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Entgleisung als Folge einer Kette von Fehlern

Bericht der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchungen zum Zugunglück vom August 2014 belegt Nachlässigkeiten

Der letzte Waggon eines Güterzugs sprang 2014 bei Burgstall aus den Gleisen. Archivfoto: E. Layher

© Edgar Layher

Der letzte Waggon eines Güterzugs sprang 2014 bei Burgstall aus den Gleisen. Archivfoto: E. Layher

Von Martin Winterling

BURGSTETTEN. Planungsfehler, Nachlässigkeiten, Pfusch am Gleis: Es war nicht bloß ein einziger Fehler, der am 8. August 2014 dazu führte, dass bei Burgstall ein Güterzug entgleiste. Es handelte sich um eine programmierte Entwicklung. Eine Fehlerkette, die 2003/04 mit den Planungen für die S-Bahn Marbach–Backnang ihren Anfang nahm. Unfallursache war letztlich eine „fehlende Nachhaltigkeit in der Instandhaltung der Gleisanlage“. Sprich: Pfusch. Unebene Schienen ließen bei Tempo 80 den letzten Waggon des Zugs aus dem Gleis springen.

Schon die ersten Voruntersuchungen hatten auf Pfusch hingedeutet. Das nun veröffentlichte Gutachten der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchungen wirft einen Blick darauf, wie systematisch die Bahn ihre Infrastruktur vernachlässigte. Vier Wochen lang war die S4 nach dem Unglück gesperrt, weil sich die Reparaturen in die Länge zogen. Der Schaden beträgt 700000 Euro. 2012 war die Strecke für den S-Bahn-Verkehr aufgerüstet worden. Die Bau- und Planungskosten betrugen elf Millionen Euro.

68 Seiten umfasst der Untersuchungsbericht, 12 Seiten betreffen den Unglücksverlauf. Der Güterzug EZ51298 mit neun Wagen und Tempo 80 war von Nürnberg nach Kornwestheim unterwegs. Zwischen 0.18 bis 0.28 Uhr wurden dem Fahrdienstleiter in Backnang Störungen bei Burgstall signalisiert. Der entgleiste Waggon hatte die Oberleitung heruntergerissen, der Strom war weg. Dass ein Waggon aus dem Gleis gesprungen war, hatte der Lokführer nicht bemerkt. Konnte er nicht bemerken. Kurz vor Kirchberg wurde sein Zug gestoppt.

Schon bei der ersten Spurensuche fanden sich „auffällige Gleislagefehler“, deren Ursache eine fehlerhafte Tiefenentwässerung war. Das war bereits bei der S-Bahn-Planung aktenkundig. „Es ist nicht auszuschließen, dass zwischen den Aufschlüssen durch Wasserzutritt zum Erdplanum (obere Abschlussfläche des Untergrunds) Aufweichungen der bindigen Böden vorhanden sind“, heißt es in einem Gutachten von 2004. Wasser durchfeuchtete den Untergrund und führte letztlich zu den unebenen, wackeligen Schienen. Grundproblem war, dass für die Tiefenentwässerungsanlage keine eigene Anlagenummer angelegt wurde, wie es notwendig gewesen wäre. Somit fiel sie bei den Inspektionen einfach unter den Tisch. Rohre und Schächte wurden schlicht vergessen. So auch bei den Baumaßnahmen im Bereich des Burgstaller Bahnhofs für die Verlängerung der S-Bahn nach Backnang in den Jahren 2006 und 2011. Aufgrund des Gutachtens hätten Zustand, Funktionsfähigkeit, Unterhaltung und Betrieb der Abwasseranlage untersucht und bei den Baumaßnahmen berücksichtigt werden müssen. Die Gutachter stellten „typische Mängel fest, die bei unqualifiziert durchgeführten Bauarbeiten entstehen“. In der Folge wurden die Anlagen zudem nicht inspiziert.

Der Untersuchungsbericht weist auch darauf hin, dass bei den Arbeiten nicht nur geschlampt wurde, sondern Unterlagen zum Teil später erstellt und möglicherweise frisiert worden sein könnten. Die Bahn durfte die von ihr beauftragten Arbeiten selbst kontrollieren und sich den Okay-Stempel geben. So auch für die Gründungssohle in dem Bereich, in dem später der Güterzug entgleiste. Die DB Netz AG bestätigte die Befahrbarkeit, obwohl die vorgeschriebene geotechnische Überwachung der Bauarbeiten nicht stattgefunden hatte. Kein Wunder. Diese Leistungen hatte die Bahn wohl weder ausgeschrieben, noch vergeben.

Dass die Gleise uneben sind, stellte die Bahn erstmals im Winter 2013 bei Messfahrten fest. Der Fachmann spricht von Gleislagefehlern. „Beide Fehler wurden mit einer Sofortmaßnahme, in diesem Fall von Hand, gestopft.“ Doch diese Maßnahme sei nicht geeignet gewesen, „einen dauerhaft ausreichenden Abnutzungsvorrat für eine sichere Betriebsführung zu gewährleisten. Somit ist festzustellen, dass die von der DB Netz AG über einen längeren Zeitraum gewährten Verfahren zur Instandsetzung der Gleislagefehler nicht geeignet waren, um die bekannten Mängel nachhaltig beseitigen zu können.“ Der Laie spricht von Pfusch.

Laut Gutachten ist die Strecke mittlerweile in Ordnung. Die Tiefenentwässerung sei erneuert und ergänzt worden. Das baden-württembergische Verkehrsministerium geht ebenfalls davon aus, dass die Bahn und das Eisenbahn-Bundesamt als Aufsichtsbehörde „die notwendigen Konsequenzen ziehen“. Aus Sicht des Ministeriums war der Unfall „die Folge mehrerer aufeinanderfolgender Fehlhandlungen beziehungsweise Unterlassungen“.

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Erstellt:
4. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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