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„Es fällt schwer, das Angebot aufzugeben“

Keine weiteren Erholungsaufenthalte für die Kinder aus Tschernobyl im Naturfreundehaus Sechselberg

Über den langen Zeitraum von 26 Jahren hinweg waren Kinder aus dem weißrussischen Buda-Koschelewo einmal jährlich über drei Wochen hinweg zur Erholung im Naturfreundehaus Sechselberg – dieses Jahr zum letzten Mal.

Immer wieder war die Besichtigung des Backnanger Stadtturms ein Höhepunkt für die Kinder. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Immer wieder war die Besichtigung des Backnanger Stadtturms ein Höhepunkt für die Kinder. Archivfoto: A. Becher

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG. Am 26. April 2019 war es 33 Jahre her, dass sich in Tschernobyl die sogenannte Nuklearkatastrophe ereignete. Ganze Regionen sind immer noch unbewohnbar, es sei denn, man nimmt gesundheitliche Risiken in Kauf. Unumstritten und wissenschaftlich nachweisbar ist der Abbau radioaktiver Elemente im kindlichen Organismus, wenn sich das Kind eine Weile außerhalb seiner (schwach) radioaktiv belasteten Wohnumgebung aufhält. Aus diesem Grund haben die Naturfreunde Backnang jedes Jahr im August eine dreiwöchige Erholungsfreizeit für strahlengeschädigte Kinder aus der Tschernobylregion angeboten. Mit der diesjährigen Freizeit endete das Angebot, teilt Manfred Schiefer, Vorstandsmitglied der Backnanger Naturfreunde, mit.

Mit Wehmut blickt er auf die Zeit zurück, in der man den Kindern aus Tschernobyl drei unbeschwerte Wochen und damit einen Erholungsurlaub im Naturfreundehaus Sechselberg bescherte. Mehr als 26 Jahre habe man dieses Angebot gemacht, jetzt klappt es nicht mehr. Schiefer nennt zwei relevante Gründe: „Die Ressourcen der Ortsgruppe schwinden. Die Mitglieder werden älter, die Belastungen größer und der Aufwand wird nicht weniger“, bedauert er. Der Nachwuchs bei den Naturfreunden fehle: „Sie glauben ja gar nicht, was an diesem Angebot für eine Planung und Organisation dahintersteckt.“

Insgesamt sind laut Schiefer jedes Jahr zwischen 40 und 45 Kinder gekommen: „Diese haben wir aufgeteilt: Zwischen 20 und 22 Kinder kamen zu uns ins Naturfreundehaus, der andere Teil kam in den Schwarzwald zu einzelnen Familien.“ Doch diese Unterkünfte seien nun weggebrochen, da das Ehepaar, das diese Unterbringungsmöglichkeiten organisiert hatte, den Schwarzwald verlassen habe. „Und alle Kinder im Naturfreundehaus für weitere Erholungsfreizeiten unterzubringen, ist schlichtweg nicht möglich“, so Schiefer. Auch Alternativen gebe es nicht: „Meines Wissens nach gibt es keine Ortsgruppe, die so etwas abbietet.“

Insgesamt 520 Kinder und 104 erwachsene Betreuer waren seit 1994 zu Gast im Naturfreundehaus. Immer wieder erfuhren die Veranstalter in Rückmeldungen aus Weißrussland, dass sich viele Kinder teilweise von ihren gesundheitlichen Einschränkungen erholen konnten und Abstand gewannen von den Problemen, die sie mitunter in ihren Familien erleben müssen, berichtet Schiefer.

Als 1994 alles anfing, pflegte die damalige Vorsitzende der Backnanger Naturfreunde Kontakte mit einer Tschernobyl-Initiative im sächsischen Seifhennersdorf. Daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen Backnang und der Stadt Buda-Koschelewo, die schließlich dazu führte, dass Erholungsaufenthalte für strahlengeschädigte Kinder im Naturfreundehaus möglich wurden. Weitere Unterstützung erhielten die Backnanger dann auch von den Naturfreunden aus Untertürkheim. Um die Aufenthalte zu finanzieren, waren die Naturfreunde auf Spenden angewiesen. Schiefer: „Die Bereitschaft hierfür ist immer vorhanden und die Beteiligten bedanken sich auf diesem Weg bei allen Spendern für die finanzielle Hilfe und für die zahlreichen Sachspenden. Nicht zuletzt war das jährliche Erdbeerfest, bei dem gespendete Kuchen zugunsten des Erholungsaufenthalts verkauft wurden, ein wesentlicher Baustein für die Finanzierung der Aufenthalte.“ Auch wenn in den 26 Jahren zahlreiche medizinische Notfälle – von Augenverletzungen, Schultergelenkbruch bis zu Zahnproblemen – gemeistert werden mussten, die Aufenthalte waren für die Kinder immer ein besonderes Erlebnis. Die Ausflüge in die Wilhelma und in den Schwaben-Park, Besuche bei der Stadt Backnang, auf dem Stadtturm, bei der freiwilligen Feuerwehr, den Freibädern in Backnang und Oppenweiler, bei der Modellfluggruppe oder auch beim Hundesportverein in Backnang – den Kindern machten die gebotenen Aktivitäten riesigen Spaß. Neben dem enormen Aufwand, den der „Cheforganisator“ Peter Müller von der Backnanger Ortsgruppe alljährlich leistete, sind annähernd zwei Dutzend ehrenamtliche Helfer erforderlich, um die Aufgaben zu bewältigen. Zusätzlich zur Unterstützung der weißrussischen Betreuer durch Mitglieder der Naturfreunde aus Stuttgart und Backnang wurden die Kinder von ehrenamtlichen Küchenteams versorgt, die sich um das leibliche Wohl kümmerten. „Ein solcher Kraftakt ist nicht unbegrenzt möglich“, wiederholt sich Schiefer.

Den Naturfreunden falle es natürlich schwer, von dieser Tradition Abschied zu nehmen. Erleichtert werde der Abschied aber durch die Tatsache, dass sich die wirtschaftliche Situation in Weißrussland in den vergangenen Jahren etwas verbessert hat. Auch soll weiterhin der Kontakt nach Buda-Koschelewo aufrechterhalten bleiben und Projekte des dortigen Vereins „Den Kindern von Tschernobyl“ sollen unterstützt werden.

Info
Kleine Bilder, große Portionen: Auszüge aus dem Tagebuch der Naturfreunde

Als die ersten Tschernobyl-Kinder von 8. bis 21. August 1994 bei den Backnanger Naturfreunden zu Gast waren, führten die Betreuer Tagebuch. Hier einige Auszüge:

Nach dem Frühstück werden die Kuscheltiere verteilt. Eine sehr disziplinierte Aktion. Die Kinder akzeptieren, was sie bekommen.

Auf der Burg Beilstein übt die stärkste Faszination der Kiosk aus. Alle kaufen etwas und verstauen ihre Schätze im Rucksack.

Im Naturfreundehaus gibt es Gulasch mit Kartoffelpüree, ein gigantischer Erfolg. Der Hit ist jedoch ein Besuch im italienischen Eiscafé in Backnang. Die Kinder bestellen von kleinen Bildern und bekommen große Portionen.

Die Kinder sind fasziniert von deutscher Haustechnik. Sie lieben Staubsaugen. Vom Bullauge der Waschmaschine sind einige Mädchen nicht wegzukriegen.

Das frische Obst wird den Betreuern aus den Händen gerissen. Begeistert schütteln die Kinder die teilweise noch unreifen Äpfel von den Bäumen und essen sie mit Genuss.

Zum Abschied schreibt Dolmetscher Michail ins Tagebuch: „Liebe Freunde, wir haben nie gedacht, dass wir in Deutschland, wo nicht alle Leute wissen, was Belorussland ist und wo es sich befindet, so viele hilfsbereite Freunde haben. Diese Reise nach Deutschland war eine Überraschung für uns, weil wir nie etwas Ähnliches gesehen haben. Wir nehmen nicht nur dicke Koffer mit, sondern auch gute Erinnerungen.“

Die Kinder kamen teilweise nur mit einem Pappkarton als Reisegepäck. Manche hatten nicht einmal Strümpfe, geschweige denn Zahnbürste oder Seife. Alle waren strahlengeschädigt und deshalb nicht so ausdauernd und leistungsfähig wie gesunde Kinder in ihrem Alter.

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Erstellt:
6. September 2019, 06:00 Uhr

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