Facebook auf der Anklagebank

Auf dem Technikfestival South by Southwest in Austin werden Internetkonzerne von vielen Seiten angegriffen

Roger McNamee hat einst Mark Zuckerberg beraten, den Gründer von Facebook. Heute kritisiert er ihn massiv – wie andere auch. Gründer suchen nun ihre Chance.

Austin In den Hochhausschluchten von Austin ist etwas Ungewöhnliches ins Rollen gekommen. Das Fahrgerät besteht aus einem gut handbreiten Trittbrett sowie einer senkrecht aufragenden Stange mit Elektromotor und Griff. Die Elektroroller sind – je nach Hersteller – quietschgrün, rot oder blau. Das Zentrum der texanischen Millionenstadt ist in diesen Tagen während des Technikfestivals South by Southwest für Autos gesperrt, aber die Roller sind einfach überall, Hunderte von Konferenzteilnehmern aus aller Welt flitzen über den Asphalt. Der US-Konzern Uber, der weltweit mit privaten Fahrern das Taxigewerbe angreift, ist in das Geschäft mit den Elektrorollern eingestiegen – und wird dort selbst von kleinen Konkurrenten wie Lime und Bird angegriffen, die bis vor Kurzem noch niemand kannte.

Die Lage ist unübersichtlich geworden, nicht nur in Texas, sondern auf der ganzen Welt, wo digitale Geschäftsmodelle die Wirtschaft umkrempeln. In Austin diskutieren in diesen Tagen Zehntausende von Besuchern, ob Facebook, Google und Amazon die Welt bereichern – oder nur sich selbst. Roger McNamee schwenkt die Fahne der Konterrevolutionäre. Er hat in Facebook investiert, als das Unternehmen noch keiner kannte, er hat Mark Zuckerberg beraten, als dessen Name nur amerikanischen College-Studenten geläufig war. Inzwischen ist McNamee vom Glauben abgefallen. Vom Glauben an das Gute in Facebook. Der 62-Jährige trägt an diesem Tag Jeans, offenes Hemd – und sein Herz auf der Zunge: „Ist es wirklich legitim, dass ein Unternehmen unsere Finanzdaten kennt, weiß, ob wir krank sind oder wen wir gestern besucht haben, und anschließend unsere Daten an denjenigen weiterverkauft, der am meisten dafür bezahlt?“

McNamee erzählt davon, wie er frühzeitig von den US-Wahlkampfmanipulationen der Firma Cambridge Analytica erfuhr, die Facebook-Nutzerprofile analysierte, und wie er versuchte, mit Zuckerberg darüber ins Gespräch zu kommen. Doch der Tech-Gigant hat – keinen Redebedarf. „Die Konzerne behaupten oft, sie seien nur die Plattform und damit moralisch nicht dafür verantwortlich, was mit der Gesellschaft passiert. Das ist mir zu bequem.“ Der Investor, der sich früher niemals hätte träumen lassen, dass sich Facebook in etwas Schädliches würde verwandeln können, hat über diese Metamorphose des Konzerns ein Buch geschrieben. „Zucked“ heißt es, und es liest sich wie eine Abrechnung mit einem einst guten Freund, der einen enttäuscht hat. Mit seinen Thesen hat sich McNamee auf den Titel des „Time“-Magazins katapultiert, seine Insider-Kritik befeuert die politische Debatte in den USA. Auf der South by South­west überbieten sich die demokratischen Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen 2020 in ihrer Kritik an den Tech-Giganten. Eine der bekanntesten von ihnen, die Senatorin Elizabeth Warren, geht in Austin zum Frontalangriff über. Google, Facebook und Amazon seien zu mächtig geworden, sie sollten daher zerschlagen werden. Konkret: Facebook solle sich von seinen milliardenschweren Zukäufen Instagram und Whats­app trennen.

„Heute verleiben sich die großen Konzerne doch jedes Start-up ein, das sie interessant finden. Damit ersticken sie jede mögliche Konkurrenz schon im Keim“, sagt Roger McNamee. „Jetzt beginnt endlich eine Diskussion darüber, welche Geschäftsmodelle uns in Wahrheit schaden.“ In Texas ploppt die Debatte an jeder Straßenecke auf. Der Chef der französischen Telekommunikationsbehörde verbreitet Vorschläge, wie die Macht der Mächtigsten mit neuen Wettbewerbsregeln für „superdominante Konzerne“ begrenzt werden könnte. Die EU schickt ihre Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager nach Austin. Die Dänin sagt mit Blick auf Facebook: „Wir wollen Innovationen – aber zu menschlichen Bedingungen.“

In Texas bricht eine Morgenröte heran, die eine Ahnung von einer digitalen Welt von übermorgen verleiht, in der nicht nur die großen Mitspieler wie Amazon und Google immer größer werden. In der es weiterhin um Profite gehen wird, diese aber strengeren ethischen Regeln unterworfen sein könnten. Doch wer hat die besten Ideen und damit den wichtigsten Treibstoff für die Zukunft? Aus Baden-Württemberg mischt SAP in Austin mit – der größte europäische Softwarekonzern aus Walldorf hat vor seinem Pavillon einen Spielplatz für Erwachsene aufgebaut, Festivalbesucher hetzen in mit digitaler Technik ausgestatteten Joggingschuhen durch eine virtuelle Landschaft.

Die Sixth Avenue ist die Partymeile der South by Southwest. Frank Dürr und Norbert Ropelt sind zum ersten Mal in Austin dabei. Bei Bier und Tandoori-Hühnchen erzählen die beiden Gründer aus Tübingen und Stuttgart von ihrem Start-up: Sie bauen am Rechner Einkaufswelten dreidimensional nach. „Wer heute im Netz einkauft, kennt die zweidimensionalen Webshops von Amazon und Zalando mit ihrer langweiligen und emotionslosen Optik“, erzählt Frank Dürr. „Wir wollen das ändern.“

Wer groß werden will, muss auf sich aufmerksam machen. In der Gründerszene heißt das „Pitchen“ – Norbert Ropelt erzählt, wie er in Austin auf einer Bühne Start-ups aus aller Welt gesehen hat. „Die haben in zwei Minuten ihr Geschäftsmodell vorgestellt und dabei genau darauf geachtet, worauf die Investoren abfahren könnten, das war rhetorisch perfekt. Wir hingegen haben damit null Erfahrung.“ So gab es für die beiden Mittdreißiger aus dem Land Nachhilfe in Sachen Selbstvermarktung. „Wir haben uns auf die Terrasse unserer amerikanischen Unterkunft gestellt und unsere Auftritte geprobt“, erzählt Frank Dürr. Die beiden Gründer sind mit ihrem Start-up Cuuub Teil einer baden-württembergischen Delegation, die sich in Austin vom amerikanischen Schwung anstecken lassen will. Zehn Start-ups knüpfen in Austin Kontakte, treffen Investoren und lassen sich Mut machen vom amerikanischen Gründergeist: Jeder darf hinfallen, wenn er anschließend wieder aufstehen kann.

Das gilt auch für die zahllosen Elektroroller in Austin, die per App bezahlt werden – Uber verlangt für seine Mini-Stadtflitzer 15 Cent pro Minute. Diese nächste Revolution aus der Technikwelt könnte demnächst auch in deutschen Innenstädten Furore machen.

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Erstellt:
12. März 2019, 03:04 Uhr

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