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„Ermittlungen, die an den Nerven zehren“

Menschen bei der Polizei:Tagtäglich sichtet Michael Hunger Fotos, die im Zusammenhang mit Kinderpornografie stehen könnten

Es gibt Tage im Leben eines Ermittlers, die sind düster. Bestimmte Beweismittel machen ihnen sehr zu schaffen. Die Rede ist von Kinderpornos und sexuellem Missbrauch an Kindern. Fünf Ermittler sind in diesem Themenfeld im Präsidium Waiblingen tätig. Einer von ihnen ist Michael Hunger.

Michael Hunger wertet Bilder aus. Auf dem linken Bildschirm erkennt er, dass kein kinderpornografisches Material vorhanden ist. Fotos: Y. Weirauch

Michael Hunger wertet Bilder aus. Auf dem linken Bildschirm erkennt er, dass kein kinderpornografisches Material vorhanden ist. Fotos: Y. Weirauch

Von Yvonne Weirauch

WAIBLINGEN/BACKNANG. An der Tür des Auswertungsraums hängt ein Schild: Kein Eintritt ohne Anklopfen. Michael Hunger erklärt: „Ganz einfach: Auch wenn wir befugt sind, Kinderpornos legal anzuschauen, würden wir erschrecken, wenn einer plötzlich hinter uns steht oder unvermittelt den Raum betritt. Das ist menschlich.“ Sieben Bildschirme stehen auf Schreibtischen, die zu einem U aufgestellt sind. Ein Kollege von Michael Hunger hat gerade eine Datei heruntergeladen: 256898 Bilder gilt es zu sichten. Hunger schaut ernst: „Unsere alltägliche Arbeit.“ Stundenlang vor dem PC sitzen und sich durch zahlreiche Bilder und Videos mit kinderpornografischem Inhalt klicken, um den Straftäter zu überführen – keine einfache Aufgabe für die Ermittler.

Durch das Internet sei „alles viel trickreicher und einfacher geworden“, was den Austausch von kinderpornografischem Material angehe, sagt Michael Hunger. Der 55-Jährige ist seit 1981 im Polizeidienst. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit Delikten im Internet. Das Internet – insbesondere das Darknet – biete den Kinderporno-Konsumenten einen anonymen Raum, in dem sie sich austauschen könnten. Sie bräuchten keinen direkten Kontakt mehr: „Früher musste man sich treffen, um die Bilder zu tauschen.“ Die Server stünden auf der ganzen Welt verteilt und die Bilder in Foren, die offen zugänglich wären. Konsumenten könnten sich schnell und einfach vernetzen. Dass es im Bereich der Kinder- und Jugendpornografie eine große Fallzunahme gebe, liege auf der Hand. Seit 2012 verzeichne man fast jährlich eine Verdopplung der Fallzahlen, so Hunger: „Die Mengen, die von der Polizei gesichtet werden müssten, werden immer größer.“

Seit der Reform bündeln sich die Verfahren im Bereich der Kinderpornografie bei der Kriminaldirektion Waiblingen. Hier werden alle Fälle der Kinderpornografie für die Landkreise Rems-Murr-Kreis, Ostalbkreis und den Kreis Schwäbisch Hall bearbeitet. „Für die Auswertung wurde eine spezielle Software entwickelt, die utopische Datenmengen verarbeiten kann“, berichtet Hunger.

Digitale Fingerabdrücke eines

Fotos werden gesammelt

Der reine Besitz kinderpornografischen Materials sei schon strafbar: „Und wie einfach ist es heute, beispielsweise Fotos per WhatsApp zu verbreiten“, merkt der Hauptkommissar an. Unter den kinderpornografischen Aspekt fallen Aufnahmen von unter 14-Jährigen, die beispielsweise in einer aufreizenden Haltung oder komplett nackt dargestellt sind. Viele Hinweise zu Dateien mit kinderpornografischen Inhalten erhalte die Polizei und das Bundeskriminalamt von der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation National Centre for Missing and Exploited Children (NCMEC). Diese arbeitet wiederum mit amerikanischen Internetanbietern und Serviceprovidern wie Facebook, Microsoft, Yahoo oder Google zusammen, die ihre Datenbestände und die über ihre Dienste verbreiteten Daten mittels modernster Filtertechnologien permanent nach Missbrauchsabbildungen scannen. Die festgestellten Dateien werden gelöscht und die verfügbaren Informationen dem NCMEC übermittelt. Das NCMEC leitet diese Verdachtsanzeigen auf Basis der IP-Adresse (Adresse, von der aus der Upload des strafrechtlich relevanten Materials stattgefunden hat) an die jeweils zuständige polizeiliche Zentralstelle des Landes (in Deutschland das Bundeskriminalamt) weiter, in dem die Straftat stattgefunden hat.

Hunger erklärt: „Der amerikanische Filter basiert auf einem digitalen Abgleich. Hochgeladene oder verschickte Fotos werden quasi in Echtzeit mit der weltgrößten kinderpornografischen Datenbank abgeglichen, die vom US-Justizministerium und der Bundespolizei FBI aufgebaut wurde. In der Datei sind alle bislang bekannt gewordenen kinderpornografischen Aufnahmen gespeichert – entweder beschlagnahmte oder im Internet aufgetauchte. Genau genommen werden dort die sogenannten Hashwerte gesammelt, sozusagen die digitalen Fingerabdrücke eines Fotos.“

Wenn der Verdacht der Kinderpornografie bestehe, beginne die Maschinerie zu rattern. Zuerst stehe eine Wohnungs- oder Hausdurchsuchung bei dem vermeintlichen Täter an, sämtliche Computer, Speicherdateien oder Ähnliches werde beschlagnahmt, das familiäre und berufliche Umfeld überprüft. Dabei ist die Bandbreite der Auswertungen, mit denen es die Polizeiexperten zu tun haben, groß. Die sichergestellten Computer müssen eingehend geprüft werden, die Daten auf den Festplatten reichen von verbotenem pornografischem Material bis hin zu Computerviren oder Software, mit der Hacker Angriffe auf fremde Rechner starten. Aber auch auf immer mehr mobilen Geräten finden sich Beweismittel, etwa auf Taschencomputern und Mobiltelefonen. Hunger beschreibt den Tätertypus: „Der Pädophile ist schnell einzuordnen, wenn man das so sagen kann. Diese Neigung ist genetisch und ein Pädophiler hält sich in der Gesellschaft häufig in der Nähe von Kindern auf.“ Die gefährlichste Tätergruppe seien Menschen, die beim Sex Macht ausüben wollen – somit werden schwache Opfer gesucht. Die Täterschicht verläuft durch alle Berufsfacetten – ebenso wie bei den Konsumenten: Geschäftsmänner, Anwälte, Unternehmer, Manager – um nur wenige Berufsgruppen aufzuführen. „Ich hatte hier auch schon zwei Pfarrer mit dem Verdacht auf Verbreitung von Kinderpornografie sitzen“, fügt Hunger zu.

Vieles hat der Ermittler gesehen, mit vielem musste er lernen, umzugehen: „Ich möchte nicht sagen, dass wir abgestumpft sind. Aber wir sind vieles gewohnt.“ Dennoch gibt es immer wieder Fälle, die an den Nerven zehren. Als Außenstehender stellt sich da natürlich schnell die Frage, ob die teilweise schlimmen Inhalte nicht sehr belastend für die Polizeibeamten seien. „Die Belastung ist enorm“, gibt Hunger zu. Prinzipiell schalte man beim Anschauen von Videos schon mal den Ton ab: „Das ist sonst nicht auszuhalten.“ Er hat schon miterlebt, dass Kolleginnen beim Sichten von Material übel geworden ist. Eines seiner schlimmsten Erlebnisse: als Fäkalien mit im Spiel waren. „Da kommt beim Anschauen so viel zusammen: Wut, Ekel, Scham“, der Kriminalbeamte sucht nach Worten. Vieles sei einfach nicht zu verstehen: „Man will eigentlich auch versuchen, zu begreifen, warum jemand so etwas macht oder so etwas passiert, aber man kann es einfach nicht.“

Im Kinder- und Jugendverhörzimmer wird versucht, eine vertrauliche Atmosphäre zu schaffen.

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Erstellt:
1. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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