Erich Schneider wird 90

Für andere da sein war das Lebensziel: Seinen 90. Geburtstag feiert heute der frühere Landtagspräsident und Bürgermeister von Burgstetten Erich Schneider. Dankbar blickt er auf sein Leben zurück und zieht Bilanz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, in dieser christlichen Botschaft erkennt er den Sinn seines Daseins.

Aus seinem unerschütterlichen Glauben hat Erich Schneider sein ganzes Leben lang die Kraft für sein Wirken gezogen. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Aus seinem unerschütterlichen Glauben hat Erich Schneider sein ganzes Leben lang die Kraft für sein Wirken gezogen. Foto: Alexander Becher

Von Armin Fechter

Burgstetten. „Überall hat man Solidarität gebraucht“, sagt Schneider und geht Schritt für Schritt die Stationen seines Lebens durch. Kindheit und frühe Jugend fielen in die Zeit der Naziherrschaft: Er ist 1933, dem Jahr der sogenannten Machtergreifung, auf dem Pritschenhof in der Gemeinde Altersberg bei Gschwend, im damaligen Oberamt Gaildorf, das später zum Kreis Backnang kam, zur Welt gekommen. Keine leichte Zeit, zumal der Vater, ein Landwirt und Holzhauer, starb, als der Bub gerade zwei Jahre alt war. Hautnah hat er später dann den Krieg erfahren, als er etwa mit dem Stiefvater auf dem Acker war und ein Tiefflieger sie unter Beschuss nahm, ebenso, als er aus der Ferne den Luftangriff auf Kirchenkirnberg beobachtete und als schließlich Panzer durch den Hof rollten. „Krieg ist das Schlimmste, was der Mensch erleben kann“, sagt Schneider, auch mit Blick auf Ukraine und Syrien heute. „Da bleibt ein Trauma zurück.“

Halt fand der Junge im Glauben: Die Großmutter brachte ihm die Figuren des Alten Testaments nahe und die Mutter pflegte mit ihm in Notlagen Psalmen zu beten. Nach dem Krieg fand er dann rasch Anschluss zum CVJM in Gschwend – und traf dort Freunde, die seine Motivation, für andere da zu sein, förderten. Der Jugendarbeit folgte sein Entschluss, eine Ausbildung in der Kommunalverwaltung anzutreten und die vielfältigen Nöte der Nachkriegszeit bewältigen zu helfen.

Bei der Landtagswahl 1968 setzte sich Schneider gegen Emil Erlenbusch durch

Als Schneider 27-jährig in Burgstall zum Bürgermeister gewählt wurde, war sein Engagement für die Daseinsvorsorge gefordert: In der armen Gemeinde galt es als Erstes, die Wasserversorgung zu sichern. 1967, Schneider war noch gar nicht Mitglied der CDU, sollte er in den Landtagswahlkampf ziehen – und das im Wahlkreis Backnang, wo keiner gegen den hoch angesehenen und schon zweimal wiedergewählten sozialdemokratischen Abgeordneten Emil Erlenbusch antreten mochte. Aber er schaffte, was kaum möglich schien, und ging mit 33,3 Prozent knapp vor dem Rivalen durchs Ziel. Fünfmal wurde Schneider danach wiedergewählt, teilweise mit über 50 Prozent.

Als sich die Gemeinden Burgstall und Erbstetten mit Kirschenhardthof 1971 im Zug der Gemeindereform zusammenschlossen, stand Schneider erneut bereit: Da er schon die Fusion aktiv vorangetrieben hatte, wurde er auch in der neuen Gemeinde Burgstetten zum Bürgermeister gewählt.

Parallel arbeitete er sich im Landtag rasch nach vorn: 1976 wurde er stellvertretender Vorsitzender der Fraktion, die damals Erwin Teufel führte. Aber erst nachdem er sein Bürgermeisteramt abgegeben hatte, konnte er sich ganz auf die Landespolitik konzentrieren. Und bald darauf war er der richtige Mann für einen wichtigen Posten: Schneider wurde zum Landtagspräsidenten gewählt, ein Amt, das er zehn Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden als Abgeordneter, innehatte.

Landtagspräsidenten unter sich: Erich Schneiders Büste (rechts), gestaltet von Bildhauer Ubbo Enninga, befindet sich im Foyer des Landtags in guter Gesellschaft. Archivbild: Edgar Layher

© Edgar Layher

Landtagspräsidenten unter sich: Erich Schneiders Büste (rechts), gestaltet von Bildhauer Ubbo Enninga, befindet sich im Foyer des Landtags in guter Gesellschaft. Archivbild: Edgar Layher

In diese Zeit fällt eine ganz spezielle Initiative, die der Burgstettener zusammen mit allen vier damaligen Fraktionen ergriff: das Engagement Baden-Württembergs in Burundi. In dem ostafrikanischen Land herrschte bitterste Armut, die medizinischer Versorgung lag brach. Also wurden Arzneimittel gesammelt und nach Burundi geschafft, wo die Ruhr-Krankheit grassierte. Viele Kinder konnten so gerettet werden. Ferner wurden Tiefbrunnen gegraben und noch weitere Hilfen organisiert. Der von Erich Schneider gegründete Stiftungsfonds für Burundi führt das Engagement fort: Er unterstützt Bildung und Ausbildung junger Menschen, indem beispielsweise eine Berufsschule unterstützt wird und eine Fachberatung für ein Bildungszentrum eingerichtet wurde.

Eine andere Initiative nahm den europäischen Gedanken auf: Gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister von Straßburg rief Erich Schneider die Vereinigung der Regionen Europas ins Leben. Deren Ziel war und ist es, die Regionen im europäischen Kontext zu verankern und dem Prinzip der Subsidiarität zum Durchbruch zu verhelfen: Aufgaben seien, wie Schneider es formuliert, „so weit unten wie möglich“ zu erledigen.

Nach dem Landtag kam eine neue Herausforderung

Nach dem Ausscheiden aus dem Landtag widmete sich Schneider einer neuen Herausforderung: Er wurde Präsident des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD). Das Bildungs- und Sozialunternehmen mit seinen 8000 Beschäftigten und 400 Millionen Mark Bilanzsumme war in Not geraten, nachdem es viele Einrichtungen in der ehemaligen DDR übernommen hatte. Es galt nun, die Finanzen zu regeln. „Das war kein Spaziergang“, blickt Schneider zurück, der zunächst acht Jahre lang als Vorstandsvorsitzender fungierte. Dann gab sich das CJD eine neue Struktur: Einem hauptberuflichen Vorstand steht seitdem ein Präsidium als Aufsichtsrat gegenüber.

„Mein ganzes Leben hat sich in der Öffentlichkeit abgespielt“, resümiert Schneider. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil: Ehrenbürgerschaft der Gemeinde, Verdienstmedaille des Landes, Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband sowie goldene Ehrennadel vom CVJM-Weltbund und viele andere mehr. Am Schluss soll nun wieder, wie am Anfang, der Jugend das Engagement gelten: Erich Schneider macht sich für das Freibad in Erbstetten stark und wirbt dafür, dass die jungen Menschen das Schwimmen lernen.

Lebensdaten von Erich Schneider

2. August 1933 geboren in Altersberg-Pritschenhof, Kreis Backnang; evangelisch; verheiratet, drei Kinder; Diplom-Verwaltungswirt (FH)

1956 bis 1960 Laufbahnbeamter bei der Stadt Gaildorf

1960 bis 1979 Bürgermeister von Burgstall, ab 1971 von Burgstetten

1968 bis 1992 Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Backnang

1971 bis 1988 Kreistagsmitglied

1976 bis 1982 stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion

1979 bis 1983 Mitglied des Rundfunkrats des Süddeutschen Rundfunks

1982 bis 1992 Präsident des Landtags von Baden-Württemberg

1985 bis 1992 Vertreter des Landes Baden-Württemberg in der Versammlung der Regionen Europas und deren Vizepräsident

1993 bis 2008 Präsident des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD)

Seit 1985 Engagement für das ostafrikanische Land Burundi; Gründer des Erich-Schneider-Stiftungsfonds für Burundi (1993) unter dem Dach der „CJD Kinder- und Jugendstiftung“, deren stellvertretender Vorsitzender er ist

2. August 2023 Zu Ehren des Jubilars lädt die Gemeinde zu einem Empfang um 10.30 Uhr in der Gemeindehalle Burgstall ein – mit einer Laudatio von Landtagspräsidentin Muhterem Aras und einem Grußwort von Bürgermeisterin Irmtraud Wiedersatz sowie einem Schlusswort von Erich Schneider. Mitwirkende: Musikverein Burgstetten, Posaunenchor, Eintracht-Chor Burgstetten.

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Erstellt:
2. August 2023, 11:30 Uhr

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