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Fasnet ist mehr als Party und Besäufnis

Tradition funktioniert nur, wenn sie mit Leben gefüllt wird – die Narren müssen ihre Chance nutzen

Stuttgart Preisfrage: Welches außergewöhnliche Großereignis findet im Januar 2020 in Stuttgart statt? Die Auflösung: Das größte Narrenspektakel der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ist bei den Küblern in Bad Cannstatt zu Gast. Alle 68 Mitgliedszünfte der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte treffen sich. 10 000 Hästräger werden erwartet. Stuttgart hat einmal mehr die Chance, den perfekten Gastgeber zu spielen. Aber es verwundert schon, wie reserviert viele Stuttgarter auf die fünfte Jahreszeit reagieren, was oftmals sogar in einer aggressiven Ablehnungshaltung mündet. Die oft zu Recht gerühmte Toleranz der Stuttgarter ist da schnell am Ende. Und das, obwohl sich eigentlich jedes Kind an Fasching gern verkleidet.

Doch warum ist das so? Klar: Die Landeshauptstadt ist in vielen Dingen spitze, bei der Fasnet spielt die Guggenmusik woanders. In katholischen Landen tut sich die traditionelle Fasnet ohnehin leichter. In Stuttgart führen Karnevalsgesellschaften sowie Hexen, Felben und die Hofener Scillamännle eine friedliche Koexistenz. Sie leisten alle wichtige ehrenamtliche Arbeit, die Jung und Alt zugutekommt. Auch wenn viele die Fasnet für eine neuere Erfindung in Stuttgart halten, sie irren: 1853 gab es einen ersten Narrenumzug in Cannstatt. Klar ist aber, dass die Fasnet polarisiert. Man ist dabei oder eben außen vor.

Ohnehin vergessen viele, das die schwäbisch-alemannische Fasnet ein wichtiges Brauchtum ist, das nicht ohne Grund auf der nationalen Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland steht. Doch Tradition funktioniert nur, wenn sie mit Leben gefüllt wird. Dafür sorgen im ganzen Land zahlreiche Zünfte. Wer die Fasnet ernst nimmt, für den ist die fünfte Jahreszeit eben nicht eine Mischung aus Schlager, Party und Besäufnis. Wohin so etwas führen kann, zeigt sich am Beispiel der Hexengruppe, die beim Faschingsumzug in Eppingen eine junge Frau in einem Kessel mit kochendem Wasser schwer verbrüht hat. Zwar wurde in einem Prozess ein Angeklagter zu einer Geldstrafe verurteilt. Doch was eigentlich viel schlimmer ist: Keiner der Hexen-Feiglinge hat sich seiner Verantwortung gestellt. Das allgültige Narrenmotto: „Jedem zur Freud und niemand zu Leid!“ wurde da mit Füßen getreten.

Jüngst hatte auch ein anderer Fall für Aufsehen gesorgt. Mit einer der prominentesten Narrenvertreter ist derRottweiler Schantle. Ein Spender hatte jüngst dem Museum für Alltagskultur in Waldenbuch ein solches Narrenkleidle zukommen lassen. Um damit gegen eine Fastnacht, die sich für ihn immer mehr in Richtung Touristenattraktion verändert zu prostieren. Besonders geärgert hatte ihn, dass beim Narrensprung die „Möchtegernnarren“ ihre Larve, sprich Maske, lupften. Selbstverliebtheit und Fasnet vertragen sich eben nicht.

Gezwungenermaßen müssen die Narren an vielen Orten auch die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen, weil immer wieder junge Leute bei den Umzügen handfeste Auseinandersetzungen anzetteln.

Welche Schlüsse lässt das zu? Der schwäbisch-alemannischen Fasnet bleibt nur, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen und den Sinn des Brauchtums gerade auch Nicht-Narren näherzubringen – oft kocht manche Zunft zu arg im eigenen Saft. Die Narren müssen raus in Schulen, Kindergärten und dort direkt informieren. Dass das Brauchtum auf der Kulturerbe-Liste steht, ist eben auch eine Verpflichtung. Die Stuttgarter können spätestens 2020 vor der Haustür erleben, wie vielschichtig die Zünfte sind. Diese Chance sollte man nutzen, aber nicht im schwarzen Mantel, sondern in bunter Verkleidung. Stuttgart ist doch so gern bunt.https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schuldspruch-im-hexenkessel-prozess-der-richter-ist-sich-sicher-diese-hexe-war-s.0726e7bd-b75a-460b-a207-235d9da0b173.htmlhttps://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.museum-fuer-alltagskultur-in-waldenbuch-erhaelt-neues-ausstellungsstueck-narrenkleid-aus-protest-verschenkt.73738d28-1e4b-4b62-894e-432cd33dc391.html

kai.mueller@stzn.de

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Erstellt:
23. Februar 2019, 03:04 Uhr

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