EZB: Banken erst 2022 auf Vor-Krisen-Niveau

dpa Frankfurt/Main. Klimawandel, Digitalisierung, Corona-Schulden - die europäische Finanzbranche steht vor gewaltigen Herausforderungen. Im internationalen Wettbewerb jedoch sind hiesige Banken meist Leichtgewichte.

Die Corona-Krise zwingt Europas Banken zu einem beschleunigten Umbau. Foto: Boris Roessler/dpa

Die Corona-Krise zwingt Europas Banken zu einem beschleunigten Umbau. Foto: Boris Roessler/dpa

Die Corona-Krise zwingt Europas Banken zu einem beschleunigten Umbau. „Die Notwendigkeit, strukturelle Probleme anzugehen, ist jetzt dringender denn je“, mahnte der Vize-Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Luis de Guindos, am Montag.

Es sei „dringend erforderlich, strukturelle Schwächen im europäischen Bankensektor zu beseitigen, indem Überkapazitäten abgebaut und die Kosteneffizienz verbessert werden, um die anhaltend niedrige Profitabilität zu beheben“.

Zwar hätten die Institute in der Pandemie ihre Bemühungen zur Senkung von Kosten verstärkt. Sie müssten aber noch härter auf eine höhere Effizienz hinarbeiten. „Konsolidierung durch Fusionen und Übernahmen ist ein weiterer potenzieller Weg, um Überkapazitäten in diesem Sektor abzubauen“, bekräftigte de Guindos in einer schriftlich veröffentlichten Rede zur Konferenz „Euro Finance Week“.

Nach Einschätzung der EZB werden die Banken noch lange mit den Folgen der Corona-Krise zu schaffen haben. Das Vor-Krisen-Niveau bei der Profitabilität sei nicht vor 2022 zu erwarten, führte de Guindos aus. Die Notenbank mit Sitz in Frankfurt ist seit November 2014 auch die zentrale Aufsicht für die größten Banken und Bankengruppen im Euroraum. Derzeit sind dies 113 Institute, die für fast 82 Prozent des Marktes im Währungsraum der 19 Länder stehen.

Auch Bundesbank-Vorständin Sabine Mauderer mahnte bei der per Videoschalte übertragenen Konferenz: „Der strukturelle Wandel im Bankensektor sollte (...) nicht unnötig verzögert werden. Dazu gehört auch, dass Banken ohne tragfähiges Geschäftsmodell letztlich aus dem Markt ausscheiden können, ohne die Finanzstabilität zu gefährden.“

Europas oberste Bankenabwicklerin, Elke König, rechnet nicht damit, dass infolge der Corona-Krise reihenweise Banken in Schieflage geraten werden. „Wir haben kein flächendeckendes Risiko“, sagte die Chefin der gemeinsamen europäischen Bankenabwicklungsbehörde. Es sehe so aus, dass das Gros der Banken gut durch die Krise kommen werde.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing forderte die Branche auf, Kräfte zu bündeln. Die Zersplitterung sei das größte Strukturproblem des Sektors in Europa, betonte Sewing. „Mehr als 5000 Finanzinstitute in Europa sind einfach viel zu viele.“ Von den 20 größten Banken der Welt habe keine mehr ihren Sitz in der Europäischen Union.

Zwar erweise sich die Branche in der Corona-Krise als robuster als noch vor zehn Jahren, bilanzierte Sewing. „Doch wir sind vielfach schlicht nicht profitabel genug, um selbst weiteres Kapital und damit weitere Kapazität für unser Geschäft zu generieren.“ Der Manager, der der Deutschen Bank im Sommer 2019 einen tiefgreifenden Umbau verordnet hat, betonte: „Wir Banken müssen weiter an unseren Kosten arbeiten, wir müssen in unsere Technologie investieren, wir müssen innovativer werden.“

Vor allem aber müssten Banken sich auf ihre Stärken konzentrieren, sagte Sewing. „Nur mit starken Banken und einem starken Kapitalmarkt wird Europa die Mittel aufbringen für den Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.“

Gefragt nach der Rolle der Deutschen Bank bei einer Neuordnung des Sektors über Landesgrenzen hinweg, sagte Sewing Deutschlands größtes Geldhaus befinde sich gerade „in der heißen Phase der Transformation“: „Dann wollen wir uns mit einer höheren Profitabilität dem Markt stellen.“ Dafür brauche die Deutsche Bank nach seiner Einschätzung noch die nächsten 12 bis 15 Monate.

Mit dem radikalen Konzernumbau will die Deutsche Bank nach einer Serie von Verlustjahren wieder in die Erfolgsspur zurückkehren. Das lange verlustreiche Geschäft der hauseigenen Investmentbank wurde zurechtgestutzt, aus dem weltweiten Aktienhandel zog sich die Bank zurück. Bis Ende 2022 soll die Zahl der Vollzeitstellen im Konzern um etwa 18.000 auf weltweit 74.000 verringert werden. Im Heimatmarkt Deutschland will das Institut jede fünfte Filiale schließen und das Netz auf 400 Standorte schrumpfen

Der Trend zum Online-Banking wird sich aus Sicht von ING-Deutschlandchef Nick Jue auch nach der Corona-Pandemie nicht zurückdrehen lassen: „Ich glaube, das neue Normal geht nie wieder weg. Wenn man gewöhnt ist, alles digital zu machen, dann bleibt das.“ Während andere Institute reihenweise Filialen schließen und Jobs abbauen, hat die ING in Deutschland nie Geschäftsstellen eröffnet. Trotzdem fallen durch die Digitalisierung auch bei der Direktbank Arbeiten für einen Teil der Mitarbeiter weg. Es gelte, diese Menschen müsse für andere Aufgaben einzusetzen, sagte Jue. So wolle die ING Deutschland Ende 2020 oder Anfang 2021 eine Beratung für Kunden auf digitalem Weg einführen.

© dpa-infocom, dpa:201116-99-349749/3

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Erstellt:
16. November 2020, 12:22 Uhr

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