Länder-Reporte
Failed States: Warum Menschen unterschiedlich auf Krisen reagieren
Ukraine, Gaza, Syrien: Von manchen Krisenherden dieser Welt gibt es täglich neue Schlagzeilen. Dagegen fallen andere humanitäre Katastrophen in der Berichterstattung hintenunter. Es zeigt sich ein regionales Muster.
© Imago/Jörg Boethling
Eine hohe Zahl an Konflikten ist heute die neue Normalität (auf dem Foto ist ein Panzerwrack im Südsudan zu sehen).
Von Markus Brauer/KNA
Auch im vergangenen Jahr haben sich weltweit wieder humanitäre Krisen abgespielt, von denen die Weltöffentlichkeit kaum Notiz nimmt. In der Zentralafrikanischen Republik spielt sich aktuell die am wenigsten beachtete humanitäre Krise ab, wie aus dem nun veröffentlichten Krisenreport 2025 der Hilfsorganisation Care hervorgeht.
CARE-Bericht: Zehn Krisen mit wenig medialer Aufmerksamkeit: https://t.co/MuoZtSRSyL 8 der 10 Länder sind in Afrika. Konflikte und Katastrophen nehmen zu, sagt @BarschdorfHager. Knappe Ressourcen führen dazu, dass es bei wenig Sichtbarkeit weniger #Hilfe gibt. — CARE Österreich (@careAustria) January 28, 2026
Unbeachteter Krisenstaat
Der zentralafrikanische Binnenstaat ist demnach als einziges Land in allen bisher erschienenen zehn Ausgaben des Krisenreports vertreten, nun zum ersten Mal auf dem ersten Platz.
Mit lediglich 1532 Presseartikeln spielt sich derzeit in der Zentralafrikanischen Republik die am wenigsten beachtete humanitäre Krise ab, wie aus dem Care- Krisenreport 2025 hervorgeht. Zum Vergleich: Über die Situation in Gaza erschienen im selben Zeitraum über 1,9 Millionen Artikel, über die Hochzeit von Amazon-Gründer Jeff Bezos in Venedig im Juni 96.927 Artikel.
Aufgrund des seit 2012 andauernden Bürgerkrieges ist die Zentralafrikanische Republik als zusammengehöriges, souveränes Staatsgebilde nicht mehr existent. Gemessen am realen Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ist es eines der ärmsten Länder der Welt.
Failed States – gescheiterte Staaten
Die Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik leidet laut Care-Report unter Gewalt und Vertreibung. Über 442.000 der rund 5,5 Millionen Einwohner lebten als Binnenflüchtlinge im eigenen Land, weitere knapp 665.000 seien in Nachbarstaaten wie Kamerun, Tschad oder die Demokratische Republik Kongo geflohen. Insgesamt seien rund 2,4 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, gleichzeitig hätten Kürzungen weltweit die Hilfe erschwert.
- Zur Info: Ein gescheiterter Staat (englisch: failed state) kann seine grundlegenden Funktionen nicht mehr erfüllen, weil die Regierung nicht mehr das ganze Staatsgebiet und nicht mehr die ganze Bevölkerung unter Kontrolle hat und sich De-facto-Staaten im Staat gebildet haben. Insgesamt gelten derzeit ungefähr ein Dutzend der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen als gescheitert, darunter die Demokratische Republik Kongo, Jemen und der Sudan.
Zur Info: Was ist eine Krise?
- Krise. Das Wort hat einen beunruhigenden, verstörenden, alamierenden Klang. Krise vom altgriechisch Krisis (κρίσις) und lateinisch crisis beschreibt den Kulminationspunkt einer eskalierenden Konfliktentwicklung in einem natürlichen oder sozialen Lebenssystem. Vorausgegangen ist diesem Zeitpunkt eine massive und problematische Funktionsstörung des Systems über einen längeren Zeitraum.
- Krise kann auch einen Wendepunkt bedeuten, bei dem sich plötzlich eine Entscheidungssituation bietet, die Chance zur Lösung der Konflikte oder die Wende zu deren Verschärfung ist.
- In der zeitlichen Wahrnehmung kann aber zumeist erst retrospektiv – also im Nachhinein, nachdem die Krise abgewendet oder beendet wurde, beurteilt werden, ob es sich tatsächlich um eine Wende gehandelt hat. Wenn nicht, ist der Weg in die Katastrophe und den Niedergang vorgezeichnet.
2026 wird wieder ein unruhiges Jahr
Forschungsinstitute weltweit prognostizieren auch für 2026 ein unruhiges Jahr: „Eine hohe Zahl an Konflikten ist die neue Normalität“, schreibt ACLED, eine nichtstaatliche Organisation mit Sitz in den USA, die Daten zu Konflikten weltweit sammelt und auswertet, in ihrem Ausblick auf das neue Jahr.
Damit setzt sich der Trend fort: Bereits 2025 waren laut ACLED schätzungsweise 831 Millionen Menschen – und somit 16 Prozent der Weltbevölkerung – von Konflikten betroffen. Die Forscher betonen, dass sich 56.000 Gewalttaten gegen Zivilisten richteten. Dies sei der höchste Wert dieser Art von Gewalt in den vergangenen fünf Jahren. 185.000 Gewalttaten wurden insgesamt für 2025 verzeichnet.
Laut Analyse waren nichtstaatliche bewaffnete Gruppen für etwa zwei Drittel aller Gewalttaten gegen Zivilisten sowie 59 Prozent der zivilen Todesopfer verantwortlich. Veränderungen gab es bei der Kriegsführung.
Krisen-Konzentration auf Afrika
Wie auch in den Vorjahren zeigt sich auch für 2025 eine Ballung der vergessenen Krisen in Afrika. Mit Honduras auf Platz fünf und Nordkorea auf Platz sechs liegen lediglich zwei Länder der Top Ten in der Care-Liste nicht auf dem afrikanischen Kontinent. Hinter der Zentralafrikanischen Republik folgen mit einigem Abstand Namibia (2379 Pressartikel), Sambia (2980 Artikel) und Malawi (3436 Artikel).
„Unsere Krisen dauern lange und sind komplex. Deshalb machen wir oft keine dramatischen Schlagzeilen“, erklärt die stellvertretende Länderdirektorin von Care Simbabwe, Charlene Pellsah Ambali. Das Vergessen und Normalisieren dieser Krisen habe allerdings konkrete Auswirkungen. „Für die Menschen bedeutet das, dass weniger Ressourcen verfügbar sind und es weniger Hilfe gibt.“
Vergessene Krisen
Eine vergessene Krise ist laut Definition der EU „eine schwere, lang andauernde humanitäre Krise, in der die betroffene Bevölkerung nur unzureichende oder gar keine internationale Hilfe erhält“. Hinzu kommen ein Mangel an politischem Willen zur Beilegung der Krise sowie an medialer Aufmerksamkeit. Rund 43 Millionen Menschen weltweit sind laut Care von den zehn am meisten vergessenen Krisen betroffen.
Für die Rangliste erstellt der Medienbeobachtungsdienst Meltwater im Auftrag von Care den Angaben zufolge aus etwa 345.000 Online-Medien jährlich eine Datenanalyse über die humanitären Krisen, über die am wenigsten berichtet wurde. Dabei wurden nur Krisen berücksichtigt, von denen mindestens eine Million Menschen betroffen sind. Für das Jahr 2025 wurden demnach insgesamt 43 humanitäre Krisen auf der Welt erfasst.
Persönliche Verbindung macht Unterschied
Was macht den Unterschied, warum über manche Krisen hierzulande mehr berichtet wird als über andere? Der Generalsekretär von Care Deutschland, Karl-Otto Zentel, begründet das vor allem mit der persönlichen Relevanz für die Menschen. So habe der Krieg in der Ukraine durch wirtschaftliche Folgen und Fluchtbewegungen auch eine unmittelbare Verbindung zur EU und zu Deutschland.
Wenn über andere Krisen, wie etwa die im Sudan, öffentlich stärker berichtet werde, liege das zumeist an großer Dramatik und hohen Opferzahlen. „Leider bleibt die Aufmerksamkeit auch in diesen Fällen nie lange bestehen.“
„Geschichten in den Krisen finden“
In den vergangenen zehn Jahren, in denen der Bericht erschien, hat es laut Care aber auch positive Entwicklungen gegeben. Es seien neue Verbindungen entstanden, auch durch die Sozialen Medien, über welche die Betroffenen ihre Geschichten wirksamer teilen könnten. Gleichzeitig wachse durch die Kürzung der Entwicklungsgelder die Gefahr, dass mehr Krisen vergessen würden.
Die mediale Berichterstattungalleine bringe zwar noch keine Unterstützung. Allerdings schaffe sie öffentliche Aufmerksamkeit und könne damit den Grundstein für weiteres Interesse legen, das sich langfristig auch finanziell niederschlagen könne. „Gesehen zu werden ist auch eine Frage der Würde“, betont Zentel. Hilfswerke wie Care können dafür sorgen, „Geschichten in den Krisen zu finden, die sie menschlich und bewegend machen“.
Zehn vergessene Krisen 2025
Care-Krisenreport Die Hilfsorganisation Care erinnert nun schon zum zehnten Mal immer am Jahresanfang an humanitäre Krisen, die im jeweils vergangenen Jahr kaum Schlagzeilen machten.
1. Zentralafrikanische Republik (1532 Artikel) Der rohstoffreiche afrikanische Binnenstaat zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Seit zwölf Jahren sorgt ein Konflikt mit andauernder Gewalt dafür, dass rund 2,4 der 5,5 Millionen Einwohner in großer Not leben und auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Rund 1,1 Millionen Menschen sind in- und außerhalb des Landes auf der Flucht. Die Zentralafrikanische Republik ist als einziger Staat durchgängig in allen zehn Krisenreporten, die seit 2016 erschienen sind, vertreten.
2. Namibia (2379 Artikel ) Der südwestafrikanische Staat macht derzeit die größte Dürre seit 100 Jahren durch. Nutztiere verenden, die Ernten brachen im vergangenen Jahr dramatisch um über 80 Prozent ein. Über ein Drittel der rund 3,1 Millionen Einwohner ist von Ernährungsunsicherheit bedroht. Zudem sorgt die Wasserknappheit für eine Ausbreitung von Durchfallkrankheiten, da immer mehr verschmutztes Wasser getrunken wird. Auf der anderen Seite wurden zuletzt große Fortschritte in der Gleichberechtigung der Geschlechter erzielt. Zu Beginn des Jahres 2025 hatten erstmals drei Frauen die drei höchsten Staatsämter inne.
3. Sambia (2.980 Artikel) Wie Namibia wirkt sich auch in Sambia der Klimawandel dramatisch aus, allerdings in Form von Überschwemmungen. Die Fluten haben im vergangenen Jahr große Teile der Ernten zerstört. Aktuell sind laut Care rund 5,5 der knapp 22 Millionen Sambier auf Unterstützung angewiesen. Über 1,2 Millionen Menschen sind von Ernährungsunsicherheit bedroht. Gleichzeitig bedrohten zunehmende Bodenerosionen die Lebensgrundlage in dem südafrikanischen Binnenstaat.
4. Malawi (3436 Artikel) Ein Wechselspiel von Dürren und Überschwemmungen sorgt auch in Malawi für dramatische Ernteausfälle. In Sambias Nachbarstaat sind laut Care etwa 6,1 der über 22 Millionen Einwohner in Not. Um die Situation der Menschen zu verbessern, brauche es vor allem einen Ausbau der Frühwarnsysteme für Naturkatastrophen sowie klimaresistente Lebensgrundlagen.
5. Honduras (3533 Artikel) Das einzige mittelamerikanische Land in den Top Ten leidet unter Armut, Gewalt und der Klimakrise. Fast die Hälfte der gut 11 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze, durch Dürren und damit steigende Lebensmittelpreise seien 1,6 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit bedroht. Dabei seien vor allem Frauen betroffen. Auch seien körperliche Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen und Mädchen deutlich angestiegen.
6. Nordkorea (4075 Artikel) Der vielleicht überraschendste Eintrag auf der diesjährigen Liste. Berichte über Raketentests oder Militärparaden aus der isolierten Diktatur finden sich durchaus häufig. Dahinter verberge sich jedoch auch eine deutlich weniger beachtete humanitäre Krise, die wohl weit über ein Drittel der gut 26 Millionen Einwohner betrifft. Nach UN-Schätzungen sind 40 Prozent der Nordkoreaner in unterschiedlichem Ausmaß von Unterernährung betroffen. Fast jedes fünfte Kind unter fünf Jahren leide wegen Mangelernährung an Wachstumsverzögerungen. Gleichzeitig sei internationale Hilfe aufgrund der Sanktionen gegen das Regime kaum möglich.
7. Angola (4132 Artikel) Der Atlantik-Anrainerstaat im Südwesten des afrikanischen Kontinents stand im Vorjahr noch auf Platz eins der Liste. Neben anhaltenden Dürren sorgten Unruhen und eine landesweite Cholera-Epidemie weiterhin für eine schwierige humanitäre Lage. Nach UN-Angaben sind fast 2,6 der 39 Millionen Einwohner auf Hilfe angewiesen, die Hälfte davon Kinder. Und das, obwohl das Land einer der größten Ölproduzenten des Kontinents ist.
8. Burundi (5879 Artikel) Mit neun Auftritten gehört Burundi, knapp hinter der Zentralafrikanischen Republik, zu den Dauergästen im Krisenreport. Der ostafrikanische Binnenstaat ist mit Extremwetterereignissen, politischen Unruhen und massiven Fluchtbewegungen, vor allem aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo, konfrontiert. Insgesamt haben laut Care 1,2 Millionen der über 14 Millionen Einwohner nicht genug zu essen. Etwa die Hälfte davon leide unter akuter Mangelernährung. Partnerschaftsgewalt und Kinderehen seien für Frauen und Mädchen ein zunehmendes Problem.
9. Simbabwe (5905 Artikel) Der südafrikanische Binnenstaat ist ein weiterer Betroffener des Klimawandels. Das Auftreten von Dürren habe sich deutlich gehäuft: von einer pro Jahrzehnt auf einen Zwei- bis Dreijahresrhythmus. Mindestens 7 der insgesamt 17 Millionen Einwohner leiden laut Care Not. Dabei sei die ländliche Bevölkerung besonders stark betroffen.
10. Madagaskar (6210 Artikel) Afrikas größte Insel schließt die diesjährige Rangliste ab. Auch Madagaskar gehört zu den am schwächsten entwickelten Staaten der Erde. In der ersten Jahreshälfte versehrten gleich mehrere schwere Katastrophen – darunter Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürme – die Insel. Rund 4,7 Millionen Menschen, darunter 2,3 Millionen Kinder, benötigten 2025 aufgrund von Ernährungsunsicherheit, Krankheitsausbrüchen und Klimakatastrophen humanitäre Hilfe. Die Zuspitzung der Krise sorge zudem für Unruhen im Land. Im Oktober 2025 übernahm das Militär die Macht. (KNA)
