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„Es ist eben nicht egal, wie wir geboren werden“

Die Voraussetzungen für die Arbeit von Hebammen sind schlechter denn je. Jutta Eichenauer sieht in einer Aufwertung ihres Berufs eine Lösung, von der auch die Familien profitieren können. Es geht um die Frage: Wie viel ist uns die Geburt wert?

„Es ist eben nicht egal,
wie wir geboren werden“

© Valmedia - stock.adobe.com

Von Nicola Scharpf

Im Rahmen des Internationalen Hebammentags im Mai haben Sie darauf hingewiesen, dass die Voraussetzungen für die Arbeit der Hebammen schlechter denn je sind. Wie ist die aktuelle Lage Ihres Berufsstands?

Wie jeder andere Gesundheitsfachberuf haben auch wir mit der Pandemie zu kämpfen und allem, was damit zusammenhängt. Einerseits sollen wir persönliche Kontakte meiden oder so knapp wie möglich halten. Andererseits brauchen uns die Familien. Gleichzeitig ist über eine Sondervereinbarung mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen eine Regelung getroffen worden, dass wir Gespräche mittels Videokonferenz und Kurse digital anbieten können. Die Umstellung auf digital ist eine sehr große Herausforderung gewesen und ist es auch noch. Das zweite Problem in der Krise ist die Schutzkleidung. Baden-Württemberg ist aufgeteilt in 44 Landkreise und kreisfreie Städte, die Anforderungen sind entsprechend unterschiedlich. Dadurch gibt es keine klare Linie. Wir haben die Landesverordnungen mehrfach gelesen, konnten den Hebammenberuf nirgends wirklich wiederfinden. Man traut den Gesundheitsfachberufen zu, ihre Arbeit selbst zu beurteilen und entsprechende Maßnahmen zu treffen. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass man mir beziehungsweise uns dieses Urteilsvermögen zutraut. Auf der anderen Seite wünschen sich Kolleginnen durchaus eine klarere Marschroute, nicht zuletzt deswegen, weil sie sich nicht strafbar machen möchten.

Sehen Sie denn in der Krise auch eine Chance für Ihren Berufsstand?

Wir wissen am Ende der Pandemie, auf was es ankommt, um mit einer vergleichbaren Situation in Zukunft zurechtzukommen. Wir wünschen uns, dass diese Lippenbekenntnisse zu Beginn, dieser Applaus, den man den Pflegeberufen und Gesundheitsfachberufen hat zukommen lassen, dass es hierbei nicht bleibt, sondern nach der Pandemie die entsprechend versprochenen Maßnahmen für die systemrelevanten Berufe auch getroffen werden. Eine Hebammenbevollmächtigte auf behördlicher Ebene wäre eine große Hilfe. Sie kennt den Beruf und weiß, wie Hebammen ihren Beruf ausüben und was sie brauchen. Es hat mehrerer Anläufe bedurft, dass wir auf die Liste derer gekommen sind, die Schutzkleidung brauchen. Aus den endlosen telefonischen Beratungen der Kolleginnen habe ich von unterschiedlichen Ideen erfahren, wie die Betreuung positiv getesteter Mutter-KindPaare ablaufen könnte, ohne dass sich hier jede Hebamme dem Risiko der Ansteckung aussetzt und sich damit das Risiko der Weiterverbreitung des Virus erhöht: Zentralen bilden, in denen positiv getestete Mutter-Kind-Paare betreut werden. Oder die Entwicklung von Hebammenteams, die nur für diese Mutter-Kind-Paare zuständig sind. Diese Idee zusammenzutragen, bekannt zu machen, gehört zur Nacharbeit.

Das heißt, es steckt noch viel Denkarbeit in der Aufbereitung der Krise?

Ja. Die Idee einer Hebammenbevollmächtigten werden wir im Auge behalten, wenn es um die Coronanachlese geht.

Ist das jetzt, wo die Akademisierung Ihres Berufs durch ist, das neue Thema für Sie als Vorsitzende des Landesverbands?

Bezüglich der Akademisierung sind das Gesetz sowie die Studien- und Prüfungsordnung verabschiedet. Jetzt geht es in die Umsetzung. Gott sei Dank holen wir uns das Thema jetzt wieder auf den Schreibtisch, das darf uns nicht verloren gehen.

Warum ist ein Studium der richtige Zugang zum Hebammenberuf?

Die Arbeit der Hebamme hat sich in den letzten 30 Jahren enorm verändert, ist immer komplexer geworden. Als medizinischer Fachberuf ist auch am Hebammenberuf der medizinische Fortschritt nicht stehen geblieben. Erkenntnisse bezüglich diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten haben sich vervielfacht. Wir müssen diese kennen, berücksichtigen, darüber informieren und auch aufklären können. Wir brauchen ein breites, fundiertes, gutes Wissen, um diese komplexe Arbeit bewältigen zu können. Der Hebammenberuf ist ein autonomer Beruf und weisungsungebunden. Schon immer arbeiten Hebammen entsprechend den veränderten Anforderungen, wir haben eine in der Berufsordnung festgeschriebene Fortbildungspflicht. Trotzdem ist es notwendig, dass endlich die Ausbildung angepasst wird. Außerdem entspricht es der europäischen Norm, auf die man sich im Jahr 2005 geeinigt hat. 2013 wurden europaweit gültige, besondere Mindeststandards festgesetzt, die sich in der Akademisierung ausdrücken. Die Umsetzung musste bis 2020 abgeschlossen sein. Das heißt, wir wissen seit 2013, dass bis Januar 2020 die Ausbildung auf akademisches Niveau umgestellt sein muss, und haben erst Ende letzten Jahres das Gesetz verabschiedet, als letztes EU-Land.

...bestimmt, weil das Gesetz sieben Jahre lang gut vorbereitet wurde?

(Lacht) „Dazu sage ich jetzt nichts. Wir dürfen uns keine lange Übergangssituation mehr erlauben, weil die Kolleginnen, die wir im Moment noch herkömmlich ausbilden, in der EU nicht automatisch anerkannt sind.

Wo soll es in Baden-Württemberg den neuen Studiengang geben?

Wir hoffen natürlich an mehreren Standorten. Wir haben im Moment zehn Hebammenschulen, von denen viele ausbildungsintegrierend schon Studienmöglichkeiten anbieten. Für uns ist es naheliegend, dass die Standorte, die das jetzt anbieten, nachher auch den primär qualifizierenden Studiengang anbieten. Wir haben neben den Standorten der dualen Hochschulen die medizinische Fakultät in Tübingen, die jetzt umschreibt auf die neuen Studienbedingungen, und hoffen, dass sich noch weitere Hochschulen bewerben für den neuen Studiengang. Das entscheidet sich im Laufe dieses Jahres.

Im Moment ist ja der Hebammenmangel ein Problem für werdende Mütter. Das Studium ist der richtige Weg, um den Beruf wieder attraktiver zu machen?

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkasse behauptet immer, dass es mehr Hebammen gäbe denn je, die Anzahl der Bewerberinnen und Absolventinnen hat zugenommen. Aber niemand recherchiert, wieviel die Kolleginnen jeweils arbeiten. Dieser Beruf ist einfach unattraktiv, wenn ich die Arbeit im mittleren Beschäftigungsverhältnis ausübe. Freiberufliche Hebammen bleiben entweder unter der Mindestgrenze der Sozialversicherungspflicht oder arbeiten sehr viel. Das dazwischen lohnt sich nicht, weil unsere Betriebsausgaben so hoch sind. Aufgrund der desolaten Rahmenbedingungen sind auch im Angestelltenbereich Hebammen in hohem Maß teilzeitbeschäftigt.

Aber ein Studium ändert an dieser Bedingung zunächst einmal nichts.

Durch das Studium ist die Bildungssackgasse offen. Das heißt, es gibt mehrere Möglichkeiten, einen Karriereweg einzuschlagen. Im Gesetz wird auch Wert auf interprofessionelles Lernen gelegt. Die verschiedenen Medizinfachberufe sollen voneinander und miteinander lernen. Damit lassen sich Barrieren zwischen den Berufen überwinden und Hierarchien abbauen für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und wenn wir eine Aufwertung des Berufs haben, wird es sich hoffentlich auch irgendwann im Finanziellen niederschlagen.

Wie können werdende Eltern oder frischgebackene Mütter von diesen neuen Strukturen, die aufgebaut werden, profitieren?

Derzeit haben Schwangere und werdende Eltern mehrere sehr unterschiedliche Anlaufstellen für die vielen verschiedenen Fragen. Diese sind nicht wirklich miteinander vernetzt. Frauenärztinnen, Hebammen, die Frühen Hilfen, Physiotherapeutinnen, Psychotherapeutinnen, Ernährungsberaterinnen, Kinderärztinnen für die Zeit nach der Geburt, eben die unterschiedlichen ambulanten Versorgungssysteme: Frauen müssen lange suchen, um herauszufinden, welches Angebot für sie das Richtige ist. Wenn wir miteinander vernetzt arbeiten, wäre diese Fragmentierung aufgehoben.

Also liegt in einer größeren Übersichtlichkeit der Gewinn für die Frauen?

Die Frauen nehmen sehr früh in der Schwangerschaft Kontakt mit einer Hebamme auf, sie kennen ihre Rechte genau und suchen den Rat. Die Hebamme als Primärversorgerin würde die Physiologie stärken und könnte dann auch als Lotsin in die anderen Hilfesysteme fungieren. Das wäre ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung für die Familien. Das familiäre Netz war früher, als ich begonnen habe, als Hebamme zu arbeiten, ausgeprägter. Und das Selbstverständnis der Frauen war damals ein anderes. Sie haben sich nicht selbst so überfordert. Sie wollten auch alles gut machen. Aber dieses gesellschaftliche Diktat, hier auch noch perfekt sein zu müssen, steht den Frauen oft im Weg. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, unter welchen Anforderungen die Frauen stehen. Nein, die Familien, ich beziehe die Männer mit ein, die haben mittlerweile auch eine ganz andere Rolle.

Können Sie da gegenwirken?

Ich versuche, den Druck zu nehmen. Ich versuche, zu erklären: Was bedeutet es, schwanger zu sein, Wöchnerin zu sein? Wenn ein erstes Kind geboren wird, werden immer auch eine Mutter und ein Vater neu geboren. Die müssen erst hineinwachsen in die Rolle. Es ist die Gratwanderung zwischen beraten, informieren, aufklären, manchmal auch vorschreiben. Es gibt kein Rezept. Das ist aber das, was die moderne Gesellschaft möchte. Die Frauen möchten Verfahrensanleitungen. Und die gibt’s nicht.

Als freiberufliche Hebamme kooperieren Sie mit dem Backnanger Geburtshaus. Dort ist jüngst das 200. Baby auf die Welt gekommen. Ein Erfolgsmodell?

Ich bin eine Vertreterin der außerklinischen Geburtshilfe, auch der Hausgeburt, und schätze das Angebot des Geburtshauses sehr. Wenn ich als Schwangere oder Gebärende ins Geburtshaus gehe, weiß ich: Ich habe meine Hebamme für mich. Wenn ich in einen großen Kreißsaal gehe, weiß ich nicht, mit wie vielen Frauen ich meine Hebamme teilen muss. Die Kliniken stellen langsam um, sie versuchen, die Stellen aufzustocken. Sie erkennen, wie wichtig die Hebammenversorgung im Kreißsaal ist. Aber das Konzept des Hebammenkreißsaals, in dem ausschließlich Hebammen arbeiten, gibt es in Baden-Württemberg noch sehr wenig. Wir täten gut daran, da umzustellen. Ich wünsche mir mehr das, wie es im Geburtshaus abläuft, für alle Frauen: Es wird beispielsweise jede Geburt nachbesprochen mit einem Abstand von mehreren Wochen und nicht drei Tage nach der Geburt, wie es beim Entlassungsgespräch bei einer Geburt im Krankenhaus abläuft. Als Hebamme in der Freiberuflichkeit merke ich, dass eine eventuelle Traumatisierung durch die Geburt zeitlich hinterherrückt. In solch einem Fall rate ich der Frau, einen Termin auszumachen in der Klinik mit dem geburtshilflichen Team, um die Geburt nochmals zu besprechen.

Wenn man so ein Trauma nicht angeht, kann es einen immer wieder einholen?

Das glaube ich schon. Vor allen Dingen verhindert es vielleicht eine zweite Schwangerschaft. Das finde ich schade, weil eine zweite Geburt oft heilend sein kann. Ich weiß von vielen Klinikteams, dass sie die Geburten unter sich nachbesprechen. Das muss Standard werden, nicht nur wenn es eine besondere Situation war. Aber diese ganzen positiven Veränderungen stehen und fallen mit genügend Personal. Darauf kommt es an. Man muss überlegen: Was ist einer Gesellschaft die Geburt wert? Was ist es uns wert, so gut wie möglich in dieses Leben zu starten? Es ist eben nicht egal, wie wir geboren werden. Ich finde es sehr wichtig, dass wir den Anfang so sensibel und willkommend wie möglich gestalten.

„Es ist eben nicht egal,
wie wir geboren werden“
Geburtshelferin seit 37 Jahren

Die Backnanger Hebamme Jutta Eichenauer hat 1983 ihr Examen als Hebamme abgelegt.

1987 hat sie die Weiterbildung zur Lehrerin für Hebammenwesen absolviert.

Sie ist eine der freiberuflichen Hebammen, die mit dem Backnanger Hebammen- und Geburtshaus kooperieren.

Seit 2012 ist sie erste Vorsitzende des Landeshebammenverbands Baden-Württemberg. Auf ihre Initiative geht der runde Tisch Geburtshilfe zurück, der sich im Januar 2017 konstituiert hat. Beteiligt sind neben der Politik unter anderem Ärzte, Hebammen, Krankenhäuser und Kostenträger.

Auf Bundesebene ist sie eine von zwei Ländervertreterinnen in einer Bildungskommission des Deutschen Hebammenverbands, die sich mit der Akademisierung des Hebammenberufs beschäftigt.

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Erstellt:
6. Juni 2020, 16:00 Uhr

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