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Mehr Strecken zum Fahrplanwechsel: Mangel an Lokführern

dpa/lsw Stuttgart. Eigentlich müssten die Signale auf Grün stehen für die Bahnbetreiber: zum Fahrplanwechsel wollen sie ihre Angebote auf der Schiene landesweit ausbauen. Allerdings haben sie die Rechnung ohne die Hersteller der neuen Züge gemacht. Und Lokführer fehlen auch.

Blick auf den Hauptbahnhof in Stuttgart. Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Blick auf den Hauptbahnhof in Stuttgart. Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Mehr Strecken, neue Züge, ein besserer Takt - mit den neuen Fahrplänen wollen die Bahn-Betreiber ihr Angebot auf der baden-württembergischen Schiene zwar ausbauen und ihr Image polieren. Allerdings kämpfen fast alle Anbieter zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember mit fehlenden Zügen und einem deutlichen Mangel an Lokführern. Außerdem ist noch nicht klar, mit welchen Entschädigungen die Bahn rechnen kann, weil viele bestellte Züge von den Herstellern zu spät geliefert worden sind.

„Wir sind mit den Herstellern, die die Fahrzeuge nicht rechtzeitig geliefert haben, in Gesprächen“, sagte Landesverkehrsminister Winfried Hermann am Montag in Stuttgart. Es werde ein Treffen im Januar geben. Der grüne Minister bezeichnete Bombardier und Stadler als „Hauptverursacher des Problems“ und kritisierte: „Ich hätte nicht gedacht, dass einer der größten Hersteller für Schienenfahrzeuge nicht in der Lage ist, Fahrzeuge nur einigermaßen pünktlich zu liefern. Und ich hätte nie gedacht, dass eine Musterfirma wie Stadler aus der Schweiz nicht pünktlich ist.“

Vertreter der Betreiber Abellio, Go Ahead und SWEG forderten Entschädigungen für die Lieferprobleme. Diese müssen von den Betreibern direkt bei den Herstellern eingefordert werden, während das Land wegen der Verspätungen seinerseits die Betreiber in Regress nehmen kann. Das auf diesem Weg durch das Land eingenommene Strafgeld will Hermann nach eigenen Angaben „zurück ins System stecken“.

Weder die Betreiber noch das Land machten Angaben zur Höhe möglicher Zahlungen durch die Hersteller. Eine Vertragsstrafe sei aber Teil der Verträge. Eine Stadler Rail-Sprecherin wollte sich zu den Gesprächen nicht äußern. Michael Fohrer, Deutschlandchef bei Bombardier Transportation, sagte auf Anfrage: „Wir stehen zu unseren vertraglichen Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden Abellio und SWEG.“ Die Verzögerungen seien in den Bereichen Software-Entwicklung und Produktion verursacht worden. Der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Jochen Haußmann, forderte einen Entschädigungsfonds des Landes für Pendler.

Nach eigenen Angaben hat Stadler Rail die bestellten Züge im Juni zwar pünktlich an den Betreiber Go Ahead geliefert. Allerdings sei unter anderem wegen der Software in den neuen Zug-Modellen der Sommer-Start nicht reibungslos verlaufen, sagte die Sprecherin. Um dies auf der Murrbahn zu vermeiden, habe Go Ahead die Fahrzeuge dort nun zunächst mehrere Wochen lang testen wollen. Die Stadler-Züge seien daher zwar pünktlich zur Betriebsaufnahme geliefert worden, allerdings einige von ihnen nicht zeitgerecht für die Tests auf der Murrbahn von Stuttgart über Crailsheim Richtung Nürnberg.

Ihre eigenen Angebote haben die Betreiber mit Blick auf die vergangenen zwei Jahre ordentlich ausgebaut: Auf fünf Strecken gebe es zusätzliche Stundentakte, auf vier Strecken weitere Züge im Halbstunden-Takt. Insgesamt seien laut Plan 120 zusätzliche Züge unterwegs - pro Werktag. Von den 158 neuen Fahrzeugen seien bislang aber nur 120 ausgeliefert worden - bis Mitte Dezember fehlten demnach 7000 eigentlich eingeplante neue Sitzplätze, die zum Teil mit alten Zügen aufgefangen werden.

Betroffen ist vor allem der Anbieter Abellio. Nach Angaben des Vorsitzenden der Geschäftsführung, Rolf Schafferath, seien von 25 bestellten Fahrzeugen nur 6 geliefert worden. Sollten weitere Züge notwendig sein, werde Abellio einen anderen Hersteller suchen, sofern die Ausschreibung dies ermögliche.

Zudem fehlen zum Fahrplanwechsel Lokführer bei sämtlichen Anbietern außer der Westfrankenbahn. „Dieser Beruf ist nach wie vor ein rares Objekt“, sagte Go Ahead-Geschäftsleiter Hans-Peter Sienknecht. „Es geht nur noch über Quereinsteiger“, meint zudem Tobias Harms vom Vorstand der SWEG (Südwestdeutsche Landesverkehrs-AG). Probleme seien nicht nur die schwierigen Arbeitszeiten, die Bezahlung und das anstehende Ausscheiden zahlreicher älterer Lokführer. „Vielmehr benötigen wir natürlich bei einem deutlich erweiterten Angebot auf der Schiene auch eine größere Mannschaft“, sagte Harms.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer schätzt, dass bundesweit schon jetzt etwa 1500 Lokführer fehlen, nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern auch bei Mitbewerbern oder im öffentlichen Nahverkehr.

Wegen der nach wie vor starken Zahl an plötzlichen Zugausfällen macht sich Minister Hermann Hoffnungen auf eine Art Lokführer-Bereitschaftstruppe. Mit der Standby-Lösung könnte das Land bei personellen Engpässen Lokführer an Verkehrsunternehmen ausleihen - „natürlich nicht als Spende, sondern auf Kosten der Betreiber. Der Zeitplan ist allerdings zuletzt ins Stocken gekommen, weil die Angebote der Dienstleister von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg für nicht wirtschaftlich tragfähig befunden worden waren.

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Erstellt:
9. Dezember 2019, 05:57 Uhr

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