besonders die zurückliegenden Wintermonate haben einige aufschlussreiche Erkenntnisse gebracht. „Im Sommer war alles kein Problem. Wir haben festgestellt, dass maximal fünf der Autos gleichzeitig laden. Die Kunden legen ein sehr unterschiedliches Ladeverhalten an den Tag“, so Lossau. In der kalten Jahreszeit allerdings ist die Situation eine andere. Dann kommen in dem Gebiet noch vier Wärmepumpen dazu, außerdem müssen die Autos deutlich öfter und länger an die Steckdosen. An einem Versuchstag haben alle zehn Familien die Autos gleichzeitig geladen. Das Ergebnis: Bei solch ex­tremen Spitzen kann das Netz über die Belastungsgrenze kommen. „Da könnte es tatsächlich Probleme geben“, so Lossau.

Die Belchenstraße dient als Testfeld, weil es sich um eine Straße am Rande der Großstadt mit vielen Eigenheimen und Garagen handelt. Dort, vermutete man bei den Stromversorgern, könnte sich die Elektromobilität als Erstes durchsetzen. In einem zweiten Schritt sollen jetzt jedoch drei weitere Testgebiete folgen, die andere Strukturen aufweisen. „Das Thema soll ja auch in die großen Städte hinein, das ist politischer Wille. Deshalb schauen wir uns jetzt ein großes Mehrfamilienhaus an“, sagt die Projektleiterin. Dafür will man eine Wohnanlage im Raum Ludwigsburg ausstatten. In der Tiefgarage mit 100 Stellplätzen sollen 20 bis 30 davon elektrifiziert werden. Auch dort werden die Bewohner Fahrzeuge gestellt bekommen. Der Aufbau der Technik ist von Mai an geplant, der Versuch soll nach den Sommerferien beginnen und eineinhalb Jahre laufen. Das gilt auch für eine ländliche Region, bei der noch zwei Kommunen zur Wahl stehen. Dort sollen unter anderem Bauern mit Elektrotransportern ausgestattet werden.

Als weiterer Schritt wird ein Neubaugebiet in Rutesheim (Landkreis Böblingen) unter die Lupe genommen. Dort soll der Spatenstich für die Bebauung im Mai sein. Testfahrzeuge wird es dort nicht geben, aber Leerrohre, reservierte Flächen für Speicher und ein Messsystem, das zur Frühwarnung bei hohen Belastungen dient. Dort sind dann die Grundlagen geschaffen, um die künftige Nutzung von E-Fahrzeugen abdecken zu können. Bei Selma Lossau und ihrem Team dürften sich also auch künftig die Besucher die Klinke in die Hand geben.

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Erstellt:
4. April 2019, 03:14 Uhr

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