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Englisch lernen wie ein Muttersprachler

Lehrer Winfried Stahl entwickelt und erarbeitet eigene Methode zum besseren Lernen – Vortrag darüber in der Max-Eyth-Realschule

Wer kennt es nicht: Die Englischvokabeln sind zwar eigentlich gelernt, können im Gespräch aber nicht abgerufen werden – das Sprechen der fremden Sprache macht keinen Spaß, die Hemmungen, Fehler zu machen, sind zu groß. Winfried Stahl hat 30 Jahre lang eine Methode entwickelt und ausgearbeitet, die das Lernen einer neuen Sprache auf eine ganz andere Art angeht.

Viel direkte Kommunikation ist der Schlüssel: Winfried Stahl mit der Klasse 5a der Max-Eyth-Realschule Backnang und Lehrerin Katja Piller. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Viel direkte Kommunikation ist der Schlüssel: Winfried Stahl mit der Klasse 5a der Max-Eyth-Realschule Backnang und Lehrerin Katja Piller. Foto: A. Becher

Von Silke Latzel

BACKNANG. Manchmal passieren Dinge, wenn man nicht damit rechnet. Manchmal kommen tiefe Erkenntnisse in Situationen und an Orten, die einem auf den ersten Blick absurd erscheinen. Es sind die 80er-Jahre, als Englischlehrer Winfried Stahl mit seiner Band auf der Bühne steht, Covermusik macht und feststellt: Die Menschen im Publikum singen mit. Auf Englisch. Auch die Schüler. Und zwar die kompletten Lieder und offenbar ohne Probleme. Und er stellt sich die Frage: Wieso scheint die englische Sprache den Menschen bei Liedern leichtzufallen und im Unterricht mühen sie sich ab mit der Grammatik und den Vokabeln? Seine Antwort auf diese Frage hat der Musiker in diesem Moment direkt vor sich: Es muss der Rhythmus sein, es muss die Musik sein, die alles einfacher werden lässt. Oder?

Der Gedanke lässt Stahl nicht mehr los. Er verfestigt sich zu einer Idee: Stahl möchte seinen Schülern Englisch auf eine neue Art beibringen, er beginnt Rhythmen in seinen Unterricht einzubauen, nennt das Programm „Rhythm and Rhyme“. Stahl sieht schnell den Erfolg des „anderen“ Lernens: „In der Zeit, in der andere nur zehn Vokabeln gelernt haben, haben meine Schüler 100 Vokabeln gelernt. Wir waren schon auf einem richtigen Weg, es war noch keine fertige Methode und hat auch nicht ganz genau gepasst, aber wir sind drangeblieben.“ Er arbeitet weiter, feilt und verbessert.

Und so entwickelt Stahl im Laufe von fast 30 Jahren eine Methode, die den Schülern erlaubt, die englische Sprache ähnlich wie die Muttersprache zu erlernen. Sie basiert vor allem auf viel direkter Kommunikation zwischen den Schülern untereinander und mit dem Lehrer. „Es wird unglaublich viel gesprochen“, sagt Stahl. Und: Vokabeln werden nicht mehr stur auswendig gelernt, sondern in Geschichten und Rhythmen eingebettet. Durch die Geschichten werden die einzelnen Wörter von den Schülern im Kontext gesehen, sie verbinden Bilder damit und können sie sich so leichter merken. Stahl nennt ein einfaches Beispiel: „Das englische Wort für ,Hüfte‘ ist ,pelvis‘. Wenn ich das Wort jetzt in einen Satz einbaue, der ein Bild erzeugt, wird sich mein Gegenüber die Vokabel viel besser merken können. Der Satz könnte zum Beispiel sein ,Move your pelvis like Elvis‘. Und schon ist das Bild im Kopf und das Wort bleibt im Gedächtnis.“ Dabei spiele eine große Rolle, dass das Gehirn immer dann etwas abspeichere, wenn Gefühle im Spiel seien, erklärt er. Außerdem: „Kinder werden heutzutage von äußeren Bildern durchflutet. Bei unserer Methode haben sie die Möglichkeit, eigene innere Bilder zu entwerfen und zu erschaffen. Diese Fertigkeit kommt vielen Kindern heute abhanden und bei uns dürfen sie wieder sie selbst sein.“ Und schaut man sich die Englisch-Lernmittel an, die an der Max-Eyth-Realschule benutzt werden, fällt das direkt auf: keine beziehungsweise kaum Bilder. „Wir weisen damit die Medien in ihre Schranken. Das Gehirn und das eigentliche Denken stehen bei uns an erster Stelle.“

„Wir müssen eine viel größere Fehlertoleranz an den Tag legen“

Das heißt für ihn und seine mittlerweile ehemaligen Kollegen, denn Stahl ist seit drei Jahren Pensionär, vor allem auch: Fehler sind erlaubt. „Wir müssen eine viel größere Fehlertoleranz an den Tag legen, nur so macht das Lernen Spaß.“ Die Lernmethode trägt übrigens den Namen ihres Entwicklers und ist bekannt als „Stahl’sche Methode“. Gegen alle anfängliche Skepsis hat sich die Methode mittlerweile nicht nur an der Max-Eyth-Realschule durchgesetzt, sondern wird auch von einigen weiteren Schulen im Umkreis, aber auch beispielsweise in Darmstadt eingesetzt. Seit nunmehr drei Jahren hat sich auch das Max-Born-Gymnasium dieser Lernmethode angeschlossen. Alle Lehrer der Schulen stehen dabei in engem Austausch mit der Fachschaft Englisch an der Max-Eyth-Realschule.

„Ich erlebe an meiner Schule etwas, das sehr beeindruckend ist. Ich unterrichte selbst kein Englisch und es macht mich unglaublich zufrieden, wenn ich sehe, dass etwas zündet“, sagt Schulleiter Heinz Harter sichtlich begeistert. Bei aller Freude über den Erfolg der Stahl’schen Methode betont er aber auch: „Es gibt viele Lernmethoden und sie alle sind gut. Die Stahl’sche Methode ist eben eine Methode, die für uns, für unsere Schule passt. Man muss diesen Weg auch einfach gehen wollen, offen sein und dahinterstehen. Sie braucht Verlässlichkeit. Nicht gut wäre es beispielsweise, wenn die Methode in der 5. Klasse angewendet wird, in der 6. dann aber nicht mehr, dafür aber wieder in der 7. Klasse.“ Auch die Stahl’sche Methode geht übrigens mit der Zeit: Es gibt bereits Apps, die sich ganz einfach aufs Handy herunterladen lassen und auch Eltern, die die Sprache nicht sprechen, erlauben, mit ihren Kindern zu lernen und diese abzufragen.

Winfried Stahl stellt am Dienstag, 14. Januar, um 19.30 Uhr in einem öffentlichen Vortrag im Musiksaal der Max-Eyth-Realschule Backnang, Hohenheimer Straße 10, die Grundzüge seiner Methode auf unterhaltsame Weise vor.

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Erstellt:
13. Januar 2020, 11:30 Uhr

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