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Europa liebt es schwarz-weiß

Bester Film: „Cold War“ aus Polen räumt bei Filmpreis-Gala ab – Marie Bäumer geht leer aus

Auszeichnung - Beim Europäischen Filmpreis ist das polnische Drama „Cold War“ der große Gewinner. Marie Bäumer, die für ihre Rolle in „3 Tage in Quiberon“ nominiert war, geht leer aus.

Sevilla Wenn die Europäische Filmakademie einen Film wirklich liebt, dann kennt ihre Begeisterung keine Grenzen. Nach sechs Auszeichnungen für „The Square“ im Vorjahr und fünf für „Toni Erdmann“ 2016, gab es entsprechend auch in diesem Jahr einen großen Abräumer beim Europäischen Filmpreis, der am Samstag in Sevilla zum 31. Mal vergeben wurde. „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“, das schwarz-weiße Liebesdrama des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski, wurde in fünf Kategorien geehrt, nicht nur als bester Film des Jahres, sondern auch für die Regie, das Drehbuch, die beste Hauptdarstellerin (Joanna Kulig) sowie den Schnitt.

Überraschend kam der Preisregen für den Film, der aktuell auch in den deutschen Kinos läuft, nicht. Schon bei der Weltpremiere in Cannes wurde Pawlikowski, der sich für die tragische, über 20 Jahre streckende Geschichte der Liebe zwischen dem Pianisten Wiktor und der Sängerin Zula im vom Eisernen Vorhang durchzogenen Europa auch von der Beziehung seiner eigenen Eltern inspirieren ließ, als bester Regisseur geehrt. Zuletzt zeichnete den polnischen Oscar-Anwärter sogar der Verband der New Yorker Filmkritiker aus.

Ein wenig schade ist es aber doch, dass sich die Vielfalt eines insgesamt starken Jahrgangs europäischer Filme (und des Festivals in Cannes, wo sämtlich als Bester Film nominierte Werke Premiere feierten) nicht auch in der Gewinnerliste niederschlug. Matteo Garrones Gangsterfilm „Dogman“ wurde immerhin in Gestalt des Hauptdarstellers Marcello Fonte prämiert, während der junge Belgier Lukas Dhont den Preis für das beste Erstlingswerk für „Girl“ mit nach Hause nehmen durfte, die Geschichte einer Transgender-Ballerina. Beste Komödie wurde „The Death of Stalin“ des Briten Armando Iannucci.

Erstaunlich ist, dass mit „Cold War“ ausgerechnet der unpolitischste der nominierten Filme mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Pawlikowski erzählt zwar eine dezidiert gesamteuropäische Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges, die nicht nur in Polen, sondern auch in Berlin und Paris spielt, doch seinen Fokus richtet er dabei – neben den erlesenen Bildern – vor allem auf das emotionale Drama seiner Figuren. Seine Konkurrenten widmen sich dagegen ganz dezidiert den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Zuständen und Strukturen, sei es metaphorisch und mit Fantasy-Elementen, wie der iranisch-schwedische Regisseur Ali Abassi mit „Border“, oder auch ganz handfest, wenn auch mit märchenhaftem Einschlag, wie in „Glücklich wie Lazarro“ der Italienerin Alice Rohrwacher. Gerade diesen beiden ungewöhnlichen Filmen hätte man sehr gewünscht, dass sie am Samstag nicht kompletten leer ausgegangen wären.

Während Pawlikowski auch in seinen zahlreichen Dankesreden lieber persönlich blieb als politisch zu werden, wurden ansonsten – wie beim Europäischen Filmpreis üblich – politische Statements durchaus großgeschrieben. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland und der britische Produzent Mike Downey, beide langjährige Vorstandsmitglieder der Europäischen Filmakademie, bekannten sich stellvertretend für alle Anwesenden in eindringlichen Plädoyers solidarisch mit den russischen Filmemachern Oleg Senzow und Kirill Serebrennikow, die in ihrer Heimat noch immer in Haft sitzen beziehungsweise unter Hausarrest stehen. Und Regisseur Costa-Gavras sowie Ralph Fiennes, die wie die spanische Schauspielerin Carmen Maura mit Ehrenpreisen bedacht wurden, wiesen in ihren Dankesreden nicht nur sorgenvoll auf die Krise hin, in der Europa angesichts von Brexit und wachsendem Populismus steckt, sondern betonten auch die Relevanz von künstlerischer Freiheit, Vielfalt und Engagement gerade in Zeiten wie diesen.

Dass das deutsche Kino beim diesjährigen Europäischen Filmpreis eine untergeordnete Rolle spielte, war bei so viel Begeisterung für die europäische Idee fast nebensächlich. In den Hauptkategorien gab es überhaupt nur eine einzige Nominierung, doch Marie Bäumer hatte mit ihrer Rolle als Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“ gegen die „Cold War“-Begeisterung keine Chance. Immerhin zwei kleinere Preise gingen aber doch noch nach Deutschland: Christoph M. Kaiser und Julian Maas wurden für ihre Musik zu „3 Tage in Quiberon“ geehrt, während Martin Steyer und André Bendocchi-Alves den Preis für den Besten Ton für „Der Hauptmann“ entgegennehmen durften.

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Erstellt:
17. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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