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Experten fordern bessere Erstversorgung von Gewaltopfern

dpa/lsw Stuttgart/Heidelberg. Die Heidelberger Gewaltambulanz sollte aus Sicht von Experten und Politikern Schule machen. Eine Frage bleibt aber unbeantwortet: Wer soll das bezahlen?

Eine Ärztin untersucht in einem Behandlungszimmer eine Frau. Foto: Christoph Schmidt/dpa/

Eine Ärztin untersucht in einem Behandlungszimmer eine Frau. Foto: Christoph Schmidt/dpa/

Die akute Versorgung von Gewaltopfern lässt aus Sicht von Experten in Deutschland schwer zu wünschen übrig. „So wie Menschen mit Augenproblemen zum Augenarzt gehen können, sollte es für Gewaltopfer selbstverständlich sein, zum Gewaltarzt zu gehen“, sagte die Direktorin der Gewaltambulanz in Heidelberg, Kathrin Yen, bei einem Fachkongress am Mittwoch in Stuttgart. In Deutschland gebe es aber nur eine Hand voll solcher Ambulanzen und auch in Baden-Württemberg nur die Einrichtung am Heidelberger Institut für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin.

Die Möglichkeit einer raschen Sicherung und Dokumentation von Spuren an Körper und Kleidung sei jedoch unverzichtbar für die Aufklärung eines Falls, für die strafrechtliche Verfolgung der Täter und eventuelle Gerichtsverfahren, sagte die Professorin.

Staatssekretärin Bärbl Mielich (Grüne) lobte die Heidelberger Ambulanz als vom Land mit 150 000 Euro jährlich gefördertes Leuchtturmprojekt; doch auch andere Kliniken im Land unterstützen die Frauen in ihrer Not. Schwierig seien fehlende Standards bei den medizinischen Verfahren und Abrechnungsprobleme mit den Kassen. Der Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sei richtig, die gesetzlichen Krankenkassen künftig die Kosten für die Spurensicherung bei sexualisierter Gewalt übernehmen zu lassen - und das auch ohne Anzeige der Betroffenen bei der Polizei.

Für Baden-Württemberg fordert der Landeschef der Opferschutzorganisation Weißer Ring, Erwin Hetger, Gewaltambulanzen mindestens an den vier Unikliniken. Das sind neben Heidelberg Ulm, Tübingen und Freiburg. Er betonte: „Man kann doch keiner Frau, die in Konstanz vergewaltigt wurde, zumuten, nach Heidelberg zu fahren.“ Nach Berechnungen von Yen würde ein flächendeckender Ausbau das Land zwischen zwei und drei Millionen Euro kosten.

Auf der anderen Seite machen Hetger und Yen aber auch Einsparpotenziale aus: Hetger sieht eine Entlastung der Justiz bei klarer Beweislage. Nach Worten Yens sind die Folgekosten von sexuellem Missbrauch enorm - einer Studie zufolge sind es für Deutschland elf Milliarden Euro im Jahr. Gründe seien weitere ärztliche Behandlungen sowie Ausfälle bei Ausbildung und Schule. Die rechtsmedizinische Abklärung und Beratung trügen dazu bei, dass missbrauchte Kinder und Opfer häuslicher Gewalt aus ihrer Notlage befreit und so Kosten gespart würden.

Die Direktorin der Heidelberger Klinik für Allgemeine Psychiatrie, Sabine Herpertz, wies darauf hin, dass Erwachsene mit psychischen Problemen zu 30 Prozent sexuellen Missbrauch erlebt hätten. Gewaltopfer tendierten dazu, selbst übergriffig zu werden. „Oft werden Gewalterfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben.“

Der Polizeiliche Kriminalitätsstatistik verzeichnete für 2018 bundesweit mehr als 9200 sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sowie 12 000 Sexualstrafdelikte an Kindern. Die Heidelberger Rechtsmediziner registrieren eine steigende Zahl junger Gewaltopfer unter den bis Jahresende gen 500 Fällen. Es sei nicht immer leicht, ein Kind aus einem ihm gefährlichen Umfeld herauszunehmen. Das Problem: Die Jugendämter scheuten sich, Anzeige zu erstatten. Sie wollten die Familien zusammenhalten.

Yen fordert deshalb, dass Ärzte in Kliniken und Praxen bei Verdacht auf Kindesmissbrauch Anzeige erstatten müssen. Eine solche Verpflichtung bestehe etwa in Österreich. Bislang sehe das Bundeskinderschutzgesetz vor, dass Ärzte bei Verdacht primär nicht die Polizei informieren, sondern die Jugendämter.

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Erstellt:
20. November 2019, 14:04 Uhr

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