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Erst Worte, dann Schläge

Verhandlung wegen räuberischer Erpressung vor Landgericht – Vieles bleibt unklar

Das Gericht tut sich schwer, in diesem Fall, in dem von einer räuberischen Erpressung ausgegangen wird, Klarheit zu bekommen. Bilderbox/E. Wodicka

© BilderBox - Erwin Wodicka

Das Gericht tut sich schwer, in diesem Fall, in dem von einer räuberischen Erpressung ausgegangen wird, Klarheit zu bekommen. Bilderbox/E. Wodicka

Von Hans-Christoph Werner

STUTTGART/BACKNANG. Dritter Verhandlungstag im Verfahren gegen drei Männer im Alter von 19, 24 und 25 Jahren wegen räuberischer Erpressung vor dem Landgericht in Stuttgart. Der älteste Angeklagte, Ahmed (alle Namen geändert), ist mittlerweile aus der Untersuchungshaft entlassen und kommt nicht mehr aus Stuttgart-Stammheim, sondern aus einer Backnanger Nachbargemeinde angereist. Er war bei einem der Vorfälle nur als Zuschauer beteiligt, ist überdies schwer erkrankt, sodass das Gericht dem Antrag seines Verteidigers entsprach.

Auch dieser Verhandlungstag ist wieder gekennzeichnet durch große Anteilnahme der Vorsitzenden Richterin. Sie fragt, ob Ahmeds medizinische Versorgung gesichert ist. Ahmed bejaht. Bevor der nächste Zeuge befragt wird, gibt die Staatsanwältin eine Stellungnahme ab. Am Ende des zweiten Verhandlungstages war die Vorsitzende Richterin in einer vorläufigen Einschätzung vom Vorwurf der räuberischen Erpressung abgerückt (wir berichteten). Bei dem Geld, das die Angeklagten in Backnang versuchten einzutreiben, könnte es sich um den ausstehenden Betrag für Schleusergeschäfte handeln. Sprich: Es stand den Angeklagten zu. Dem widersprach die Staatsanwältin. Schleusergeschäfte könnten nicht wie andere Handelsgeschäfte behandelt werden. Das wäre „sittenwidrig“. Will heißen: Für die Staatsanwältin bleibt es beim Anklagepunkt „räuberische Erpressung“. Ein 27-jähriger Kommissionierer wird als Zeuge gehört. Die erwachsenen Söhne seiner Lebensgefährtin waren von den Angeklagten geschlagen worden. Der Zeuge berichtet. Es war das erste Mal, dass die Angeklagten Ahmed und Samir bei der Flüchtlingsfamilie des Zeugen vorsprechen. Man wollte die Sache allerdings nicht in der Backnanger Wohnung der Familie ausmachen, deshalb drängten die Bittsteller darauf, dass die Sache auf der Straße ausgehandelt wird. Zwei junge Männer der Flüchtlingsfamilie standen drei Personen der anderen Fraktion gegenüber. Auf den ausstehenden Betrag von 100 Euro angesprochen vertröstete Ali, einer der Söhne der Familie, auf die nächste Unterstützungszahlung des Jobcenters. Das gefiel Ahmed und Samir ganz und gar nicht. Es wurde laut diskutiert. Samir spielte dabei offensichtlich mit seiner Armbanduhr und deren metallenem Armband. Unvermittelt, so der Zeuge, habe Samir zugeschlagen und Ali an der Nase getroffen. Die Söhne der Familie flüchteten darauf in die Wohnung und meldeten den Vorfall anschließend der Polizei.

Die Handgreiflichkeiten hören nicht auf

Wenige Tage später kommt es erneut zu einer Begegnung. Yusuf, der jüngste Angeklagte, trifft auf Ali und dessen Bruder. Letztere sind in Begleitung des Zeugen unterwegs. Erneut wird die offene Rechnung angesprochen. Aber Ali will sich damit nicht mehr befassen. Er musste nach der letzten Begegnung an der Nase operiert werden und hat zudem den Vorfall der Polizei gemeldet. Ali geht davon aus, dass die Polizei das nun für ihn regelt. Wieder kommt es zu Handgreiflichkeiten. Der Zeuge will schlichten, bekommt aber infolge seiner Bemühungen auch was ab. Und eine dritte Begegnung hat der Zeuge beobachtet. Samir und Yusuf sind dabei. Weil der Worte genug gewechselt sind, kommt es wieder zu Schlägen. Dabei wird auch der angeklagte Yusuf verletzt. Schließlich verliert Letzterer ein Taschenmesser, hebt es auf, klappt die Klinge auf und fuchtelt damit in Drohgebärden herum.

Richterin wie auch die Verteidiger fragen immer wieder nach. Wer wusste was von dem ausstehenden Geldbetrag? Wer hat angefangen zu schlagen? Nicht immer ist das so recht deutlich. Und die Richterin stellt sich noch eine ganz andere Vorgehensweise vor: Warum hat man die Bittsteller nicht in die Wohnung geladen und bei einer Tasse Tee alles in Ruhe besprochen? Auch die Vorgeschichte der Backnanger Geschehnisse lässt sich nicht ganz aufklären. Denn diese spielt in Bosnien. Auf der Flucht will man weiterkommen nach Italien. Man tauscht Tipps aus. So gerät der eine an den anderen, so fädelt Samir ein Geschäft ein, dessen Nutznießer die in Backnang ansässige Familie ist. Oder war Samir gar nicht dabei? Der an diesem Verhandlungstag vernommene zweite Zeuge will ihn nicht gesehen haben. Auch das, was die Zeugen wenige Tage nach den Geschehnissen bei der Polizei angaben, stimmt nicht immer mit dem überein, was sie nun vor dem Landgericht angeben. Mit großer Beharrlichkeit und Ausdauer führt die Vorsitzende Richterin die Befragung der beiden Zeugen durch. Die Staatsanwältin sowie die Verteidiger der drei Angeklagten ergänzen die Fragen. Bei allen ist die Bemühung zu spüren, die Vorfälle so genau wie möglich aufzuklären.

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Erstellt:
26. November 2019, 06:00 Uhr

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