Farbenfroher Blickfang am Murrufer

„Endlich Farbe in das triste Eck bringen“, das hat sich Hajo Ungerer für sein Haus in der Eduard-Breuninger-Straße vorgenommen und sich mit zwei Backnanger Objektgestaltern zusammengetan. Das bunte Ergebnis im Kubismusstil sorgt für Begeisterung.

Das Haus im Kubismusstil am Kalten Wasser zieht viele Blicke auf sich. Auftraggeber Hajo Ungerer und die Künstler Thomas Idler und Marius Blum (von links) sind zufrieden. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Das Haus im Kubismusstil am Kalten Wasser zieht viele Blicke auf sich. Auftraggeber Hajo Ungerer und die Künstler Thomas Idler und Marius Blum (von links) sind zufrieden. Fotos: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Wer in der vergangenen Woche über die Aspacher Brücke stadteinwärts gekommen ist, dem ist es vielleicht aufgefallen: etwas ist anders, freundlicher, farbenfroher. Zwischen der hohen Betonwand entlang der Murr und dem grauen Bürogebäude blickt dem Betrachter nämlich das Porträt einer Frau entgegen. Auf drei Hausseiten verteilt ist das Porträt in Blau-, Grün- und Pinktönen, alles mit einem surrealen, kubistischen Anklang. „Ich wollte einfach Farbe in dieses graue und triste Eck bringen“, erzählt Hajo Ungerer, der Besitzer des Wohnhauses und des Dekogeschäfts im Erdgeschoss. Das Konzept kommt von den Künstlern von „Adkru“, Thomas Idler und Marius Blum. „Als Künstler ist es besonders toll, wenn der Auftraggeber in die künstlerische Kreation vertraut und einem freie Hand bei der Gestaltung lässt“, sagt Idler.

Herausforderndes Projekt, viel positive Resonanz.

Und mit ihrer Idee haben sie bei Ungerer direkt ins Schwarze getroffen. „Wir haben sofort eine gemeinsame Linie gefunden, nur ein paar Bäume mussten sie noch hinzufügen“, sagt Ungerer. Er sei großer Fan des Kubismus, die Künstler Picasso und Dalí haben ihn immer beeindruckt: „Die haben etwas bewegt und sich was getraut, auch wenn sie dafür mal eins auf den Deckel bekommen haben. Ich sehe das auch so: Man muss einfach etwas tun, etwas anfangen. Ich frage lieber hinterher nach Verzeihung.“ An dieses Prinzip hat sich Ungerer auch bei der Gestaltung seiner Hausfassade gehalten. Was genau geplant war und was hinter dem Gerüst entstanden ist, hat er lange vor Nachbarn geheim gehalten.

Dreieinhalb Wochen haben die Künstler an dem Haus gearbeitet, etwa 60 verschiedene Farben verwendet und rund 430 Dosen verbraucht. Für Blum und Idler eines der größten Projekte bisher. Unter dem Namen Adkru haben sie sich als professionelle Objektgestalter selbstständig gemacht. „Wir wollen zeigen, dass man mit der Sprühdose Kunst erschaffen kann, auch im öffentlichen Raum ist das möglich.“ Das Projekt an der Murr sei dafür nur ein Beispiel, vor allem Unterführungen, Stromkästen und unansehnliche Flecken in Städten könne man mit den Graffitikunstwerken nicht nur verschönern, sondern auch vor Vandalismus schützen. Das neu gestaltete Haus in Backnang ist dagegen in privater Hand, im Untergeschoss betreibt Hajo Ungerer einen Dekoladen, oben sind Wohnungen. Auch er hat immer wieder Probleme mit Schmierereien.

Für die Künstler von Adkru war das Haus an der Murr kein alltägliches Projekt, nicht nur, weil sie in ihrer Heimatstadt damit einen Hingucker schaffen konnten. „Das Besondere ist, dass es nicht viele Häuser gibt, die komplett gestaltet sind. Die meisten Murals beschränken sich auf eine Hauswand“, sagt Blum. Das mache zwar das Herausstechende an dem Motiv aus, war aber auch der Grund für einige Herausforderungen bei der Gestaltung. Zum Beispiel haben die Künstler drei Wochen lang auf dem Gerüst gearbeitet. Sie konnten Linien nicht ohne Unterbrechung sprühen, sonder mussten zwischendurch eine Gerüstetage tiefer gehen und die Linien genau passend fortsetzen. Auch wurde das Motiv so über die Hauskanten gelegt, dass diese fast verschwinden und Betrachter zweimal hinsehen müssen, um zu erkennen, wo eine Hausseite aufhört und die andere anfängt. Auch das war nicht ganz einfach zu bewerkstelligen. „Außerdem kann man immer nur zwei Hausseiten zeitgleich sehen. Die Komposition beinhaltet jedoch alle drei Seiten“, sagt Blum. Die Komposition im Vorfeld, so die Künstler, sei deshalb enorm wichtig und herausfordernd gewesen. „Das macht das Projekt aber auch sehr interessant, wir mussten immer alle Perspektiven berücksichtigen“, sagt Idler.

Wie bei allen großflächigen Projekten sei es außerdem sehr schwer, die Größe richtig einzuschätzen, wenn die Sprayer direkt vor der Wand stehen. Immer wieder mussten sie das Gerüst verlassen und auch mal einen Blick von der Aspacher Brücke oder vom anderen Murrufer auf das Haus werfen. „Wenn man zum Beispiel direkt an der Wand ein Detail malt, kommt es einem manchmal sehr groß vor. Dann geht man runter vom Gerüst und geht auf Abstand und merkt, wie klein es dagegen im Gesamtmotiv wirkt“, erklärt Blum. Die Arbeit auf dem Gerüst und das ständige Hoch- und Runtersteigen erschwerte die Arbeit weiter. „Durch das Regenwetter und das nasse Gerüst musste man sich besonders konzentrieren“, sagt Idler. Dauerhaft konnten sie auf dem Gerüst aber nicht arbeiten, für die letzten drei Tage wurde eine Hebebühne organisiert, damit die fehlenden Linien gezogen und Details eingefügt werden konnten.

Ob die außergewöhnliche Farbgestaltung bebauungsrechtlich überhaupt erlaubt ist, darüber macht sich Ungerer eher wenig Gedanken. Dass sich jemand an dem Kunstwerk stört, kann er sich nämlich nicht vorstellen. „Die Resonanz war durchweg positiv. Von der Oma beim Bäcker bis zu den Kindergartenkindern nebenan sind alle begeistert“, sagt Ungerer. Auch die Künstler haben schon während der Gestaltung viel positive Rückmeldung bekommen, so Idler. „Die Leute haben sich Zeit genommen, sind auch mal einen Umweg gegangen, um mit uns zu sprechen und nachzuschauen, was denn da entsteht. Alle waren sehr interessiert.“ Paketboten haben neugierig angehalten, Nachbarn regelmäßig die Fenster geöffnet und Kaffee angeboten, Kindergartenkinder haben die verschiedenen Farben diskutiert. Das Haus hat aber auch schon über Backnang hinaus auf sich aufmerksam gemacht. Über Social Media habe Adkru viel Zuspruch, unter anderem sogar aus England, bekommen. Und als Fotomotiv hat es auch schon die Ersten nach Backnang gelockt. „Eine ist sogar extra aus Kaiserslautern hergefahren“, sagt Ungerer. Für die Künstler durchaus ein Kompliment, solange ihre Arbeit auch wertgeschätzt wird. „Als Künstler freuen wir uns natürlich sehr, wenn jemand extra so weit fährt, um das Bild zu sehen, und uns dazu noch in seinen Posts erwähnt oder kontaktiert“, sagt Idler.

Wo hört eine Seite auf, wo fängt die andere an? Der Betrachter muss zweimal hinsehen, um zu erkennen, wo die Hauskante tatsächlich verläuft.

© Alexander Becher

Wo hört eine Seite auf, wo fängt die andere an? Der Betrachter muss zweimal hinsehen, um zu erkennen, wo die Hauskante tatsächlich verläuft.

Was ist erlaubt?

Baudezernent Stefan Setzer betont: „Das Stadtbild Backnangs lebt von seiner Vielfalt. Unterschiedliche Baustile und Bauepochen sind ablesbar, die Stadtgeschichte wird damit auch in der gebauten Umgebung erlebbar.“ Hauptziel bei der Farbgestaltung und Verwendung von bestimmten Bauteilen sei es, ein insgesamt stimmiges Gesamtbild des Gebäudes zu erzeugen.

Im vorliegenden Fall in der Eduard-Breuninger-Straße sei es so, dass keine konkreten baurechtlichen Vorschriften die Fassadengestaltung regeln, da für diesen Bereich kein Bebauungsplan und keine Gestaltungssatzung existiert. „Eine Baugenehmigung für die Farbgestaltung ist also nicht erforderlich“, so Setzer.

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Erstellt:
3. November 2020, 11:30 Uhr

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